: Schlechte Luft löst Kinder-Allergien aus
■ Studie an Charlottenburger Schülern der 3. Klasse: Jedes fünfte Kind leidet unter allergischer Krankheit/ Verursacher sind vor allem Autoabgase
Berlin. In Charlottenburg leidet jedes fünfte Kind zwischen neun und elf Jahren an Asthma, Heuschnupfen, Augentränen, Nesselfieber und Neurodermitis. Nach einer Untersuchung des Gesundheitsamtes an 512 Schülern der 3. Klasse lösten neben feuchten Wohnräumen vor allem die Schadstoffe des Autoverkehrs die Krankheit aus, sagte gestern die Untersuchungsleiterin Gabriele Ellsäßer der taz.
Durch feuchte Räume werde die Vermehrung der Hausstaubmilbe gefördert, die den Schleimhäuten zu schaffen mache, erläuterte die stellvertretende Amtsärztin weiter. Die Luftschadstoffe dagegen würden Pollen so verändern, daß sie ebenfalls die Schleimhäute reizen und das Immunsystem aktivieren. Lebensmittel sollen dagegen nur bei Kleinkindern zu übersensiblen Reaktionen des Abwehrsystems führen.
Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen lege den Schluß nahe, daß vor allem die Luftschadstoffe allergische Krankheiten auslösten — denn in Vergleichsgebieten mit relativ sauberer Luft gebe es erheblich weniger allergiekranke Kinder. In Charlottenburg werde die Luft vor allem durch Autos verschmutzt, Schadstoffe aus Ofenheizungen und Industrieschloten seien erheblich zurückgegangen. Die Senatsverwaltung für Gesundheit sei gefordert, ähnlich wie in NRW, auch in Berlin ein Wirkungskataster zu erstellen. Mit Hilfe des Katasters werden die Luftqualität und Allergiehäufigkeit für bestimmte Gebiete dargestellt.
Die Gesundheitsverwaltung sieht dagegen einen Zusammenhang zwischen Autoabgasen und Allergien als noch nicht bewiesen. Dies sei nicht untersucht worden, für die Kindererkrankungen seien viele Ursachen möglich. Ob die Untersuchung auch auf andere Bezirke ausgeweitet werden soll, sei noch nicht entschieden, sagte Gabi Lukas, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung.
Die »Arbeitsgemeinschaft allergisches Kind« ist über die Charlottenburger Untersuchung dankbar. Bisher sei es eine subjektive Meinung, daß der Gesundheitszustand von Kindern sich schon lange vor Ausrufen des Smogalarms verschlechtere, sagte Gisela Nickel, Vorsitzende des Vereins. Der Senat habe die Forderung nicht erfüllt, die Schadstoffe in der Stadt zu vermindern, bemängelte Nickel.
Daß 20 Prozent der untersuchten Kinder an allergischen Krankheiten leiden, müsse äußerst ernst genommen werden, betonte Ellsäßer vom Gesundheitsamt. Denn bei Schulausflügen dürften die betroffenen Knirpse nur mitkommen, wenn sie Medikamente nehmen. Auch sonst seien häufig Antihystamine notwendig, denn wenn ihre Augen tränen, könnten die Schüler sich im Unterricht nicht konzentrieren.
In Berlin werde die Verringerung des Verkehrs sehr wichtig genommen, sagte Umweltstaatssekretär Lutz Wicke zur Allergiestudie. Ein entsprechendes Konzept für die Innenstadt werde entworfen. Aber selbst wenn sich ein Zusammenhang zwischen Krankheiten und Auspuffqualm ergeben sollte, könnten gegen den Verkehr spürbare Eingriffe frühestens in zwei Jahren vorgenommen werden. Dirk Wildt
Siehe auch Seite 22
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