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Reiseziel Reggio CalabriaPier Paolo Pasolini und die „Insta-Hölle“ Kalabrien

Drogenumschlagplatz, Sitz von Mafiabossen und Touristenattraktion: Die Reggio Calabria ganz im Süden Italiens hat viele Gesichter.

Der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini mit Sonnenbrille Foto: IMAGO

M it dem Slogan „Italiens verstecktes Juwel“ bewirbt eine Fluglinie aktuell Reisen nach Reggio Calabria. Biografische Zufälle haben mich mehrmals an die Stiefelspitze geführt, und in den vergangenen Herbstferien war ich nun wieder da, mehr oder weniger pünktlich zum 50. Jahrestag der Ermordung von Pier Paolo Pasolini am 4. November 1975.

Anfang der 1990er kam ich noch mit dem Zug, schlief im Liegewagen auf meiner Brille ein, der das nicht gefiel. Bis zur Ankunft in Reggio wurde ich gesotten im Abteil und draußen halbblind ins gnadenlose Licht des tiefen Südens gestellt. Dann einen Monat Party mit lustigen Spaniern in einer WG für die Zeit unseres Sprachkurses, aber unvergessen die Szene, als fiese Typen vor der Stranddisco auftauchten, einen Straßenhund wegtraten und sich überhaupt wie Herrenmenschen benahmen.

Von Mafia hatte ich damals nur im „Paten“ gehört, von der kalabresischen Ausprägung ’ Ndrangheta jedoch noch nie. Was ich von der Stadt mitbekam, war jenseits von Strand und Palmen desolat, die jungen Leute, die wir kennenlernten, wollten nichts wie weg. Ich kam wieder, zwei Jahrzehnte waren vergangen, ließ mir von Antimafiaaktivisten und einer Spezialeinheit der Carabinieri die Villen der Bosse zeigen, den Kokainhafen Gioia Tauro, die in die toten Flüsse gesetzten Bauruinen.

Noch mal Jahre später, eine Recherche zum Menschenhandel, 200 sogenannte illegale Erntearbeiter in einer verrotteten Lagerhalle, ein Wasserhahn. Und nun in sechs Stunden von Tür zu Tür, mit Familie und Taxi und in jedem Raum der Ferienwohnung ein Bildschirm. Das Stadtzentrum, eine Art touristischer Themenpark, gruppiert rund um die museale Hauptattraktion, die sogenannten Bronzen von Riace.

Wie hätte Pasolini das gefunden? Entspricht Reggio Calabria nicht genau seinem Modell von ökonomischer Entwicklung ohne humanen Fortschritt? Eine Stadt, die jahrzehntelang unter dem Albtraum mafioser Herrschaft gedämmert hat und nun geradezu explodiert, noch für wenige Monate ein „verstecktes Juwel“, danach einfach eine weitere Insta-Hölle? Oder ist alles schlicht eine Frage, durch welche Brille man schaut? In ihrem Nachruf auf Pasolini schrieb Rossana Rossanda vor 50 Jahren: Wenn er es überlebt hätte, er hätte den 17-Jährigen, der ihn totprügelte, verteidigt.

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Ambros Waibel
taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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