Sachbuch „Kapital und Ressentiment“: Macht der Plattformen

Ressentiments werden von finanzökonomischen Logiken produziert und verstärkt, wie das neue Buch von Joseph Vogl „Kapital und Ressentiment“ zeigt.

Proteste gegen Uber in Barcelona

Proteste gegen Uber in Barcelona Foto: Thiago Prudencio/imago

Doomscrolling. Den Daumen wie im Rausch durch den Social-Media-Feed auf der Suche nach schlechten Nachrichten zu jagen ist seit der Covid-Pandemie ein beliebter Sport. Er verspricht, den Körper immun zu machen gegen die fiesen Ohnmachtsgefühle, indem er die großen Krisen auf den kleinen Bildschirm holt und scheinbar unter Kontrolle bringt.

Bei einer in Echtzeit ablaufenden Katastrophe, über die es kaum Wissen gibt, vermitteln möglichst viele Informationen irgendwie das Gefühl von Sicherheit – und vom unmittelbaren Zugang zur Macht, der nur einen Mausklick entfernt ist.

Dass ein längerer Aufenthalt in dieser toxischen Umwelt nicht gesund ist, ist ein Gemeinplatz – der Philosoph und Aktivist Franco „Bifo“ Berardi schrieb in seinem Buch „The Second Coming“ von 2019, dass Facebook die automatisierte Simulation sozialer Beziehungen und Google die automatisierte Simulation des Denkens vorantreibe.

Dass Menschen dabei als „Produser“ agieren, also „immateriell“ arbeiten und unbewusst Mehrwert produzieren, weil Google oder Facebook von Feedback-Loops zwischen Netzwerk und Nut­ze­r*in­nen profitieren – und dass diese Nut­ze­r*in­nen durch den imaginären Wettbewerb mit anderen stets glauben, nicht talentiert, glücklich oder wohlhabend genug zu sein, ebenso. Dass all das mit dem internationalen Finanzkapitalismus zusammenhängt, womöglich weniger.

Joseph Vogl: „Kapital und Ressentiment“. C. H. Beck Verlag, München 2021, 224 S., 18 Euro

Unsichtbare Spekulationen auf dem Konto

Die oft geahnte, aber nie zu Ende gedachte diskursive Leerstelle füllt der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl mit seinem neuen Buch „Kapital und Ressentiment“. Er untersucht das Wechselverhältnis zwischen Wirtschaftsprozessen und Affektökonomien, das sich zwischen Informationstechnologie und Finanzmarkt herausgebildet hat – und datiert ihren Ausgangspunkt auf 1973, als das Finanzwesen mit dem Ende des Goldstandards als System fester Wechselkurse dereguliert wurde.

Das Geld auf dem Konto war von da an nicht mehr gedeckt von anfassbarem Gold, sondern von unsichtbaren Spekulationen. Seitdem Preise auf Basis aller verfügbarer Informationen über Vermögenswerte bestimmt werden, wird die Weltwirtschaft nicht mehr von einem Währungs-, sondern einem Informationsstandard dominiert. Informationen über Geld wurden wichtiger als Geld selbst. Vorangetrieben wurde dieser Prozess von der Freigabe des Internets für Finanzgeschäfte 1993.

Diese ungefähr zwei Drittel des Buchs füllende und etwas langatmige historische Herleitung verschaltet Vogl, der mit Büchern wie „Das Gespenst des Kapitals“ (2010) oder „Der Souveränitätseffekt“ (2015) zum einflussreichen Kapitalismuskritiker wurde, mit kulturwissenschaftlichen Überlegungen.

Macht der Internetplattformen

Seine Grundthese: Die Allianz von Finanzwirtschaft und Kommunikationstechnologien legte den Grundstein für die Macht der Internetplattformen wie Uber, Facebook oder AirBnB. Ihre Geschäftsmodelle basieren darauf, nichts selbst zu produzieren, sondern nur zu vermitteln, und zwar zwischen Unternehmen, Werbetreibenden und Nutzer*innen, deren Interaktio­nen zu Daten gebündelt und profitabel weiterverkauft werden.

Laut Vogl, der im gleichnamigen Kapitel weitgehend Nick Srniceks Buch „Platform Capitalism“ paraphrasiert, genießen Plattformen inzwischen eine staatsartige Souveränität. Sie bilden nicht einfach nur die Logik des Marktes ab, indem dort etwa das Konkurrenzprinzip auf soziale Sphären übertragen wird, sie sind eigene Märkte. Gehandelt werden statt Devisen Meinungen, also unbegründete Behauptungen – strukturiert nach finanzökonomischen Bewertungslogiken. Ein perfekter Nährboden für das, was Vogl „strukturellen Populismus“ nennt und was eine Aufwertung von Information gegenüber Wissen bewirkt.

Erstere handele immer nur vom Was, während zweiteres stets auch nach dem Warum verlangt. Ein solcher Informationsmarkt führe zu einer Entkopplung der Welt der Ereignisse von der Welt der Gründe. Kurzum: scheißegal, ob eine Information stimmt, Hauptsache, sie kursiert.

Fake News sind bekannteste Kollateralschäden

Da Suchmaschinen-Ergebnisse keine neutrale Abbildung aller verfügbarer Informatio­nen, sondern nach Marketingstrategien und Relevanzkriterien geordnet sind, hat die Meinung, Bill Gates habe Corona erfunden, einen viel höheren Nachrichtenwert als eine wahre. Fake News wären hier die bekanntesten Kollateralschäden einer Affektökonomie, die Vogl zufolge vom Ressentiment bewirtschaftet wird, also jener aus einer diffusen Ohmacht und toxischen Empfindungen geborenen Denkweise, die sich wunderbar eignet, Konkurrenzdenken, Bewertungslust und „ballistische“, also auf Verletzung gerichtete Kommunikation“ zu kanalisieren.

Mit dem „Communications Decency Act“ von 1996 durch den US-Kongress wurde das gesetztlich legitimiert. Hiernach sind Internetanbieter nicht als Publizisten, sondern als neutrale Vermittler definiert und somit von der Verantwortung für Inhalte befreit. Dass sich Facebook hier quasi zwischen Staat und Bür­ge­r*in schiebt, ist hochgefährlich für eine Gesellschaft.

Wenn Vogl zum Schluss nicht weniger als „eine neue Vorkriegszeit“ heraufziehen sieht, möchte man ihm kaum widersprechen. Doch erinnert der Jumpcut zwischen Facebook-Nutzung und Apokalpyse ein bisschen zu sehr an Doom­scrolling.

Vogl jedoch, wie der Rezensent in der Zeit in standesgemäß ballistischer Urteilsmanier es tut, vorzuwerfen, einer „sehr deutschen Poetik der Zwangsläufigkeit“ zu folgen, verharmlost die Analyse. Als Fazit, das ein bisschen mehr Hoffnung macht, braucht es ja nicht den erwartbaren Ruf nach autonomen Plattformen, mit dem Berardi oder Srnicek ihre Kritik am kognitiven Kapitalismus oft verwässern.

Plattformen besteuern

Stattdessen liefert Vogl selbst eine Alternative, wenn er in aktuellen Podcasts auf die Frage, was sich gegen die neue Macht politisch unternehmen lässt, vorschlägt, Plattformen zum Beispiel angemessen zu besteuern – und damit in einen gesellschaftlichen Verantwortungszusammenhang zu drängen.

Vielleicht hilft es auch, mal daran zu erinnern, dass das Internet nicht die Welt und die datenhungrige Ava­tar*in nicht das Ich ist – kurzum: dass sich die digitale Verhaltensarchitektur mit ihrer Seifenoper aus Meinungen einfach verlassen lässt – solange der Daumen den Aus-Knopf findet.

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