: Ressourcen abfackeln im Spektakel
Der Intendant Milo Rau entmaterialisiert das traditionsreiche Theaterfestival der Wiener Festwochen zum Medienhype. Der Kunst bekommt das nicht immer gut
Von Uwe Mattheiß
Der Prediger weiß, wo die Gemeinde der Schuh drückt. Milo Raus „Republic of Gods“, der Theaterstaat der diesjährigen Wiener Festwochen, adressiert das Unbehagen der meist doch linksliberalen Klientel des Kulturbetriebs an den seltsamen Lähmungserscheinungen der liberalen Demokratien und den überraschend wiederauflebenden Geltungsansprüchen der Religion angesichts des Aufstiegs der Autoritären. Dem gelte es ins Auge zu sehen. Rau weiß im Vorabinterview mit einer Wiener Tageszeitung schon, was er sieht: „Das globalpolitische Endspiel der Demokratie.“
Mit den traditionellen Mitteln politischer Kritik dagegen anzukämpfen, erscheint ihm naiv: „Der globale Mind-Shift ist fast abgeschlossen.“ Wo Vernunft nur Glaube ist, wie die „Energie“ des Wunderheilers in der Festivaleröffnung oder der Anspruch religiöser Fundamentalisten auf die ganze Gesellschaft, implodieren deren Verständigungsmöglichkeiten. Bleibt nur noch, sich den posthumanistischen Stahlgewittern technoreligiöser Dystopien in der Geste des Tragischen zu nähern. Milo Raus mediales Meta-Theater changiert zwischen provozierenden, oft widersprechenden Einzelbehauptungen. Unbestimmtheit schützt ihn dabei vor Angriffsflächen.
Das war das Vorspiel für den Coup der Saison, Peter Thiel, den Techmilliardär, Demokratiegegner und Proponenten einer religiösen Rechten in den USA, der sich bislang hauptsächlich in Privataudienzen mitteilt, für ein öffentliches Diskussionspanel ein- und bald darauf auszuladen. Eine knappe Woche waren alte und neue Medien in der Frage gefangen, ob man seine „Philosophie“, die im Wesentlichen als Kompilation von Versatzstücken des Kulturanthropologen René Girard, des Staatsrechtlers und NS-Apologeten Carl Schmitt und Motiven des Apostels Paulus beschrieben ist, sowie seine Vorbehalte gegen Frauen, freien Wettbewerb und Demokratie, seine Vision der Apokalypse und einer Oligarchie von Techeliten und seinen – gemessen am kirchlichen Mainstream eher häretischen – Katholizismus mit ihm öffentlich diskutieren soll oder nicht.
Ein Ausweg aus dem Doublebind wäre, die Sache vom Kopf auf die Füße zu stellen, den Moment zu ermitteln, in dem Quantität in Qualität umschlägt. Ab welchem Vermögenswert wird eine bloße Meinung unter Umgehung akademischer Usancen zur relevanten Diskursposition? Zu welchem Preis ist der Geist bereit zum Kotau vor der Macht?
Milo Rau muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dem Tech-Bro nachgeworfen zu haben, was auch Milliardäre (noch) nicht käuflich erwerben können: kulturelles Kapital, das Institutionen der Hochkultur durch Reputation akkumulieren. Was nach Niederlage aussah, hat für den ironisch selbstbezichtigenden „neoliberalen Kulturmanager“ Wahrnehmung und Relevanz vielmehr „exponentiell vergrößert“. Es stört auch kein Eigenleben des Diskurses die vorgefasste Dramaturgie.
Im dritten Jahr zeigt Raus Intendanz erste Abnutzungen. Zunehmend taucht die Frage auf nach der Kernkompetenz des Festivals, Wegweisendes in der zeitgenössischen darstellenden Kunst zu produzieren oder einzuladen. Mit der Thiel-Affäre und möglicherweise mit seiner in der Wiener Öffentlichkeit stark kritisierten Erklärung zum Gaza-Konflikt im vergangenen Jahr mehren sich auch im Feld der Kulturpolitik erste Anzeichen von buyer’s remorse.
Vielleicht ist das alles nur ein großes Missverständnis, das am wenigsten Rau anzulasten ist. Seine Arbeitsweise kannte man, den performativen Selbstwiderspruch, politische Inhalte in künstlerische einzutragen, sie aber dort weniger diskursiv zu bearbeiten als in einer antagonistischen Dramaturgie, die Affekte maximiert. Rau wurde engagiert, um den Wiener Festwochen Reichweite zurückzubringen, die sie mit den Jahren verloren hatten. Was vor ihm geschah, ist allerdings weniger der Hand seiner Vorgänger geschuldet als dem Strukturwandel im kulturellen Feld.
Am besten ging es den Festwochen, als die Arbeitsteilung des Kulturbetriebs noch intakt war. Repertoiretheater spielten den Kanon der gymnasialen Oberstufe rauf und runter; Festivalkultur öffnete den Blick auf Außenseiter, ästhetische Innovationen und die Gurus der (Post-)Moderne. Rau bringt Impact zurück, verteilt aber die Aufmerksamkeitsressourcen von unten nach oben. Das nimmt dem Theaterprogramm den Sauerstoff, das zumindest bis zur Festivalhälfte auch schwächer aufgestellt ist als die beiden Jahre zuvor.
Den Anfang machte Milo Raus „Das beste Stück der Welt“, eine Revue zu 75 Jahren Festwochen. Der Esprit, den die charmante Marktschreierei im Titel versprach, wollte sich nicht einstellen. Es wurde eine brave Aufzählung daraus, nach den Kriterien „Schönheit und Skandal“ nostalgisch abgearbeitet wie beim Festkommers zum Jubiläum der Freiwilligen Feuerwehr. Zeitzeugen bis zurück ins erste Jahr steuerten Authentizität bei. Zu Romeo Castelluccis Meditation über die Passion des gewöhnlichen Menschen flogen Steine gegen ein Jesusbild (Skandal), Luc Bondys „Möwe“ erinnerte an Zeiten, in denen das Theater noch geholfen hat (Schönheit) und immer wieder Christoph Schlingensief.
Von dessen Containeraktion 2000 vor der Wiener Staatsoper erzählt die Aufführung wie Opa vom Krieg. Sie scheint sowieso alles verstanden und ohne Folgen verdaut zu haben. Im Theater gibt’s nicht Neues mehr, jedenfalls nicht hier, so die implizite Botschaft. Den Verdacht, dass Theater ohne Attribut vielleicht doch gelegentlich Zukunft hat, nährt Thorsten Lensings gleichsam schwerkraftüberwindende Etüde „Tanzende Idioten“.
Dem Abhaken von Benchmarks diente auch Florentina Holzingers „Pfingstspiel“ am Ort und zu Ehren (?) Hermann Nitschs im niederösterreichischen Schloss Prinzendorf. Noch in Wien schreitet der Heilige Geist nicht in Gestalt einer Taube, sondern einer nackten jungen Frau angeseilt die Vertikale einer Hochhausmauer herunter. Florentina Holzinger besteigt einen ausbrechenden PS-Boliden als Streitwagen mit sprühender Fackel. Ihre Auseinandersetzung mit dem römischen Ritus und den Spuren paganer weiblicher Imagination darin war in der Oper „Sancta“ (2024) stringenter. Wieder gibt es die bewusste Grenzüberschreitung weiblicher Körper mittels schmerz- und adrenalintreibender Body-Suspension. Wie das mit den bukolischen Spielformen von Nitsch zusammengeht, bleibt unklar. Nach fünf Stunden fügt sich an Körperhaken schwebend das Bild vom „Letzten Abendmahl“.
Die Festwochen schichten Ressourcen von der Kunst ins Spektakel um und schließen Diskursräume, die sie zu öffnen behaupten. In früheren Zeiten sorglos wachsender Budgets wäre es ein Leichtes gewesen, sie in Parallelstrukturen wieder zu öffnen. Der aktuellen Schrumpfung des Sektors bleibt das verwehrt. Es sind nicht nur die Selbstdarstellungsexzesse einer „Knallerbse“ (FAZ) am Werk, sondern Abbrucharbeiten an einer siechen bürgerlichen Kultur. So groß kann antibürgerliches Sentiment gar nicht sein, dass man nicht manches aus ihr in eine bessere Zukunft mitnehmen möchte.
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