Schaubühne: Puzzlespiel der eigenen Identität
Während des Bürgerkriegs von 1960 bis 1996 etablierte sich in Guatemala ein kriminelles Netzwerk: Der Staat gab Kleinkinder illegal zur Adoption frei und verdiente daran. Fälle gibt es auch in Deutschland. Die Aufarbeitung der Vergangenheit erweist sich als schwierig. Szenen einer Generation der Suchenden.
Von Moritz Osswald
Marta Ortiz ist wahnsinnig aufgeregt. Es ist das erste Mal, dass sie ihre Heimat besucht, seit sie ein Baby war. Alles ist neu, sie entdeckt das Land wie eine Touristin: die Straßenverkäufer:innen, der Duft der Tortillas, der aus den kleinen Läden in den Seitenstraßen dringt, die Unmengen an Tauben auf dem Platz der Verfassung. Marta kramt in ihrer Handtasche und holt einen ihrer zwei Pässe heraus. Sie zeigt mit dem Finger auf die zwei Stempel, beide aus dem Jahr 1980. Einer vom 20. September 1980, der andere vom darauffolgenden 21. September. Das würde bedeuten, dass Marta an zwei Tagen hintereinander das Land verlassen hätte. Der einzige andere Stempel belegt, dass sie am 22. September in Brüssel gelandet ist. Dieses mentale Stirnrunzeln, das Gefühl, dass etwas nicht zusammenpasst, begleitet Marta schon eine sehr lange Zeit.
Menschenhandel statt Nächstenliebe
Früher hieß sie Aurélie. Ob Marta, wie sie sich nun nennt, ihr richtiger Name ist, weiß sie nicht. Sie wurde als fünf Monate altes Baby nach Belgien verschleppt und dort illegal adoptiert. Als sie mit 39 Jahren auf das Thema stößt, lässt sich ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher unterteilen. „Es war wie ein Tsunami für mich“, erzählt Marta. Seitdem ist die 43-Jährige entschlossen, ihre richtigen Eltern zu finden. Um Marta herum sieht man eine Art vierfarbiges Kreuz aus Blumen, einige ältere Frauen stehen schweigend um den Altar herum. Sie tragen die traditionelle Huipil-Tracht. Um die sogenannten vier Kardinalspunkte – Himmel, Erde, Wasser, Luft – liegen Räucherstäbchen, das Copal-Harz und Steckbriefe. Ein Meer aus Gesichtern und Namen. Vor wenigen Stunden wurde eine Maya-Zeremonie durchgeführt. Hier, im Casa de la Memoria (Haus der Erinnerung) in Guatemala-Stadt, wollen sie das Geschehene nicht vergessen: den Genozid, die versuchte Ausrottung der Maya-Urvölker in Guatemala. Während des Bürgerkriegs (1960 bis 1996) war das Militär für unzählige Unmenschlichkeiten verantwortlich.
Eine davon bestand darin, Babys der Familien in den Dorfgemeinschaften der Kriegszonen einfach mitzunehmen. Das war die Initialzündung für Jahrzehnte an kriminellen Machenschaften – deren Auswirkungen bis nach Deutschland reichen.
In den 1980ern verwandelte sich Guatemala in die Nation der unkomplizierten und schnellen Adoptionen. Ein bis heute nahezu vergessenes Kapitel. Die meisten geraubten Kinder brachte man in reiche Industrieländer, wo weiße Familien „was Gutes tun“ wollten. Damals war das Adoptieren von Babys aus Krisengebieten ein Akt der Nächstenliebe. Was die wenigsten wissen: In Guatemala waren es meist keine legalen Adoptionen, sondern Menschenhandel. Ein Netzwerk aus korrupten Behörden, Anwält:innen, Notar:innen, Politiker:innen deklarierten Babys und Kleinkinder zur Ware. Frauen stahl man ihre Kinder manchmal direkt nach der Geburt. Staatliche Waisenhäuser wurden zu Umschlagplätzen für Menschenhandel.
Private Vermittlungsagenturen stellten den Kontakt zwischen Familien in Kanada, den USA, Belgien oder Frankreich her – und erfanden oft Geschichten, damit keine kritischen Fragen gestellt wurden. Doch das war ohnehin selten der Fall. Papierkram, Scheine in einen Umschlag rein, fertig. Der einzig bekannte Fall in Deutschland bisher ist jener der Familie Haas aus Unterfranken, die 1985 Carlos adoptierte, der ursprünglich aus Huehuetenango kommt. Der Journalist Martin Reischke hat den Fall lange begleitet. Die Familie Haas litt nach eigener Aussage unter Flugangst, konnte also nicht nach Guatemala reisen. Da brachte man das Kind einfach zu ihnen.
Carlos hat – mit viel Aufwand – seine richtigen Eltern mittlerweile ausfindig gemacht. Damals vermittelte die Anwältin Rosa Elena Calderón zwischen Guatemala und Deutschland. Marco Garavito wirkt nicht überrascht, als er den Namen der Anwältin hört. „Es gab Anwälte, die sich für bestimmte Länder sozusagen spezialisierten“, erklärt Garavito in seinem Büro in der Hauptstadt. Über ein Jahrzehnt für eine linke Guerilla in den Bergen unterwegs, hilft der Psychologe jetzt mit seiner Organisation „Liga Guatemalteca de Higiene Mental“ bei Familienrückführungen. Eine Herkulesaufgabe, denn die Behörden fälschten für die Adoptionen absichtlich Dokumente, oder sie fehlen gänzlich.
Der Jemen Lateinamerikas
Vor einigen Monaten hat Marta den ersten DNA-Test in Auftrag gegeben. Noch ist Warten angesagt. Diese Tests sind ein Segen für die Suchenden, die damit Anhaltspunkte für ihre oft langjährigen und nervenaufreibenden Nachforschungen bekommen. Marta hat Hilfe. In Deutschland sieht das hingegen anders aus: Kollektive mit Kontakten nach Guatemala, die Betroffenen bei der Suche helfen, existieren nicht. Deutschland sei kein Hauptziel gewesen, bemerkt Psychologe Garavito. Doch es gebe noch viele Fälle, die bis heute nicht bekannt seien, fügt er hinzu.
Guatemala ist in der jahrhundertelangen Historie an Gewalt und Unrecht in Lateinamerika ein besonders trauriger Fall. Kein Bürgerkrieg war so grausam, keine Bevölkerung massakrierte der eigene Staat derart. Die Menschen hier sprechen nicht drüber. Außerhalb der Landesgrenzen wissen die wenigsten überhaupt um dessen Existenz. Guatemala ist der Jemen Lateinamerikas. Dabei schaute der Westen nicht nur zu und ließ geschehen – die USA unterstützten mit Militärhilfe aktiv den institutionalisierten Massenmord.
Drehen wir die Uhr knapp 80 Jahre zurück, findet sich bereits zu Beginn die Handschrift der USA. Ein von der CIA organisierter Staatsstreich setzte 1954 Jacobo Árbenz Guzmán ab, der wenige Jahre zuvor demokratisch gewählt wurde. Das Ansinnen des jungen Jacobo roch verdächtig nach Kommunismus: So wollte der angeblich linke Árbenz die United Fruit Company, heute Chiquita, bei voller Entschädigung enteignen und armen Bauern Land geben. Die Reaktion Washingtons: Eine kapitalismusfreundlichere Marionette wurde installiert. Doch die Spannungen in Guatemala wuchsen. Die Menschen begehrten erstmals auf – was sechs Jahre später in einem Bürgerkrieg mündete, der bis 1996 andauern sollte. Guerillas gegen Militärs. Mehr als 200.000 Menschen wurden von den Militärs ermordet, in der Mehrheit Mayas.
Die United Fruit hatte Guatemala damals im Schwitzkasten. Sie besaß die Hälfte des gesamten Farmlands samt Infrastruktur wie Bahntrassen und Häfen zum Transport der Tropenfrüchte. Zentralamerika war auch lange nach den Unabhängigkeitserklärungen der Nationen 1821 Spielball kolonialer Allmachtsfantasien. Mit dem Nachbarland Honduras erblickte der Begriff „Bananenrepublik“ die Welt. Ein Militär- und Polizeiapparat, der den Bananen-Multis unter die Arme griff, nach Gutdünken Arbeiter:innen versklavte und nahezu steuerfrei anbauen und exportieren konnte. Jetzt, viele Jahrzehnte später, schauen sich Menschen fassungslos Dokus und Reportagen über die astronomisch hohen Mordraten und die massive Korruption in Guatemala, Honduras und El Salvador an – und wundern sich.
Der Beginn einer langen Suche
Marta dreht sich um, ihre bunten Klamotten kontrastieren das schummrige Licht im Kulturzentrum Mosaico. Sie winkt mit der Zigarette und lächelt. Heute Abend ist für sie besonders wichtig. Sie lernt andere Betroffene kennen. Während des Krieges raubte das guatemaltekische Militär über 5.000 Kinder. Das Unterzeichnen des Friedensabkommens 1996 brachte den Menschenhandel jedoch nicht zum Stillstand: Weitere 35.000 Kinder, so die Schätzung, wurden illegal zur Adoption freigegeben. Erst 2008 war Schluss, als der Nationale Adoptionsrat geschaffen wurde. Heute fühlt Marta endlich, dass sie nicht alleine ist.
Eine Art Stargast ist Osmin Tobar Ramírez. 1997, ein Jahr nachdem die Waffen ruhten, stahl der Staat den siebenjährigen Osmin und gab ihn zur Adoption frei. Er kam in die USA. Als er viele Jahre später davon erfuhr, wollte der jetzt 33-Jährige Gerechtigkeit. Gut gestylt mit Anzug lacht er: „Die Nacht davor konnte ich nicht schlafen.“ Er ging bis zum Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte, sagte aus, klagte gegen Guatemala als Staat – und gewann. Über Facebook fanden sich er und sein Vater, die Familie kam wieder zusammen. Osmin wohnt jetzt in Guatemala.
Marta kann ihre Familie noch nicht in die Arme schließen. In Belgien hat sie bereits Kinder, einen Partner, ein Leben. Aber da sind ihre Wurzeln, in einem für sie fremden Land, da ist eine Familie, die durch die Wirren des Krieges längst damit abgeschlossen hat, dass Marta noch leben könnte. Und dann ist da diese Ungewissheit: Wird die Suche je Erfolg haben? Sollten ihre richtigen Eltern ausfindig gemacht werden, wie reagieren sie? Es ist ein mühsames Puzzlespiel mit unklarem Ausgang: Marta weiß noch nicht einmal, ob ihr aktueller Name korrekt ist, oder eine Erfindung krimineller Behörden und Anwält:innen.
Auch ihr Geburtsdatum, ihr Geburtsort: Alles könnte frei erfunden sein – oder eben nicht. Absolute Ungewissheit über die eigene Identität. Das belgische Suchkollektiv „Raíces Perdidas“ (Verlorene Wurzeln) recherchierte und präsentierte ihr eine Frau, die angeblich ihre Mutter sei: Die Frau negierte das jedoch im Gespräch. Nach wie vor weiß die 43-jährige Marta fast nichts. In Guatemala hat es die Gerechtigkeit nicht leicht. Im kommenden Monat stehen die Präsidentschaftswahlen an. Eine Kandidatin: Zury Ríos, die Tochter des Massenmörders und Diktators Efraín Ríos Montt. Eigentlich verbietet die Verfassung das. Gleichzeitig ist die Indigenen- und Bauernpartei MLP nicht zur Wahl zugelassen worden. „Wir haben Angst, dass die Geschichte sich wiederholt“, ist ein Satz, der dieser Tage oft fällt.
Sollten Sie in der Vergangenheit ein Kind aus Guatemala adoptiert haben oder jemanden kennen, der betroffen ist, zögern Sie nicht, sich bei der Kontext-Redaktion zu melden. Unser Autor kann mit den entsprechenden Kontakten dabei helfen, eine Suche zu initiieren.
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