: Rinderwahnsinn im Unterhaus
■ Labour und Torys als eine Herde hinter Premier Major
Dublin (taz) – Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer ist es gelungen, für Einigkeit im britischen Parlament zu sorgen. Und nicht nur das: Er hat sogar zum erstenmal seit Monaten Einigkeit innerhalb der Konservativen Partei geschaffen. Die Bundesregierung will nämlich heute auf Initiative Seehofers ein unilaterales Importverbot für britisches Rindfleisch verhängen. Ausgenommen davon sind Tiere, die jünger als drei Jahre sind und aus Herden stammen, in denen seit vier Jahren kein Fall von „Boviner Spongiformer Enzephalopathie“ (BSE) – im Volksmund heißt die Hirnkrankheit „Rinderwahnsinn“ – aufgetreten ist.
So ist Premierminister John Major, der nach der jüngsten Wahlschlappe vom Donnerstag selbst von den eigenen Hinterbänklern mit Spott überhäuft wird, zutiefst dankbar, daß er wenigstens bei der Debatte um dieses Thema das Unterhaus und die Bauernverbände hinter sich weiß. Britisches Rindfleisch sei völlig ungefährlich, singen die Londoner Parlamentarier im Chor, wenn sie nicht gerade demonstrativ einen Berg Tartar verspeisen – trotzig und ungetrübt von wissenschaftlichen Erkenntnissen. Denn BSE kann auf die meisten anderen Tierarten, darunter auch Menschenaffen, mühelos übertragen werden.
Ob der Mensch sich in Form der tödlichen Creutzfeldt-Jakob- Krankheit durch den Verzehr von Rindfleisch anstecken kann, ist ungewiß, aber nicht auszuschließen. Da ist auch der Hinweis aus Großbritannien wenig hilfreich, daß die Fälle von Rinderwahnsinn im vergangenen Jahr um 20 Prozent zurückgegangen seien. 650 neue Fälle pro Woche und insgesamt nun schon mehr als 120.000 tote Rinder sind kein Pappenstiel, zumal die Dunkelziffer wegen der komplizierten Nachweisbarkeit des Erregers wahrscheinlich sehr hoch ist. Ob das Importverbot in der Praxis strikt durchgesetzt werden kann, ist eine andere Frage, da der Weg über Drittländer kaum dichtgemacht werden kann. Jedenfalls ist Seehofers Maßnahme Wasser auf die Mühlen der Europagegner unter den Torys, die Major nun ein Referendum über Europäische Union, Föderalismus und Währungsunion abringen wollen. Ralf Sotscheck
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen