Repression in der Türkei: Zwischen Bühne und Gerichtssaal
Rıza Kaan Tangöze lieferte den Soundtrack für die Proteste gegen die Festnahme von Erdoğan-Widersacher İmamoğlu. Nun wurde er selbst festgenommen.
Er ist eine prägende Figur der türkischen Rockmusik: Rıza Kaan Tangöze, geboren am 5. September 1973, ist Sänger, Gitarrist und Mitbegründer der Band Duman, die seit Ende der 1990er Jahre zu den einflussreichsten Acts der alternativen Szene der Türkei gehört. Der linkshändige Frontmann verbindet Grunge, Alternative und anatolische Rocktraditionen mit eigenen, oft poetischen und gesellschaftlich aufgeladenen Texten. Tangöze hat in den USA studiert, einen Master in Ökonomie gemacht. Später kehrte er in die Türkei zurück und gründete 1999 Duman.
Seine Stimme wurde zum Soundtrack einer Generation, die zwischen politischer Polarisierung und globalisierter Popkultur erwachsen wurde. Während andere Bands Programme formulierten, erzählte Tangöze von Zuständen: von Müdigkeit, Sehnsucht, Rausch und innerer Unruhe. Seine Texte bleiben tastend, sind nie eindeutig, und offen genug, dass viele sich in ihnen wiederfinden.
Diese Offenheit machte auch den Song „Kufi“ zu etwas Besonderem. Als er 2024 erschien, wirkte er zunächst wie ein weiterer dieser rätselhaft kreisenden Duman-Tracks – repetitiv, beinahe mantraartig, mehr Verdichtung als Erklärung. Im Text selbst wird kein politisches Subjekt benannt, kein Gegner ausgerufen. Stattdessen kreist das Lied um ein „Ich“ unter Druck, um Gedanken, die nicht zur Ruhe kommen, um das Gefühl, in unsichtbaren Strukturen festzustecken – ein innerer Belagerungszustand ohne explizite Anklage.
Ein Song wird zur emotionalen Parole
Als im Frühjahr 2025 nach der Inhaftierung des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu Proteste ausbrachen, bekam genau diese Unbestimmtheit eine neue Wucht. „Kufi“ lief als Soundtrack in Demonstrationsvideos, hallte über Universitätsgelände, wurde tausendfach geteilt. Ein Song ohne klare Anklage wurde zur emotionalen Parole – gerade weil er offen blieb, ließ er sich nutzen als Ausdruck von Frustration, Trotz, Erschöpfung.
Vielleicht erklärt genau das, warum Tangözes Name wenig später in einem anderen Zusammenhang auftauchte: Im Zuge von Ermittlungen zu Drogenkriminalität wurde er gemeinsam mit weiteren Prominenten festgenommen; insgesamt standen 21 Personen im Fokus der Ermittlungen. Einige kamen in Untersuchungshaft, andere erhielten Hausarrest. Tangöze wurde am Freitag wieder freigelassen – doch das Verfahren gegen ihn läuft weiter.
Tangöze hatte bei seiner Anhörung ausgesagt, er habe Marihuana konsumiert, aber nur alleine zu Hause und nicht öffentlich. Gekauft habe er es auf seiner Deutschlandtour 2025, im Wissen um die dortige Legalität.
Keine klassische Oppositionsfigur
Tangöze ist keine klassische Oppositionsfigur. Er hält keine Reden, schreibt keine Manifeste – und wird doch politisch gelesen, weil seine Lieder von einer gesellschaftlichen Enge handeln.
Doch in einem Land wie der Türkei bleibt so etwas selten eine rein private Angelegenheit. Musiker und Schauspieler geraten immer wieder ins Visier; Vorwürfe werden in einem politisch aufgeladenen Klima rasch weiter ausgedeutet. Auch im Fall Tangöze sehen viele mehr als nur eine Drogenrazzia, sondern einen politisch motivierten Einschüchterungsversuch.
So steht Tangöze also zwischen Bühne und Gerichtssaal. Kein politischer Wortführer, eher die Stimme eines Gefühls – irgendwo zwischen Aufbegehren und Rückzug. Manchmal reicht das schon.
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