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SanssouciNachschlag

■ Vom Drang zum Nettfinden und Männern, die Dinge tun

Zum Jahresende ist alles prima. Berauscht oder zumindest mit dem festen Willen, sich zu berauschen, probiert man lächelnde Gesichter und heitere Stimmungen aus. Mit denen will man dann durchs neue Jahr gondeln. Vereinzelnde Leidenschaften werden zwar bald schon wieder die Orgien der Sympathie verdrängen, aber das macht ja nichts. Außerdem könnte man sich ja auch gar nicht so recht in der Traumzeit des Jahreswechsels amüsieren, wenn ständig alle so träumerisch ichverloren durch die Stadt schwanken würden. Was im Sommer peinlich schien, wirkt im Dezember plötzlich sympathisch. Wie die seltsamen Gestalten, die am Vorweihnachtstag in mittelalterlichen Kostümen, mit Schwertern, Fackeln, diversen Handwerkereien und friedfertiger irischer Folklivemusik die Hippiekneipe „Arcanoa“ in der Zossener Straße bevölkerten. Am Tresen trinkend, erzählten milde Ex-Punkerinnen davon, daß sie für ihre Eltern Karaoke- CDs aufgenommen hätten mit „witzigen“ Liedern wie „Ich lieb' dich doch“ (oder so).

Ein gewisser Trend zur Freundlichkeit war in diesem Jahr – obgleich oder gerade weil es ein Mistjahr war – auch an vielen anderen Orten zu beobachten: im Mislivska, im Schokoladen Mitte, bei den allmonatlichen Super-8-Abenden der „FBI“-Kolleginnen im Milchhof, bei unerwartet netten Loneley-Hearts-Parties, von denen die supersympathische Barbara neulich in der Mingus Bar erzählte (übrigens: „Ostler sind immer betrunken“) oder in einer 61er-Kneipe mit dem ziemlich far outen Namen Spasserei, in der vor ein paar Tagen der ORB-Redakteur Salli Sahlmann freundlich-satirische Texte verlas. Auf seinem Anrufbeantworter gibt er übrigens scherzend bekannt: „Salli Sahlmann ist mein Name / Ich bin ein Herr und keine Dame“ (soviel zur Genderdiskussion).

Der Drang zum Nettfinden schloß keinen aus. Nicht ohne Sympathie erzählte mir ein Rentner aus Bad Segeberg von einem „Maskenmann“, dem er neulich auf einer öffentlichen Toilette in Lübeck begegnet sei. Der hätte also ganz in schwarzem Gummi hinter der Tür gestanden. Nur Schlitze für Augen und Mund hätte seine bizarre Verkleidung gehabt. Erschrocken zwar, doch als wäre nichts gewesen, hätte der Kleinstädter ihn ignoriert, erzählt seitdem gern lachend davon. Der Wille zur Liebe verbündete sich mit einer gewissen Hippiisierung der Gesellschaft. Der Hang zu diversen Psychedelika beschränkt sich längst nicht mehr auf den Gebrauch diverser Drogen, mögen die Auswirkungen auf der Phänoebene auch ähnlich sein.

Die Weihnachtsabende, an denen Menschen unterschiedlichen Alters allerorten sich nach der Alpha-, Beta- oder Gammamethode auf irgendwelche dahergelaufenen 3-D-Bilder konzentrierten, erinnerte vor allem an LSD-Parties, wo auch ein jeder mit verdrehten Augen irgendwelche Dinge fixierte und von seltsamen Entdeckungen dann sprach.

Noch besser, sozusagen bis zum Irresein hippieesk, ist die Random-Taste avancierter CD-Player. Wenn man die Random- Taste drückt, bestimmt der CD-Player per Zufallsgenerator die Reihenfolge der abzuspielenden Stücke. Das macht er auch, wenn man eine CD auf Kassette überspielen möchte, und das ist ein großer Fortschritt und gefällt mir fast genauso gut wie der zeittypisch minimalistisch-charmante, doch auch recht bedrohliche Satz in einer Erzählung von Helmut Krausser: „Da waren Männer, die taten Dinge.“ Detlef Kuhlbrodt

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