Sanssouci: Nachschlag
■ Drahtzieher: „Richard III.“ als Puppenspiel in der Schaubude
Richard läßt die Puppen tanzen. Nur weil der gerissene Intrigant die Gefühle und Handlungen aller anderen Personen so genial kalkuliert, kann er zum Herrscher aufsteigen. Aber das Spiel geht nicht auf: Richard III. ist am Ende der Verlierer. Shakespeares berühmtestes Historiendrama ist wie geschaffen für ein Puppenspiel mit Richard in der Rolle des Drahtziehers. Und so war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis das aus dem Berliner Figurentheater hervorgegangene „Little Globe Theatre“, das schon „Macbeth“ und den „Sommernachtstraum“ aufgeführt hat, das Stück für sich entdeckte. „Richard III.“ ist die dritte Premiere, seit die Schaubude im September ein regelmäßiges Abendprogramm einführte, um das Puppenspiel als Kunst auch für Erwachsene bekannter zu machen. Auf der Bühne warten ein Schachbrett und ein Sarg voller Figuren auf den Spieler Tilman Harte, der weißbärtig, winzig und dürr wie das bucklicht Männlein hereinhinkt. Die Holzpuppen von Rainer Schickdanz sind hinreißend: Die liebestolle Königin trägt ihre wackelnden Holzbrüste um den Hals, Richards hinfälliger Bruder hängt in einem Stützgerüst, und dem Lord der reichen Stadt London baumelt ein metallenes Geldtäschchen vor dem Embonpoint. Durch kunstreiche Mechanik werden Richards Gegnern einfach die Köpfe abgesprengt. Rasch leert sich das Schachbrett, Richards letzte Worte, „Ein Königreich für ein Pferd!“, bekommen einen hübschen Nebensinn.
Das Spiel selbst entbehrt allerdings jeder Raffinesse. Wo Shakespeares Richard erfolgreich Kabalen spinnt, geht die Holzpuppe so brachial vor wie das Kasperle mit der Klatsche. Daß Harte den Text auf ein Minimum verkürzt und in Umgangssprache übersetzt hat, paßt noch zur Spielform. Nicht mehr nachvollziehbar sind jedoch die frei erfundenen Handlungszusätze, etwa ein banales Beziehungsgespräch zwischen Richard und seiner Frau: „Ich brauche dich, Ann!“ Wenn Harte seine Figuren auf dem Brett hin und her schiebt und dazu scheinbar mit sich selbst zankt, während seine als Schwertjungfrau verkleidete Mitspielerin Silke Technau im Hintergrund grimmige Wacht hält, erinnern sie an ein Kindermädchen und einen mürrischen kleinen Jungen, der an Puppen seine Streit- und Rachephantasien auslebt. Nichts könnte verschiedener sein als dieses Puppenspiel und Heribert Sasses egomanisch-hohle Deklamationsübung im Schloßpark- Theater – aber in ihrer vollkommenen Selbstbezüglichkeit treffen sich die beiden Richards doch. Das Spiel geht verloren, und am Ende sind die Zuschauer schachmatt. Miriam Hoffmeyer
Bis 18. 6., Do.–So. um 20 Uhr, Schaubude, Greifswalder Straße 81-84, Prenzlauer Berg
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