Reinhard Loske über Gruhl-Gesellschaft: „Eine Tarnorganisation der AfD“

Die Klimapolitiker Reinhard Loske und Josef Göppel geben ihren Herbert-Gruhl-Preis zurück. Sie werfen der Gruhl-Gesellschaft Missbrauch vor.

Der deutsche Schriftsteller Carl Amery (r, eigentlich Christian Anton Mayer), unterhält sich am 21.06.1980 in Dortmund auf der Bundesversammlung der Grünen mit Herbert Gruhl,

Herbert Gruhl (links) 1980 auf der Bundesversammlung der Grünen, deren Mitbegründer er war Foto: Roland Scheidemann/dpa

taz: Herr Loske, Sie haben zusammen mit dem CSU-Politiker Josef Göppel den Herbert-Gruhl-Preis zurückgegeben, den Sie vor einigen Jahren von der Gruhl-Gesellschaft verliehen bekommen haben, die das Erbe des frühen CDU-Ökos und Grünen-Gründers verwaltet. Warum?

Reinhard Loske: Wir haben den Preis zurückgegeben, weil wir sehen, dass die Ideen von Herbert Gruhl heute von der Gesellschaft, die seinen Namen trägt, politisch missbraucht, extrem tendenziös interpretiert und für nationalistische, populistische und teils sogar völkische Zwecke instrumentalisiert werden. Nach intensivem Studium der aktuellen Webseite der Herbert-Gruhl-Gesellschaft kommen wir zu dem Ergebnis, dass diese Gesellschaft mittlerweile offenkundig zu einer Art Tarnorganisation der AfD geworden ist.

Welche Belege haben Sie dafür?

Jg. 1959, ist Prof. für Nachhaltigkeit und Gesellschaftsgestaltung an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und deren Präsident. Er war für die Grünen MdB und Umweltsenator in Bremen. Josef Göppel, Jg. 1950, war Förster und 15 Jahre MdB für die CSU. Er galt dort als Öko allein auf weiter Flur.

Der Preis: Neben Göppel (2003) und Loske (2005) wurden auch der französische Grünen-Politiker Antoine Waechter (2007), der Philosoph Robert Spaemann (2009) und der ehemalige Präsident des Umweltbundesamtes Andreas Troge (2011) mit dem Herbert-Gruhl-Preis ausgezeichnet.

Der Vorsitzende Volker Kempf ist Kommunalpolitiker der AfD in Baden-Württemberg. Sein Stellvertreter Wolfram Bednarski ist AfD-Kommunalpolitiker in Niedersachsen. Auf der letzten Hauptversammlung im Herbst 2019 sprachen neben Kempf und Bednarski der ehemalige AfD-Bundesvorsitzende Konrad Adam, zugleich Ehrenvorsitzender der Gesellschaft, dann Bednarski sowie Bernd Grimmer, baden-württembergischer AfD-Landtagsabgeordneter aus Pforzheim. Auf der Webseite der Herbert-Gruhl-Gesellschaft ist man durchweg bemüht, die Sache der Ökologie und der Nachhaltigkeit in einen rechten Kontext zu rücken. Das fügt sich in ein Gesamtbild ein, das wir derzeit auch an anderer Stelle beobachten. Die AfD und ihre parteinahe Desiderius-Erasmus-Stiftung versucht einiges, um Themen wie Klimaschutz oder Klimagerechtigkeit als linke Ideologie zu denunzieren und dem eine wahre, tiefe, deutsche Naturliebe entgegenzustellen.

Was steht denn konkret auf der Gruhl-Webseite?

In einem Beitrag mit dem Titel „Selbstbestimmungsrecht der Deutschen“ des Vorstandsmitglieds Helmut Kirchner heißt es vor dem Hintergrund der Migrationsdebatte, Medien und Vertreter der „noch herrschenden“ Parteien erzeugten im Lande eine Stimmung, „als sei es nicht mehr opportun, patriotisch zu wählen“, womit ganz offenkundig die AfD gemeint ist. Statt die Zuwanderung, die „zu Lasten der Umwelt“ gehe, zu begrenzen, würden die „etablierten“ Parteien, „lebensfeindliche“ und „unkontrollierte“ Zuwanderung wollen. Am Ende des Artikels folgt dann der ultimative Appell: „Es kann, es darf keine Zuwanderung geben, die das Ende der Nationen und Europas bedeutet.“

Ist das ein Ausnahmefall?

Leider überhaupt nicht. In anderen Beiträgen wird offene Wahlwerbung für die AfD betrieben. Da findet sich von hohlen Abschreckungsphrasen gegenüber Migranten bis zur Islamophobie so ziemlich alles. Das ist ressentimentgeladen, intellektuell erbärmlich und weit unter dem Niveau, das Herbert Gruhl als Autor gepflegt hat. Josef Göppel und ich wissen nicht, wann und wie genau aus dieser wertkonservativ orientierten Pflege der Ideen Gruhls eine nationalistische Tarnorganisation der AfD wurde, jedenfalls wollen wir damit nichts zu tun haben.

Was sind die zu bewahrenden Gedanken von Herbert Gruhl?

Gruhl hat als CDU-Bundestagsabgeordneter und früher Wachstumskritiker die ökologische Debatte über Deutschland hinaus entwickelt und geprägt wie nur wenige Zeitgenossen. Vor allem hat er immer wieder betont, dass es nicht nur um andere Technologien, sondern auch um Mäßigung geht, nicht nur um „grünes Wachstum“, sondern auch um Kulturwandel. Seine These lautete, dass ökologische Ideen nicht links, nicht rechts, sondern vorn sind. Es ist für uns nicht hinnehmbar, dass sein Denken in braune Gewässer geleitet werden soll.

In „Himmelfahrt ins Nichts“ hat Gruhl schon 1992 „die Menschheit am Ende“ gesehen, 80 Prozent der Menschen attestiert, dass sie zu „Enthaltsamkeit bei der Fortpflanzung“ nicht in der Lage seien, und den „ökologischen Umbau der Industriegesellschaft“ als Widerspruch in sich selbst gebrandmarkt.

Ja, zum Ende seines Lebens hin, er ist 1993 gestorben, hat Gruhl eine sehr kulturpessimistische Weltsicht entwickelt. Die prägte auch die „Himmelfahrt ins Nichts“. Er war ob der vielen Vergeblichkeitserfahrungen verbittert und sah keine Hoffnung mehr. Der Kollaps durch die ökologische Krise hatte für ihn zum Schluss leider etwas Zwangsläufiges. Aber das schmälert in keiner Weise seine Leistungen als Autor eines der wichtigsten deutschen Bücher zur globalen Umweltkrise („Ein Planet wird geplündert“ von 1975), als BUND-Vorsitzender, Widersacher von Helmut Kohl in der CDU und Grünen-Gründer. Mit so einem Schmarrn wie der krausen AfD-Ideologie hätte er wohl nichts zu tun haben wollen.

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