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Schockieren durch Outfit? Zu anstrengend

■ Mit Jesuslatschen oder Wischmobfrisur Aufsehen zu erregen, ist 30 Jahre später aussichtslos

Optisch ein Desaster. Aber was für eine Performance! Lange mittelgescheitelte Haare, selbstgehäkelte Baumwollpullis, abgewetzte Zimmermannshosen und Schlabberkleidchen allerorten. Woodstock war nicht etwa eine kollektive Fehlleistung bei der morgendlichen Toilette, sondern wies seine Besucher als topmodisch aus. Und damit als antimodisch. Nirgends ein Minirock, Anzug oder gar eine Bienenkorbfrisur. Zu fashionable. Die Klamotte hatte Protest zu signalisieren. Protest gegen die textile Etikette. Chic ist nichts, Politik ist alles.

Etwa die Jeans – ursprünglich die billige Arbeitshose der amerikanischen Working class. Sie gehörte 1969 bereits zur Pflichtausstattung eines Protestjugendlichen. Kein Happening ohne Nietenhose. In West- und Mitteleuropa zog dieses Kleidungsstück zu jener Zeit noch Taschengeldentzug nach sich oder wurde mit dem Rausschmiß aus der Vorlesung geahndet. Dem Spiegel schwante bereits 1966 die „Invasion der Gammler“.

Oder die langen Haare und Bärte von Woodstock. Unter dem Eindruck des Vietnamkrieges wollten die Blumenkinder in den Vereinigten Staaten und auch später in Europa weich erscheinen, biblisch-gütig, nicht hart oder womöglich soldatisch.

Das dünne Lederband um die Stirn – eine Grußnote an die unterdrückten indianischen Ureinwohner Amerikas; die Strähne in der Stirn – eine Aufwartung an den freien Lauf der Natur. Da wurde nichts künstlich gelockt, geföhnt oder toupiert.

Nicht zu vergessen die unzähligen afghanischen Schaffelljacken, Ponchos, Gauchohosen oder Djellabahs – gerne auch kombiniert und zumeist erdig gebrochen in den Farben, natürlich eben. Woodstock machte deutlich: Mit traditioneller Volkstracht hat Folklore nichts zu tun. Wer dem Ethnolook frönte, zeigte: Hier kommt ein guter Mensch, einer, der Achtung hat vor den Völkern dieser Erde. Denn sind wir nicht alle eine große Familie?

Vorbei. Mit Jesuslatschen oder Wischmobfrisur zu schockieren, ist 30 Jahre später so gut wie aussichtslos: Hatten wir schon! Brav ist wieder in, grämt sich bisweilen die Generation der Achtundsechziger. Mode, die Ausdruck einer Geisteshaltung sein soll? Zu anstrengend. Uta Andresen

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