Sachsentour

Das ist unser Haus

In Plauen begann 1989 die Wende. Heute haben die Bürgerrechtler von einst neue Gegner – und neue Verbündete.

Vor der Eingangstür eines bemalten Hauses lehnt ein Mann an der Wand

Das Hausprojekt Schuldenberg in Plauen und ein taz-Redakteur Foto: Kersten Augustin

PLAUEN taz | Viva la Autonomia“ steht in roten Buchstaben auf dem Gründerzeithaus, darunter hat jemand ein Polizeiauto gemalt, das von zwei Schweinen gefahren wird. So weit, so erwartbar in einem linken Hausprojekt.

Im Hof hinterm Haus sind Bierbänke aufgestellt, Bäume versperren den Blick über die Stadt und helfen dabei, eine Idylle zu schaffen. Noch dauert es eine Stunde, bis das Essen ausgegeben wird, veganes Boeuf Bourgignon steht auf der Kreidetafel. „Ihr seid von der taz? Na dann herzlich willkommen“, begrüßt man uns hinter der Bar und drückt uns ein Bier in die Hand. Hier sitzen Bürgerrechtler mit Bart und weißgrauer Mähne neben minderjährigen Antifas und Hippies mit Dreadlocks. Die Szene ist klein. 60 Leute kommen jede Woche mittwochs hierher.

Mirko Kluge, 44, kommt in den Hof. Er umarmt eine Frau mit Dreadlocks und setzt sich zu uns. „Schön, dass ihr da seid!“ Kluge trägt Polohemd und wird sich später am Abend noch eine Zigarre anzünden. Zumindest äußerlich ist er niemand, den man hier erwarten würde.

Kluge trainiert eine Fußballmannschaft für Geflüchtete, ist im Vorstand von Colorido e. V., ein Verein, der sich für Toleranz einsetzt und an Schulen demokratische Bildung fördert. Am vergangenen Wochenende hat er die Demo „Wann, wenn nicht jetzt“ angemeldet, 1.200 Menschen kamen, sehr viel für Plauen, sagt er stolz.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Am Abend zuvor treffen wir ihn am Wende-Denkmal in der Plauener Innenstadt, einer großen bronzenen Kerze. Am 7. Oktober 1989, als die DDR ihren 40. Jahrestag feierte, versammelten sich etwa 15.000 PlauenerInnen, um für Freiheit und Demokratie zu demonstrieren. Es war die erste Großdemo der DDR, zwei Tage bevor in Leipzig rund 70.000 Menschen auf die Straße gingen.

Kluge läuft durch seine Stadt, und immer wieder wechselt er zwischen den Rollen als Touristenführer, Lokalpatriot und Kritiker. Er zeigt auf sanierte Fassaden und historische Weberhäuser, Denkmäler der Wende, die Figuren „Vater und Sohn“ des berühmtesten Sohns der Stadt, dem Künstler E.O. Plauen. Ein Bach führt nahe der Altstadtmauer vorbei, Kluge steht vor der alten Mühle. Dann erzählt er von der rechtsradikalen Kleinstpartei „Dritter Weg“, die in Plauen ihren Sitz hat. Am Wochenende, als Kluge die Demo angemeldet hatte, verteilten die Neonazis Schultüten in ihrem Viertel. In „ihrem Viertel“? Kluge unterbricht sich selbst. „Das kann eigentlich nicht sein, dass ich das so sage.“

Ein Mann mit randloser Brille und Polohemd lächelt in die Kamera

Mirko Kluge von Colorido e.V. Foto: Kersten Augustin

Zum Stadtrundgang hat er seinen Sohn mitgebracht, Kluge hat schon anonyme Drohungen bei Facebook bekommen: Wir wissen, dass du Kinder hast.

Zurück im Hof des Hausprojekts, wo jetzt das Essen fertig ist und sich ein Mann mit Rauschebart zu Kluge an den Tisch setzt. „Hast du die Zeitung gelesen?“, begrüßen sich die Freunde. Steffen Unglaub hat die Demo vor 30 Jahren aus seiner WG heraus mitorganisiert. „Das war heftig, das trägst du dein ganzes Leben mit dir.“ Heute sitzt er im Hinterhof und regt sich über den Aufmacher in der Plauener Zeitung auf, der Lokalausgabe der Freien Presse: „Manchmal denke ich, irgendwas haben wir 89 falsch gemacht.“

Erst Stasi, jetzt Verfassungsschutz

In der aktuellen Ausgabe hatte die Zeitung veröffentlicht, dass das Landratsamt Daten von Demonstrationsanmeldern ungefragt an den Verfassungsschutz weitergegeben hat. Kluge ist ebenso betroffen wie Unglaub, der immer wieder Demonstrationen anmeldet. Vor 1989 wurde er überwacht, heute wieder. Trotzdem will Unglaub die Systeme nicht vergleichen.

Ein Teller mit Nudeln, von oben fotografiert

Es gibt veganes Boeuf bourguignon (Anm. der Redaktion: lecker!) Foto: Kersten Augustin

Kluge und Unglaub wollen eine Anfrage an den Verfassungsschutz stellen, welche Daten über sie gespeichert sind. Einblick in seine Stasi-Akte dagegen hat Unglaub nicht beantragt. „Wenn du glaubst, dass deine eigene Mutter dein IM war, machst du das nicht.“

Den ganzen Abend über wird immer wieder über die Wende und ihre Folgen gesprochen, auch 30 Jahre später. Eine Kneipe in Plauen wird von den Anwesenden bis heute boykottiert, weil sie einem ehemaligen IM gehört.

Es wird dunkel. Wir verabschieden uns und fahren auf den Campingplatz nach Pöhl.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de