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Schachgroßmeister Matthias BlübaumDer unterschätzte Europameister

Schachgroßmeister Matthias Blübaum macht es nichts aus, im Schatten von Vincent Keymer zu spielen.

Spätstarter: Matthias Blübaum studierte Mathematik, bevor er Schachprofi wurde Foto: Sven Simon/imago

Aus Wijk Aan Zee

Hartmut Metz

„Es wäre besser gewesen, Vincent Keymer hätte statt Matthias Blübaum das Kandidatenturnier erreicht.“ Dieser Satz kursierte unter deutschen Fans regelmäßig. Sogar der Deutsche Schachbund (DSB) hob auf seiner Webseite mit Blick auf seine beiden besten Großmeister darauf ab. Dass sich diese Sichtweise auf den 64 Feldern ändert, dafür könnte die „Generalprobe“ sorgen: Als diese hatte Blübaum das illustre Feld in Wijk aan Zee ausgerufen. Das traditionsreiche Topturnier an der niederländischen Küste kann man auch als „Wimbledon des Schachs“ bezeichnen, haben sich doch nahezu alle Großen dort in der Siegerliste verewigt.

Bisher durfte Blübaum nur einmal im „Challenger“ in Wijk aan Zee mitspielen. Dass der 28-jährige Lemgoer nun vom B- ins A-Turnier aufrückte, verdankt der Weltranglisten-43. seinem sensationellen Erfolg beim Grand-Swiss-Turnier in Samarkand. Der zweifache Einzel-Europameister sorgte „für die Sternstunde des deutschen Schachs“, wie der DSB nach dem „historischen Erfolg“ auf seiner Webseite jubelte: Blübaum qualifizierte sich in Usbekistan als Zweitplatzierter für das WM-Kandidatenturnier. In Zypern ermitteln acht Großmeister ab dem 28. März den Herausforderer des indischen Weltmeisters Dommaraju Gukesh. Als letzter Deutscher spielte die vor einem Jahr verstorbene Legende Robert Hübner 1991 in einem Kandidatenturnier mit.

Keymer trumpfte in Samarkand zwar ebenfalls auf, verpasste jedoch im direkten Duell mit Blübaum den Sieg. So scheiterte der 21-Jährige hauchdünn an der Qualifikation für das Kandidatenturnier. Dass die deutschen Schachfans dem Baden-Badener Bundesligaspieler eher den Griff nach der WM-Krone zutrauen als Blübaum, liegt an seinem kometenhaften Aufstieg: Keymer kletterte seit September weiter und weiter in der Weltrangliste. Bis auf Rang vier spülten ihn seine enormen Erfolge. Sogar Weltmeister Gukesh liegt fünf Plätze hinter ihm.

Erstmals zwei deutsche Teilnehmer im 14-köpfigen Topfeld

An Keymer als Teilnehmer kamen die schachverrückten Niederländer somit nicht vorbei. Dass sie zudem Blübaum in das 14-köpfige Tata-Steel-Masters einluden, sorgte für ein Novum bei der 88. Auflage des Festivals: Erstmals durften gleich zwei Deutsche mitspielen. Weil an der Nordseeküste drei Teilnehmer des WM-Kandidatenturniers sowie der Weltmeister an den Start gehen, sieht Blübaum den Traditionswettbewerb als gute „Generalprobe“ an: Die Bedenkzeit von zwei Stunden für 40 Züge ist nämlich wie auf Zypern. Zusätzliche Zeitzugaben gibt es erst ab dem 41. Zug.

Dem Mathematiker, der erst nach dem absolvierten Studium den Sprung ins Schachprofigeschäft wagte, traute auch in Wijk aan Zee niemand Großes zu. Auf Twitch firmiert er auch zurückhaltend wie humorvoll als „KeinSehrStarkerSpieler“, wie ihn einst ein anderer deutscher Großmeister einstufte.

Damit, dass er im Schatten von Keymer steht, hat der humorvolle Bundesligaspieler kein Problem. Gefreut hat sich der 28-Jährige aber insgeheim schon, dass er am Montag allen Skeptikern eine lange Nase drehte: Nach zwei Auftakt-Remis schlug Blübaum in der dritten Runde ausgerechnet seinen topgesetzten Nationalmannschaftskameraden. Mit dem Nachteil der schwarzen Steine hatte der bescheidene Großmeister „das ehrlich gesagt nicht unbedingt erwartet“, gestand er und freute sich, „das macht es umso schöner“.

Keymer berappelt sich

Mit zwei Punkten lag der Außenseiter plötzlich mit an der Spitze. Der hoch gehandelte Keymer verlor dagegen seine zweite Partie in Folge. Der mittlerweile in Wien lebende Pfälzer stand so mit nur einem Zähler im hinteren Feld. Zum Auftakt hatte der Weltranglistenvierte Anish Giri bezwungen. Der Niederländer, der sich ebenfalls für das Kandidatenturnier qualifizierte, erwischte einen noch schwächeren Start als Keymer. Der deutsche Spitzenspieler berappelte sich allerdings und feierte gegen den Inder Aravindh Chithambaram seinen zweiten Sieg, womit er mit 2,5 Punkten wieder im Mittelfeld liegt. Den einen Punkt Rückstand in den noch ausstehenden acht Runden auf Hans Moke Niemann (USA) sowie die Usbeken Javohir Sindarov und Nodirbek Abdusattorov (alle 3,5) kann Keymer in direkten Duellen noch egalisieren.

Dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, musste auch Blübaum in der vierten Partie erkennen. Mit Weiß entging ihm ein brillantes Springeropfer von Sindarov. Der 20-Jährige gab dem Konkurrenten einen Vorgeschmack auf das Kandidatenturnier, in dem der Usbeke als Weltpokalsieger auch dabei ist. Mit 2,5 Punkten liegt Blübaum aber immer noch in Lauerstellung. Und dass die Fans ihn durchaus mögen, beweist eine Sammelaktion: Beim Crowdfunding, um ihm Trainer und Sekundanten für das WM-Kandidatenturnier zu bezahlen, kamen 23.000 Euro zusammen.

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