Schlafplatz: Weiblich sucht Obdach in Hamburg

Wenn es kalt ist, werden Notunterkünfte für Obdachlose knapp. In Hamburg hat die Stadt deshalb den Bunker am Hauptbahnhof geöffnet. Unsere Reporterin wollte dort eine Nacht verbringen - und landete am Ende in einem Schlafsaal für Frauen.

Wer das versteht, bitte links abbiegen: Dort geht es zum "Raum, der vor Erfrieren schützt" - dem Bunker. Frauen sollten dort allerdings nicht schlafen. Bild: Mauricio Bustamante

Sie wollen mich hier nicht haben. Kaum habe ich den dunklen Gang am Eingang betreten, bin ich umstellt - von fünf Männern, die mir den Weg versperren. "Das hier ist nichts für Frauen", sagt einer. Hier, das ist der Tiefbunker am Hachmannplatz, die Männer sind Sicherheitsleute, und ich bin heute Nacht obdachlos, auf der Suche nach einem Schlafplatz. Warum dürfen Frauen hier nicht schlafen? Als ich in den U-Bahn-Eingang "Hauptbahnhof Nord" hinunter gestiegen bin, war da nur ein Hinweisschild, das auf polnisch und deutsch Schutz vorm Erfrieren versprach. Draußen sind fünf Grad minus, im Laufe der Nacht soll es noch kälter werden. Wo also liegt das Problem? "Das Problem sind die Männer hier", sagt ein Sicherheitsmann. Er druckst herum. "Naja, seit letzter Nacht versuchen wir es einfach zu vermeiden." Konkreter will er nicht werden. Sein Körper ist von einschüchternder Größe, er spricht mit starkem polnischen Akzent.

Das Winternotprogramm, das von November bis April zusätzlich 200 Notunterkünfte zur Verfügung stellt, war in diesem Jahr schon nach wenigen Wochen überlaufen. Deshalb hat die Stadt Hamburg für zusätzliche Schlafplätze im Bunker am Hauptbahnhof gesorgt. "Eine Notunterkunft kann man das hier nicht nennen", sagt der Sicherheitsmann. Man würde nur nicht erfrieren.

Schon oben am U-Bahn-Schacht waren mir die Bier trinkenden und rauchenden Polen aufgefallen. Sie sind überall. Sie liegen auf den bereit gestellten Feldbetten, stehen am Eingang herum, mustern mich. "Dosyc mloda", höre ich von hinten. "I do pieprzenia." Ziemlich jung soll ich also sein, und fickbar. Dass Polnisch meine Muttersprache ist, will ich jetzt lieber nicht sagen. Und hier bleiben auch nicht. Warum leben so viele Polen in Hamburg auf der Straße? Bis heute hatte ich nur über sie gelesen, aber dem zuständigen Hamburger Sozialsenator Dietrich Wersich sind sie schon viel früher aufgefallen. Er hat gesagt: "Wir können in Hamburg nicht die Probleme Europas lösen." Die ehemalige dänische Sozialministerin Karen Jespersen hat es noch schärfer formuliert. Man dürfe nicht "Dänemark zur Wärmestube der ganzen Welt machen." Seit 2007 wird in Dänemark ausländischen Obdachlosen eine Übernachtung in Notunterkünften verwehrt. Bisher ist es in Hamburg noch nicht so weit. "Niemand muss auf der Straße schlafen!", steht auf einer Broschüre der Stadt.

Ich muss jetzt erstmal meine polnische Identität loswerden. Wie ich denn heiße, hat mich der Sicherheitsmann gerade gefragt. Einen deutschen Namen erfinden, darauf bin ich überhaupt nicht vorbereitet. "Martina Stock", sage ich. Keine Ahnung wieso. "Du solltest in die Sportallee gehen, kennst du die?" Da gebe es Frauenzimmer, und Duschen. Er greift zum Telefonhörer, um sich nach freien Plätzen zu erkundigen. In den unterirdischen Hallen hier sieht es aus wie in einem Lazarett, ein Feldbett neben dem anderen, die meisten sind schon belegt. Hinten links sehe ich einen Mann, etwa Ende 40, mit hochrotem Kopf auf dem Bauch liegen. Sein Gesicht ist aufgedunsen. Neben ihm auf dem Boden schwimmt eine Kotzlache. "Sie haben in der Sportallee noch zwei Plätze frei", sagt der Sicherheitsmann. Normalerweise gebe es einen Shuttle-Bus von der Bahnhofsmission, aber jetzt sei es schon 22.30 Uhr, der letzte Bus fuhr vor drei Stunden. Er gibt mir einen Zettel mit der Wegbeschreibung. In kleiner, unbeholfener Handschrift steht gekritzelt: Sportallee 70, U1 bis Alsterdorf, dann Bus 23, Haltestelle: Heselstücken. Er wünscht mir viel Glück, zum Abschied überreicht er mir mit seiner großen Pranke ein Salamibrötchen.

Oben an der frischen Luft drängen sich Theaterbesucher vor dem Schauspielhaus. Die Vorstellung ist gerade zu Ende, sie lachen, unterhalten sich. "Frohe Weihnachten!", schreit einer. In meinen etwas zerlumpten Klamotten gehöre ich nicht hierher. Ich verschwinde wieder in den U-Bahn-Tunnel. Eine Dreiviertelstunde später stehe ich vor einem rötlichen Neubau im Hamburger Norden. In dem Gebäude schlafen Flüchtlinge, Asylbewerber und Obdachlose - meine Schlafstätte für heute Nacht. Eine füllige, blonde Frau mit einem dunkelblauen Pulli, wie ihn scheinbar alle Sicherheitsleute tragen, erwartet mich schon. "Martina Stock?" Sie will meinen Ausweis sehen. Ich sage, ich hätte keinen dabei, er sei, äh, bei einer Freundin. Sie schaut mich an. "Ach egal, dann sind wir heute mal nett."

Auf ihrer Liste werde ich zur Nummer 95 dieser Nacht, Bett 1 in Zimmer 88. Ich bekomme ein kleines Handtuch, ein Laken und eine dünne Decke. Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht, in Zimmer 88 ist es schon dunkel. Die Blonde knipst den Lichtschalter an. Grelles Neonlicht von der Decke blendet mich - und drei Frauen, die fast gleichzeitig ihre Augen öffnen. Sie schauen mich an, uninteressiert, schlaftrunken, und schlafen wieder ein. Das Zimmer ist karg eingerichtet.

Ich räume das Bett neben der Tür frei und lege mich hin. Ich friere. Ich denke. Ich kann nicht einschlafen. Die drei schnarchen und wälzen sich unruhig hin und her. Eine von ihnen, später wird sie sich als Gabi vorstellen, wird alle fünf Minuten von ihrem eigenen Hustenanfall geweckt. Er hört sich stark nach Bronchitis an. Ich habe ein Gefühl für die Zeit verloren, es mag zwei Uhr sein, da fängt Gabi plötzlich an, im Schlaf zu sprechen. Irgendeine Beziehungsgeschichte, ich verstehe nicht alles, plötzlich schreit sie: "Weißt du, es gibt Männer, die gehn gar nicht!"

Das Wachliegen macht mich wahnsinnig, die Beine kribbeln, in der Brust eine seltsame Schwere. Ich gehe aufs Klo. "Dieser Bereich ist videoüberwacht", hatte mir die blonde Sicherheitsfrau gesagt. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. Auf dem Weg zurück ins Bett, es ist Viertel vor drei, entdecke ich Gabi im Raucherzimmer. "Geht es dir besser?", frage ich. Keine Antwort. Ihre Haare sind kurz, nach oben gegelt, ihr Blick ist leer. Sie zuppelt an den Ärmeln ihres schwarzen Kapuzenpullis, auf der Brust ein St.-Pauli-Totenkopf. Gabi redet nicht. Erst nach einer halben Stunde Schweigen und acht Zigaretten werde ich Bruchstücke ihres Lebens erfahren, es wird durchschimmern, dass ihr Leben vor drei Jahren noch ganz anders aussah. Doch plötzlich war der Job weg, wenig später die Wohnung, bei ihrer Freundin musste sie irgendwann auch ausziehen. "Du weißt ja, wie schnell das manchmal geht." Ich sage nichts. Mittlerweile arbeite sie sogar wieder, am Fließband. Ganz okay, sagt sie. "Aber bei sechs Euro Stundenlohn kannst du eine Wohnung in Hamburg vergessen."

Dass sie Anspruch auf Hilfe hat, beispielsweise Wohngeld beantragen kann, interessiert Gabi nicht. "Ich hasse Amtsgänge, die behandeln einen wie ein Kind. Ich will es selbst schaffen." Sie geht zurück ins Bett. In dieser Nacht werde ich mit niemand mehr ins Gespräch kommen. Ich werde weiter im Raucherraum sitzen, später im Bett liegen, hellwach und müde zugleich. Um sechs Uhr werde ich mit den anderen aufstehen und mich auf die schneebedeckten Straßen schleppen. Auf dem Weg nach Hause dann, in der U-Bahn, der erlösende Schlaf - bis mich die Ansage an der Endstation weckt.

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