Rhetorikexperte über Özdemir-Rede: „Die AfD macht Propaganda“
Welche Kommunikationsstrategien nutzt die AfD? Olaf Kramer erklärt Rhetorikmethoden, die ein Klima der Angst erzeugen.
taz: Herr Kramer, am Mittwoch zeichnen Sie den Grünen-Politiker Cem Özdemir für die „Rede des Jahres 2018“ aus. Was macht seine Rede so besonders?
Olaf Kramer: Was in Erinnerung bleibt, ist einmal der Satz, in dem er versucht, deutsche Identität zu beschreiben. Er sagt, dazu gehört der Verfassungspatriotismus, dazu gehört die deutsche Erinnerungskultur, dazu gehört auch die Diversität, die Deutschland inzwischen auszeichnet. Außerdem sagt er: Wenn er in seine Heimat fahren will, muss er nur mit der S-Bahn nach Stuttgart fahren.
Was meint er damit?
Dieses tolle Zitat macht die Absurdität rechtspopulistischer Positionen deutlich. Die versuchen, Identität über biologische Traditionslinien zu erklären. Das geht gnadenlos vorbei an der globalisierten Welt, in der wir leben.
Cem Özdemir ist in seiner Rede, die er im Februar 2018 im Bundestag gehalten hat, auch laut und emotional geworden. Kann das nicht eher dazu führen, dass ein Debattenbeitrag unsachlich wird?
Eine gute Rede darf durchaus ein engagiertes Plädoyer sein, und ein Redner sollte für seine Sache einstehen. Zugleich gibt es ja bei Özdemir eine rationale Argumentation – trotz aller Emotionalität.
ist Professor für Rhetorik an der Uni Tübingen und Mitglied der Jury des Seminars für Allgemeine Rhetorik, das seit 1998 die Auszeichnung für die „Beste Rede des Jahres“ vergibt.
Ab wann ist diese Emotionalität kontraproduktiv?
Der SPD-Politiker Johannes Kahrs sagte mal zu einem AfD-Politiker: „Hass macht hässlich, schauen Sie nur in den Spiegel!“ Da würde ich sagen, er hat die Grenze zum Populismus überschritten und fügt sich in einen Diskurs, wie die AfD ihn uns gern aufzwingen will.
Haben Sie Reden von AfD-Politikern bei der Wahl der besten Rede des Jahres denn berücksichtigt?
Nein. Rhetorik sollte Menschen durch gute Argumente überzeugen. Es gibt viele AfD-Reden, die sich diesem argumentativen Zugriff entziehen, die sehr stark emotionalisieren und die sehr unterdifferenziert sind in der Art und Weise, wie wir auf komplexe Probleme reagieren, mit denen wir zu tun haben.
Geht die AfD nach einer konkreten Methode vor?
Sie versucht ein Klima der Angst und Bedrohung zu schaffen: Angst vor Fremden, vor Zuwanderung, vor der Veränderung, in der sich unsre Gesellschaft befindet. Sie schafft immer wieder die Antithese, es gebe ein „ehrliches Volk“ und auf der anderen Seite die korrupten Eliten. Wir ziehen eine strikte Grenze zwischen Rhetorik und Propaganda. Rhetorik ist der Versuch, jemanden mit rationalen Argumenten zu beeinflussen, Propaganda ist auf Manipulation aus. Die AfD macht Propaganda.
Wie kann man stattdessen ein guter Rhetoriker werden?
Ich könnte einen sehr guten englischsprachigen Tipp geben: „Put yourself in the other man’s shoes“, also „Ziehe die Schuhe des anderen an“. Das heißt: Wer zu Menschen spricht, sollte versuchen, sich in diese hineinzuversetzen. Er sollte sich vorstellen, ob die eigenen Argumente dazu geeignet sind, die Menschen anzusprechen, ihr Interesse zu wecken und sie zu überzeugen.
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