Re­gi­o­nal­li­gist Energie Cottbus

Wo früher großer Fußball war

Energie Cottbus spielte jahrelang in der Bundesliga. Nun kicken die Lausitzer drei Ligen tiefer. Doch einige der alten Probleme sind immer noch da.

Fußballspieler des Energie Cottbus stehen auf dem Platz. Die Zuschauersitze sind leer

Zu große Tribüne für die Regionalliga Nordost: Energie spielt gegen den 1. FC Magdeburg Foto: Imago/Steffen Beyer

COTTBUS taz | Cottbus hat an Farbe verloren. Von ganz weit oben betrachtet muss es wie ein verblasstes Bild aus alten Tagen wirken. Drei, zwei Stunden vor Spielbeginn wird Cottbus zwar ein wenig röter und ein wenig weißer. Aber lange nicht mehr so intensiv wie früher, als sich die Menschen aus der strukturschwachen Region in großer Zahl in der Brandenburger Kleinstadt scharten, wenn die Klassen­duel­le ihres geliebten Klubs Energie Cottbus gegen die millionenschweren Klubs wie Borussia Dortmund oder Bayern München anstanden.

An ganz besonderen Tagen wurden hier einst aus notorischen Verlierern große Gewinner. Nichts war in dieser Region so positiv identitätsstiftend wie Siege von Energie. Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde zum Ehrenmitglied. Und mit vielen kostengünstig verpflichteten Pro­fis aus Osteuropa konnte man den FC Bayern gar zweimal bezwingen.

An diesem Tag aber ist der FC Schönberg zu Gast. Ein Klub aus einer 4.300-Seelen-Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern. Seit dieser Saison muss sich der Absteiger Energie Cottbus mit Klubs wie Meuselwitz, Auerbach oder eben Schönberg in der Regionalliga Nordost messen.

Vereinzelt oder in kleinen Grüppchen treffen an diesem kalten Wintertag am Bahnhof aus den umliegenden Orten die Anhänger von Energie Cottbus ein. Zu erkennen an ihren rot-weißen Fanutensilien. Auch aus Innenstadt macht sich der eine oder andere mit dem Vereinsschal um den Hals auf den Weg ins Stadion der Freundschaft. Immerhin 4.131 Menschen wollen noch die Viertligapartie sehen. Die meisten Teams in dieser Klasse spielen vor durchschnittlich 400 Zuschauern.

Von Alternativlosigkeit profitieren

„Geil auf Fußball“, so hat das Stadionmagazin Energie Echo getitelt. Es ist der etwas verzweifelt wirkende Versuch, das Geschäft mit den Emotionen am Laufen zu halten. Im Kleinen funktioniert das noch erstaunlich gut. „Die Nordwand“, wie man hier in Cottbus die Tribüne hinter dem Tor nennt, die von den Ultras besetzt wird, bröckelt zwar, hält aber. Trotz des wenig ansehnlichen Kicks der Heimmannschaft pfeift hier keiner. Dabei müssen sich alle bis zur 74. Minute gedulden, ehe der brasilianische Winterzugang Marcelo Freitas das einzige Tor des Tages erzielt. Nach dem Schlusspfiff feiert man auf der Nordwand erstaunlich ausgelassen den Pflichtsieg gegen den Provinzverein.

„Die Erwartungen sind auf Normalmaß heruntergekocht worden“, sagt Präsident Michael Wahlich in der Halbzeitpause mit Blick auf die Fans. Und er räumt ein, dass der Verein von einer gewissen Alternativlosigkeit profitiert: „Trotz Bundesliga-Turnen und Zweitligaeishockey hat die Lausitz nicht übermäßig viel an sportlichen Höhepunkten zu bieten. Deshalb ist Energie bislang dauerhaft das Aushängeschild geblieben.“

Wahlich, der sein Amt erst im Sommer angetreten hat, sitzt auf einem der wenigen gepolsterten roten Klappsesseln im Stadion. Die Tribünen gegenüber und rechts von ihm sind unbesetzt. Eigentlich hätten im Stadion, dessen letzte Umbaumaßnahme 2009 vollendet wurde, 22.500 Zuschauer Platz. Den Verein drückt eine Schuldenlast von über 6 Millionen Euro. Die Rasenheizung des Trainingsplatzes blieb diesen Winter aus. „Mit dem Abstieg aus der dritten Liga haben wir 800.000 Fernsehgeld, 500.000 Sponsoreneinnahmen und 300.000 Zuschauererlöse verloren“, rechnet Wahlich vor.

Zwei Minuten hatten Energie Cottbus im Mai zum Klassenerhalt gefehlt. Dann gab man in der 89. Minute eine 2:1-Führung gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 aus der Hand. Es war der dritte Abstieg seit 2009. Die Folgen sind fataler denn je, da in der Regionalliga die Aufstiegschancen äußerst gering sind. Selbst der Erste muss am Ende der Saison in die Relegation. Und mit vier Punkten Abstand auf den Spitzenreiter Jena müssen die Cottbuser selbst um diese vage Option bangen.

Auf Schrumpfkur

In Cottbus steht Trainer Claus-Dieter Wollitz, der schon einmal den Klub zu Zweitligazeiten betreute, nun in der Verantwortung. Der 51-Jährige wurde als Retter für die letzten fünf Drittligaspiele engagiert und ließ sich dann zum Bleiben überreden. Er sei leidenschaftlich und emotional, sagt Wollitz, aber nicht überheblich. Er hätte sich die Aufgabe gar nicht zugetraut, wenn er schon im Sommer die derzeitige finanzielle Situation gekannt hätte. Jetzt sei er so „in ein Ding“ reingekommen. Er hätte einen Auftrag, den man eigentlich gar nicht erfüllen könne. „Hier ist nicht nur Druck auf dem Kessel. Hier ist eigentlich schon nach 12 Uhr.“

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Vor der Saison musste Wollitz ein komplett neues Team zusammenstellen, das zum Auf­stieg verpflichtet ist. Dabei konnte man nur drei Spieler unter Vertrag nehmen, die schon einmal auf höherem Niveau gespielt haben. Michael Wahlich erklärt: „Wir können sicherlich nicht fünf Jahre Re­gio­nal­liga spielen. Da sind möglicherweise die Sponsoren und Zuschauer nicht mehr da.“ Die vierte Liga sei ernüchternd, räumt er ein.

Martin Bock, der Leiter des Fanprojekts in Cottbus, berichtet: „Es gab schon auch ein böses Erwachen in der Fanszene bei den ersten Auswärtsspielen. Da gibt es dann manchmal eben nur zwei Dixiklos und einen Bratwurststand.“

Von der Schrumpfkur in Cottbus scheint nur das Fanprojekt verschont geblieben zu sein. Vor zwei Jahren stockte das Land Brandenburg seine Mittel von 10.000 Euro auf 40.000 Euro auf. Die Stadt steuert 100.000 Euro bei, und der DFB legt noch einmal 140.000 Euro dazu. Knapp vier Vollzeitstellen lassen sich dadurch finanzieren. Mitarbeiter Sven Graupner versteht die unveränderte Unterstützung auch als eine Anerkennung der eigenen Arbeit: „Wir werden als Vermittler, Dolmetscher und Moderator zwischen Fans und Institutionen aktiv in Anspruch genommen.“ Zudem hat sich das Projekt bewusst breit aufgestellt: „Wir machen hier etwas Neues“, sagt Graupner. „Wir sind Anlaufstelle für alle Jugendlichen in der Stadt. Bei uns mischen sich die Subkulturen. Warum sollen wir warten bis die Jugendlichen ins Stadion kommen.“

Weniger Zuschauer, extreme Stimmen

Die stabilen Subventionen für das Fanprojekt haben möglicherweise aber auch mit der Erfahrung zu tun, wie schnell in Teilen der Cottbus Fanszene Dinge aus dem Ruder laufen können. Erst im Herbst beim Spiel gegen den SV Babelsberg 03, der von einer linken Fanszene unterstützt wird, verschafften sich 150 Rechts­ex­tre­me Zugang zur Haupttribüne und skandierten antisemitische Parolen. Der Hitlergruß wurde gezeigt.

Auch wenn Präsident Wahlich darauf verweist, dass dieses Spiel gewaltbereite Extremisten angezogen hat, die sonst nicht zu den Spielen von Cottbus kommen, ist ein Problem offenkundig: Mit dem Abstieg sind die Zuschauer weniger und die extremen Stimmen dadurch hörbarer geworden.

Die Ultravereinigung Collectivo Bianco Rosso 2002, die nach dem Erscheinungsverbot von Inferno Cottbus 1999 die vernehmbarste Gruppierung mit starkem rechten Hang ist, hat Anfang Februar via Facebook die guten alten Zeiten hochleben lassen. Unter anderem das Relegationsspiel gegen Hannover 96, bei dem große Teile des Cottbuser Publikums mit rassistischen Ausfällen gegen die schwarzen Spieler Asamoah und Addo dunkelste Bun­desliga­geschichte schrieben. „Gerald Asamoah und Otto Addo (…) werden später von den schlimmsten Erlebnissen ihrer Karriere berichten“, schwelgt Collectivo Bian­co Rosso in Erinnerung.

Fanprojektleiter Bock warnt vor klischeehaften Zuschreibungen. Bei den jüngsten Vorfällen hätte es in der Cottbuser Anhängerschaft auch viele gegeben, die versucht hätten, rechte Parolen zu übersingen. Man ermutige die jungen Fans auch zum demokratischen Engagement. Nach dem jüngsten Abstieg haben sich bei Energie Cottbus 600 Vereinsmitglieder neu angemeldet.

An den Unannehmlichkeiten der Regionalliga mag sich Trainer Claus-Dieter Wollitz sowieso nicht länger aufhalten. Das interessiere am Ende keinen, wenn man seine Ziele nicht erreiche. Er sagt: „Du musst immer im Hier und Jetzt funktionieren.“

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