Schiedsrichter im Profifußball: Mehr Schund als Krimi

Wenn der Fußball zum Krimi hochgejazzt wird, wer ist dann der Täter und wer der Mörder? Welche Rolle kommt den Unparteiischen zu?

Schiedsrichter überprüft Entscheidung am Bildschirm

Zu oft im Bild: der Videobeweis rückt Schiedsrichter Osmers auf Schalke in den Fokus Foto: dpa

Man spricht immer so gern von Fußballkrimis; vielleicht die einfallsloseste Stilblüte, die die Fußballsprache hervorgebracht hat. Schlicht zwei der populärsten Erzählungen der heutigen Populärkultur unter Auslassung all ihrer Besonderheiten gemerged, fertig ist das schiefe Bild. Damit ist besonders ­langatmig gesagt: Es war spannend. Es wurde Adrenalin gereicht.

Was bleibt, nimmt man das Bild ernst? Wer in einem engen Fußballspiel mag dann der Täter, die Täterin sein? Sicher nicht jeneR SpielerIn, der oder die das entscheidende Tor schießt oder verhindert. DieseR SpielerIn ist ProtaginistIn des Geschehens; also der Kommissar, die Kommissarin.

Aber wer ist Anlass für den Schmu, wer bringt den Ball ins Spiel, wer wirkt im Verborgenen, hält die Fäden in der Hand? Der Schiedsrichter, die Schiedsrichterin. Sie sind Mörder, Mörderinnen. Ohne sie wäre das ganze Ensemble bloß ein paar Leute mit Ball, die sich die Zeit vertreiben.

MörderInnen wirken im Verborgenen. Auch das ist wie bei den SchiedsrichterInnen: stehen sie im Vordergrund, ist das Spiel versaut. Namen von Schiedsrichtern wissen nur Leute, die sich auch für KomponistInnen von Filmmusik interessieren. Harm Osmers ist so ein Name. Harm Osmers ist ohne Frage ein ganz vorzüglicher Name. Trotzdem wissen nur Fans, die sich von ihm einmal übervorteilt gesehen haben, dass Harm Osmers Harm Osmers heißt und dass er ein Allerweltsgesicht hat. Auf Schalke wissen jetzt alle, wer Harm Osmers ist.

So piefig wie der Kanzlerbungalow

Schalke spielt dieses Jahr mal wieder, wie Helmut Kohl den Kanzlerbungalow eingerichtet hat: piefig, funktional, langweilig, hässlich. Fliesentischfußball. Schalke schafft es in beeindruckender Regelmäßigkeit, aus einer Menge Menschen von überbordendem Talent eine Truppe zu machen, die aussieht wie ein Betriebsausflug der Buchhaltungsabteilung. Auf Schalke wird Talent verbrannt wie früher Kohle.

Trotzdem sind die Erwartungen hoch. Es würde mich sehr interessieren, was die Schalker Verantwortlichen zu potentiellen Trainerkandidaten sagen, damit die sich denken: „Ja, bei mir wird alles anders, bei mir klappt es bestimmt!“ Und dann klappt es wieder nicht. Jetzt David Wagner, der Mann, der aussieht wie der gutaussehende Bruder von David Wagner (Schriftsteller). Im Spiel gegen Hertha, natürlich ein Krimi (Pokal-Achtelfinale), hat er in der Verlängerung Rot gesehen. Jordan Torunarigha war vor die Schalker Trainerbank gerutscht, und David Wagner tat so, als würde er ihm aufhelfen wollen. Das haben hinterher tatsächlich alle geschrieben, obwohl offensichtlich war, dass ein Teil David Wagners Jordan Torunarigha schlicht festhalten wollte. Es ist ein sprechendes Bild für die soziale Kälte in diesem Land, dass offensichtlich keineR mehr weiß, wie jemand aussieht, der einem anderen aufhilft.

Außer Harm Osmers, der richtigerweise erkannt hat, dass David Wagner vor allem seinen Vorteil im Blick hatte. Dafür hat David Wagner einen Platzverweis kassiert, wegen Spielverzögerung. Und hinterher hat er lang lamentiert, dass er das nicht verstehe: Er wollte nur helfen. Und dann die Emotionen. Das muss doch erlaubt sein! Regelmäßig klingen sanktionierte Fußballtrainer, wie Männer, die häusliche Gewalt rechtfertigen.

Danach haben alle auf Harm Osmers geschimpft, wie gerade viele Trainer auf SchiedsrichterInnen schimpfen. Das hat sich mit Einführung des ­Videobeweises verstärkt: Ständig stehen die Unparteiischen im Mittelpunkt, ständig füllen sie den Bildschirm. Das bricht die Erzählung vom Spiel so sehr, dass David Wagner mit seinen Unsinnserklärungen davonkommt, weil sich alle Wut auf Osmers richtet. Es lässt sich trefflich selbstgerecht sein so, bloß wird dann der Fußballkrimi endgültig zum Schund.

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