Regisseurin Hausner über Lourdes-Film

"Der Priester war eingeweiht"

Als Jessica Hausner nach Lourdes kam, war sie schockiert über die vielen Kranken und ihre Hoffnungen. Wie dennoch dort ihr Film "Lourdes" entstehen konnte, erzählt sie im taz-Gespräch.

"Sylvie Testud hat diese Art von Trockenheit, sie hat von Anfang an verstanden, dass sie in ihrem Rollstuhl nicht im Elend versinkt." Bild: promo

taz: Frau Hausner, was hat Sie nach Lourdes verschlagen?

Jessica Hausner: Ich habe verschiedene Stories recherchiert, die mit Wundern zu tun haben. An Lourdes hat mich die Tatsache fasziniert, dass in unserer aufgeklärten Gesellschaft ein Ort existiert, von dem man behauptet, man könne dort durch ein Wunder geheilt werden. Ich bin dann zur Recherche hingefahren, im Rahmen einer Pilgerreise, bei der Krebskranke dabei waren.

Ich war schockiert davon, so viele Kranke auf einem Fleck zu sehen, viele mit der Hoffnung, dass sie geheilt werden könnten. Zuerst habe ich gedacht, darüber will ich keinen Film machen, das ist Sozialvoyeurismus, grauslich und pornografisch. Das geht mich nichts an.

Und dann?

Dann habe ich noch einmal darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass irgendetwas, was mich dort so erschüttert hat, eben doch was mit mir zu tun hat. Die Kranken, die nach Lourdes fahren, empfinden es als Wohltat, vier Tage Teil so einer Gruppe zu sein, betreut zu werden und die Hoffnung verkauft zu bekommen, dass man bei soundsoviel Gebeten und Bädern vielleicht geheilt wird. Ich mag zwar gesund sein, aber ich kenne diese Hoffnung letztlich auch, und zwar in der Form, dass ich ein erfülltes und glückliches Leben haben möchte und vielleicht am Ende doch nicht sterben muss.

Wenn Sie Angst vor Sozialvoyeurismus hatten, wie haben Sie dieser Angst entgegengewirkt, als Sie den Film konzipierten?

Jessica Hausner, geboren 1972 in Wien, ist Regisseurin und Produzentin. Sie studierte Regie an der Wiener Filmakademie. Ihr erster Langfilm als Regisseurin war "Lovely Rita" (2001), 2004 folgte "Hotel". "Lourdes" (2009) lief im Wettbewerb der Filmbiennale von Venedig. Gemeinsam mit Barbara Albert, Martin Gschlacht und Antonin Svoboda führt Jesscia Hausner die Produktionsfirma Coop 99, die Autorenfilme produziert - zum Beispiel Hans Weingartners "Free Rainer - Dein Fernseher lügt" oder Benjamin Heisenbergs "Schläfer".

Christine (Sylvie Testud) ist vom Hals bis zu den Füßen gelähmt. In einer von Maltesern betreuten Gruppe reist sie nach Lourdes, getragen von der vagen Hoffnung, geheilt zu werden. Hausners Spielfilm entwickelt einen feinen Blick für die Routinen und Rituale des Pilgerorts, für die Sehnsüchte, Nöte und Zweifel der Pilger. Dabei ist "Lourdes" immun gegen religiösen Ernst. Die Inbrunst mancher Figuren wird dadurch kontrastiert, dass Hausner spöttisch-skeptische Distanzierungen vornimmt.

"Lourdes", Regie: Jessica Hausner, mit Sylvie Testud, Bruno Todeschini u. a., Österreich/Frankreich/Deutschland 2009, 99 Min.

Durch die Stilisierung. Ich zeichne immer ein Storyboard, und beim Zeichnen habe ich gemerkt, dass ich die Gruppe betonen werde: Wie aus einer bunt zusammengewürfelten Gruppe eine Ordnung entsteht, mit den Maltesern und den Pilgern, und wie sie dann wieder in Chaos zerfällt. Es geht ja in dem Film auch darum, dass der Einzelne Teil eines größeren Ganzen ist.

Wie war es denn, in Lourdes zu drehen?

Wir mussten uns immer danach richten, wann Pilgergruppen die Orte gebucht hatten. In den Slots dazwischen haben wir unsere Dreharbeiten gemacht, was eher mühsam war. Normalerweise will man ja einen Drehort en bloc abdrehen. Das konnten wir nicht, wir mussten immer wandern, konnten nur für eine Dreiviertelstunde in die Grotte, dann für zwei Stunden raus, dann wieder rein. Andererseits überprüfen Martin Gschlacht, der Kameramann, und ich das Storyboard immer sehr genau anhand der Drehorte, und zwar vor dem Dreh. Deshalb wissen wir meistens schon, wo die Kamera und wo die Schauspieler stehen. Es ist sehr genau vorbereitet.

Sehr kontrolliert?

Eigentlich schon. Bei "Lourdes" dreht sich ja vieles um die Bewegung der Schauspieler im Bild, das hat etwas von einer Choreografie. Ich wollte eher das Rollenhafte einer Person betonen als das Individuelle. Die Hauptfigur Christine zum Beispiel hat ja keine Biografie, es gibt keine biografische Erklärung für irgendetwas. Stattdessen geht es um die Rolle, die ein Einzelner spielt, weil ihm diese Rolle von der Gesellschaft auferlegt wurde.

Sie haben zum ersten Mal in Frankreich gedreht. Macht es einen Unterschied, ob man in der Muttersprache oder in einer Fremdsprache dreht?

Ja, aber ich fand es eher angenehm. Es gab mir eine Möglichkeit, Distanz zu dem, was wir drehten, zu halten. Das Ganze war mir weniger nah. Und es war eine sportliche Herausforderung, weil ich mich mehr darauf konzentrieren musste, wie ich spreche und wie die Schauspieler sprechen.

Warum wollten Sie Sylvie Testud als Hauptdarstellerin?

Ich wollte unbedingt, dass die Frau, die in dem Rollstuhl sitzt, kein Opfer ist, dass sie Selbstbewusstsein hat, eine gewisse Ironie. Auch dass man spürt: Die ist gar nicht sehr gläubig. Sylvie Testud hat diese Art von Trockenheit und sie hat von Anfang an verstanden, dass sie in ihrem Rollstuhl nicht im Elend versinkt.

Es ist sicherlich eine Herausforderung, eine gelähmte Figur zu spielen, also jemanden mit einer anderen Körperlichkeit, als man selbst gewöhnt ist. Wie war das für Sylvie Testud? Wie haben Sie ihr geholfen?

In der Vorbereitungszeit haben wir uns mit Multiple-Sklerose-Kranken getroffen, wir haben an Sitzungen von Multiple-Sklerose-Selbsthilfegruppen teilgenommen. Am Anfang hat man eine höfliche Distanz und geht vorsichtig mit Leuten um, die krank oder gelähmt sind. Dann fängt man an, normaler mit ihnen zu sprechen und zu verstehen, dass es sich um ein Schicksal handelt, das jedem widerfahren kann, und dass dieses Schicksal einen Alltag mit sich bringt, den man leben kann. Für Sylvie gab es zwei Erkenntnismomente: Der Erste war zu verstehen, dass gelähmt zu sein eine Wirklichkeit ist, die lebbar ist wie andere Wirklichkeiten auch, und der zweite Erkenntnismoment war zu sehen, dass man nicht notwendigerweise zum Opfer wird. Im Gegenteil, viele, die gelähmt sind, haben eine gewisse Überheblichkeit, sie verspüren den Druck zu zeigen, dass sie keine unmündigen Idioten sind.

Sie sprachen vorhin von Ironie. Die ist ja nicht nur für die Hauptfigur wichtig, sondern für den ganzen Film. Der wechselt gewissermaßen zwischen zwei Erscheinungsformen: Einerseits verhandelt er mit einiger Ernsthaftigkeit ein Wunder, also etwas, das sich dem Verstand entzieht, andererseits hat er eine verspielte, schelmische, humorvolle Seite.

Ich finde es interessant, die sichtbare Wirklichkeit abzubilden, ohne einen Kommentar oder eine Deutung hineinzumischen. Eine Wirklichkeit, die ein Paradox enthält, das quasi noch roh ist. Uninterpretiert. Denn dadurch entstehen für mich die Spannung und die Frage: Was ist hinter den Bildern? Was bedeuten die Bilder? Aber die sichtbare Realität ist per se ohne Bedeutung. Es gibt also einen seltsamen Widerspruch zwischen der sichtbaren Realität und dem, was dahinter ist, was nicht zeigbar und auch kaum benennbar ist. Diese Dimension zur Assoziation zu bringen, finde ich total spannend. Das ist vielleicht, was man Transzendenz nennen könnte.

Wenn ich an andere Filme denke, die nach dem, was Sie Transzendenz nennen, suchen, etwa an "Ordet" von Carl Theodor Dreyer, dann sehe ich eine große Ernsthaftigkeit am Werk. Sie bleiben nicht ernsthaft, nicht durchweg. Warum?

Ich habe viel an Jacques Tati gedacht. Auch Komiker meinen die Sache ja ernst. Und die Ironie war für mich eine Hilfe, das alles überhaupt erzählen zu können. Der Ort Lourdes hat mich sehr deprimiert. Dass ich den Film gemacht habe, war ein Weg, mit der Angst vor Krankheit und Tod umzugehen, den Multiple-Sklerose-Kranken in die Augen zu schauen, sich der Sterblichkeit zu stellen und der absurden Hoffnung, dass man doch noch überlebt. Es geht auch ums Bannen dieser Geister!

Einige Szenen spielen in den Bädern von Lourdes, und in diesen Bädern wiederum spielen Vorhänge eine große Rolle. Unweigerlich denkt man ans Theater, an eine Bühne.

Ja, auch in "Hotel" gibt es schon solche Vorhänge - im Zimmer der Hotelrezeptionistin zum Beispiel. Der Vorhang ist für mich ein Bild für die Frage, was dahinter ist.

In "Hotel" kommt auch eine Höhle vor, so wie in "Lourdes" die Grotte. Auch die Bäder haben etwas Höhlenhaftes.

Das sind Symbole für das Verborgene, für ein Geheimnis, das lauert. Eigentlich ist eine Grotte ja nur eine Grotte, aber es gibt diesen Blick auf die Dinge, durch den die Realität plötzlich einen Riss bekommt. Man ist sich dann nicht mehr sicher: Ist das wirklich nur eine Grotte? Vielleicht ist dahinten doch etwas verborgen.

In einer Szene nimmt Christine an einer nächtlichen Prozession teil. Haben Sie die Prozession inszeniert, oder haben sich die Schauspieler im realen Geschehen bewegt?

Letzteres. Jeden Abend um 22 Uhr gibt es diese Lichterprozession. Wir haben in der sogenannten Malteserwoche gedreht, da ist Lourdes voll mit lauter Maltesern, was wir ausgenützt haben, weil im Film ja auch Malteser vorkommen.

Wie ist es, eine Szene zu drehen, die sich in reales Geschehen integriert?

Man muss achtgeben, dass man die Stilisierung des Films aufrechterhält und gegen die Wirklichkeit ankommt. Umgekehrt hat man in einer inszenierten Szene die Schwierigkeit, die Lebendigkeit, die die Wirklichkeit hat, herzustellen.

Der Gottesdienst in der riesigen Kirche - der fand auch in echt statt?

Ja. Weil es eine komplizierte Spielszene war, hatten wir vorher geprobt, und der Priester war auch eingeweiht. Er wusste, wo er stehen bleiben sollte. Er ist trotzdem bei jemand anderem stehen geblieben, bei einer unserer Schauspielerinnen, weil die ihn so rührte. Sylvie Testud hatte einen kleinen Kopfhörer am Ohr, ich hatte ein Walkie-Talkie und sagte, was jeweils passieren sollte. Es war ein bisschen pfadfindermäßig, das durchzuziehen. Aber es hat ganz gut geklappt.

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