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„Sagt stopp, wenn ihr traurig werdet“

Unsere Kollegin aus Odessa hat eine ­ukrainische Klasse der Johann-Friedrich-Cotta-Schule bei einem besonderen Geschichtsunterricht begleitet. Die Tour führte raus aus dem Klassenzimmer, hin zu den Orten von Zwangsarbeit während des National­sozialismus.

Die Schüler:innen stellen fest, dass viele osteuropäische Namen auf den Grabsteinen stehen. Polnische, ukrainische, russische. Fotos: Jens Volle

Von Anna Kupriy↓

„Hello“, „guten Morgen“: Die ukrainischen Schüle­r:in­nen strömen fröhlich in ihr Klassenzimmer, grüßen einander auf englisch und auf deutsch. Der Geschichtslehrer Martin Gansen lächelt: „Good morning“, grüßt er in die Runde. Das helle Klassenzimmer der kaufmännischen Schule in Stuttgart füllt sich mit den Stimmen der ukrainischen Jungen und Mädchen, es ist für sie ein neuer Tag an einer deutschen Schule. An diesem Maitag erwartet die rund 20 Schüle­r:in­nen ein besonderer Unterricht: Sie werden eine Reise durch Stuttgart antreten, die ebenso eine Reise in die Vergangenheit ist.

„Heute werden wir zu Fuß und mit dem Bus historische Plätze besuchen“, erklärt Martin Gansen. „Wir werden über Zwangs­arbei­ter:in­nen im Zweiten Weltkrieg sprechen, über das Schicksal von Millionen Menschen verschiedener Nationalität, die gezwungen wurden, in Deutschland zu arbeiten. Wir werden an die Plätze gehen, wo sie gearbeitet und gewohnt haben und wo sie begraben sind. Dabei versuchen wir zu verstehen, wie das passieren konnte. Und welche Lehren wir daraus für heute ziehen können.“

Auch das gehört zu Martin Gansens Geschichtsunterricht. Seit einigen Jahrzehnten beschäftigt sich Deutschland mit dem Schicksal der Zwangs­arbei­ter:in­nen. Seit den 1990er-Jahren sei diese Auf­arbei­tung besonders dringlich geworden. Und die Initiative kam von den Menschen vor Ort. Sie fragten, welche Firmen arbeiteten mit Zwangs­arbei­ter:in­nen, wie viele waren es und aus welchen Ländern kamen sie? Sie recherchierten, studierten Dokumente, die Medien berichteten. Der Stadtjugendring Stuttgart entwickelte histo­rische Touren für Jugendliche, die Tour über Zwangs­arbei­ter:in­nen ist eine davon. An diesem Maitag wird sie speziell für diese Klasse organisiert, für diese jungen Menschen aus der Ukraine.

Sie kommen aus Saporischja, Kiew, Odessa, Ternopil, sie sind 12 bis 18 Jahre alt. Ich schaue in ihre Gesichter und ich bin froh, dass sie hier sind, in Stuttgart, in Sicherheit. Sie müssen nicht, wie viele ihrer Alters­genos­s:in­nen in der Ukraine, die Nacht in Kellern oder Metrostationen verbringen, auf der Flucht vor russischen Bomben. Und doch werden diese Jugendlichen, die dem Krieg entkommen sind, heute wieder über den Krieg reden, auch wenn es ein anderer Krieg ist, ein Krieg aus der Vergangenheit. Deshalb ist auch eine Sozialarbeiterin dabei, die uns auf dieser Tour begleitet. Aufmerksam beobachtet Johanna Scheible die Schüle­r:innen, schaut in die Gesichter und sagt freundlich: „Wenn ihr euch bei manchen Themen unwohl fühlt oder traurig werdet, sagt einfach: ‚Stopp. Ich möchte jetzt nicht mehr hören.‘“

Wenn ich als Ukrainerin und Journalistin diesen Unterricht betrachte, fällt mir diese große Aufmerksamkeit den Jugendlichen gegenüber auf. Disziplin scheint nicht im Vordergrund zu stehen, eher das Wohl des Kindes. Gleichzeitig leidet die Disziplin nicht, denn das Verhältnis zwischen Lehre­r:in­nen und Schü­le­r:in­nen gründet sich auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen.

Auch Valeria Maksimova, eine Lehrerin aus Kiew, begleitet unsere Tour. Als der Krieg begann, war sie im Urlaub. Als sie von Frankfurt nach Kiew zurückfliegen wollte, war Krieg und ihr Flug gestrichen. Ihr Vater arbeitet für TK Elevator in Rottweil und seine Kolle­g:in­nen boten ihre Hilfe an. Schnell wurde ihr ein Job als Lehrerin angeboten. Orientalistik hat die junge Frau studiert, dann auf Linguistik gewechselt, vier Jahre lang arbeitete sie an einer Schule in der Ukraine. „Das kommt mir jetzt zugute“, sagt Valeria Maksimova.

Immer wieder übernimmt sie das Mikro­phon, um zu übersetzen. Es ist ein lustiger Sprachenmix, an den die geflüchteten Ukrai­ne­r:innen sich hier in Deutschland schnell gewöhnen. In unserer Gruppe wird bei dieser Tour munter durcheinandergeredet: Die Stadtführerin Janka Kluge spricht deutsch, der Kontext-Fotograf Jens Volle englisch, und Valeria Maksimova übersetzt beide Sprachen ins Ukrainische. Doch vor allem braucht es die Übersetzung für diese historische Exkursion. Die jungen Menschen sprechen längst in verschiedenen Sprachen miteinander, switchen sofort ins Englische, das alle auf einem Konversationslevel beherrschen.

Unser erster Stopp: Haltestelle „­Brendle (Großmarkt)“. Hier erinnert eine Gedenktafel an die mehr als 400 Kriegsgefangenen und Zwangs­arbei­ter:in­nen, die im April 1943 bei Bombenangriffen ums Leben kamen. Das nächste Mal steigen wir beim Mercedes-Benz-Museum aus, um die Skulptur von Bernhard Heiliger anzusehen. Kurz wird die Aufmerksamkeit der Jungen abgelenkt von neuen Autos, die in diesem Moment hier abgeladen werden. Aber Janka Kluge hat ganz schnell wieder unsere Aufmerksamkeit.

„Hello, good morning.“ Anna Kupriy im Klassenzimmer, erstes Treffen mit den Jugendlichen.

Der Daimler-Benz-Konzern, so erzählt sie, brauchte für die Produk­tion von Waffen Kriegsgefangene und Zwangs­arbeite­r:innen, die nicht weit von der Fabrik entfernt in einem Camp lebten. Daimler-Benz war Mitinitator der Stiftung „Erinnern, Verantwortung und Zukunft“, die sich für Reparationszahlungen an ehemalige Zwangs­arbei­ter:innen stark machte. Die Skulptur „Tag und Nacht“ soll an diese Zeit erinnern.

Die Jugendlichen sind still, als wir zum Bus zurückkehren. Viele von ihnen, das habe ich in Gesprächen festgestellt, kennen sich gut in Geschichte aus. Aber dass der weltberühmte Auto­konzern etwas mit den Nazis zu tun hatte, hat viele ebenso nachdenklich gemacht wie die Tatsache, dass es eine Aufarbeitung der Nazizeit gab. Wir erreichen den Hauptfriedhof an der Steinhaldenstraße, wo mehr als 600 Kriegsgefangene und Zwangs­arbei­ter:in­nen begraben sind. Die ukrainischen Schüle­r:innen bekommen die Aufgabe, die Buchstaben auf den Grabsteinen zu lesen. Sie stellen fest, dass darunter viele osteuropäische Namen sind, polnische, ukrainische, russische. Sie sind schockiert über die Kindergräber, erfahren von Janka Kluge mehr über das spezielle Schicksal von Zwangsarbeiterinnen.

Die ukrainischen Schüler:innen fangen an, untereinander zu diskutieren. Und landen von der Vergangenheit ganz schnell in der Gegenwart.

„Wie konnten so viele Menschen getötet werden, warum?“

„Es ist doch ähnlich wie in der Ukrai­ne.“

„Die Deutschen haben sich schuldig bekannt. Und die Russen? Wird Russland je verstehen, was sie tun?!“

Valeria Maksimova, Lehrerin aus Kiew, hilft beim Übersetzen.

„Weiß nicht. Aber es wäre sowieso besser, wenn es in Zukunft kein Russland mehr gäbe.“

Martin Gansen, der Klassenlehrer, einer mit 20 Jahren pädagogischer Erfahrung, weiß, dass nach solch erschütternden Informationen bei historischen Exkursionen geredet werden muss – über Eindrücke, über Emotionen, über Überraschendes. Die jungen Menschen sitzen in einem großen Kreis, sie erzählen, wie sie die Tour erlebt haben, was sie empfunden haben. Einer der Jungs, Kyrylo, fragt seinen Lehrer: „Warum haben Sie dieses Thema für uns ausgesucht?“ „Weil es eine schreckliche Zeit in der gemeinsamen Geschichte von Deutschland und der ­Ukrai­ne war“, antwortet der 54-Jährige, „in der die Nazis Menschen aus der ­Ukrai­ne als Untermenschen bezeichneten.“ Doch Menschen, so der Lehrer, können aus der Vergangenheit lernen und ihre Zukunft gestalten. „Eine Zukunft, in der es keinen Platz für Aggressionen und für Kriege gibt“, so die Hoffnung des Lehrers. Und in der man verzeihen kann.

Übersetzt aus dem Englischen von

Susanne Stiefel.

Für unsere ukrainische Kollegin war die Busfahrt mit den Lehre­r:innen der Johann-Friedrich-Cotta-Schule und den Jugendlichen eine besondere Erfahrung. Sie wunderte sich über den lockeren Ton zwischen Lehre­r:in­nen und Schüle­r:innen, die Offenheit, mit der über die Gräuel des deutschen Faschismus gesprochen wurde. Und sie fragte vorsichtig: Darf man in Deutschland den Namen Hitler aussprechen? Ja, man darf. Sie hat es dennoch nicht gemacht.

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