Ratzmann will Grünenvorsitz nicht: Papa statt Parteichef

Der Berliner Grünen-Fraktionschef Ratzmann will nicht für den Parteivorsitz der Grünen kandidieren - weil er Vater wird. So macht er den Weg frei für Cem Özdemir.

Parteichef in spe links, Vater in spe rechts: Özdemir und Ratzmann. Bild: dpa

Freudige Überraschung klingt anders. "Ich respektiere die Ankündigung von Volker Ratzmann, seine Kandidatur für das Amt des Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen zurückzuziehen."

So lautete der Kommentar Cem Özdemirs dazu, dass er der einzige verbleibende Kandidat für den grünen Realo-Chefposten ist. Der Weg ist jetzt frei für ihn - aus den schönsten Gründen: Ratzmann (48) erklärte am Donnerstag, dass er von seiner Bewerbung absehe, weil er im März erstmals Vater werde.

Immerhin habe die Mutter des Kindes, die baden-württembergische Abgeordnete Kerstin Andreae, 2009 den Bundestags-Wahlkampf zu bestehen. Dies aber "und die Arbeit eines Bundesvorsitzenden, so wie ich sie mir vorstelle, sind nicht mit der Erziehung eines kleinen Kindes zu vereinbaren", sagte Ratzmann zur beglückwünschenden Presse in Berlin. Nun rufe er dazu auf, Özdemir zu unterstützen.

Özdemirs dürre öffentliche Reaktion verrät, dass er weiß, dass es nun zwar leichter wird für ihn - aber auch ernst. Bis zum Parteitag im November braucht er zwar kaum mehr mit einem Gegenkandidaten zu rechnen. Doch ruht ab sofort ungeheurer Erwartungsdruck auf dem 42-Jährigen: Er soll der erste nicht-deutschstämmige Parteivorsitzende in Deutschland werden.

Damit wird er nicht nur für die Grünen und nicht nur für die deutschen Parteien zur Symbolfigur. Auch die migrantische und insbesondere die türkische Gemeinde werden in Özdemir ihren Repräsentanten an der Spitze der Bundespolitik sehen.

Egal wofür Özdemir sich sonst noch interessiert, wofür er als Parteichef noch sprechen und einstehen wird: Er wird zuallererst die bundesdeutsche Integrationsfrage darstellen. Niemandem ist das klarer als Özdemir selbst. "Es braucht immer einen Ersten, der den Durchbruch macht. Und natürlich muss der auch halt erfolgreich sein und über eine Weile spielen." Das sagte Özdemir jüngst in einem Radiointerview. Er meinte, dass es überfällig sei, endlich einen türkischstämmigen Spieler in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu haben. Sicherlich aber meinte er auch einen ersten türkischstämmigen Parteivorsitzenden.

Ein zweites Stolpern, wie 2002: ausgeschlossen. Damals schied Özdemir nach acht Jahren aus dem Bundestag aus. Der Multikultijungstar der Grünen, "anatolischer Schwabe" aus Bad Urach, Augenstern Joschka Fischers, Stammgast im Fernsehen, wollte nach einer dämlichen Privatkreditgeschichte und einer von der Bild-Zeitung angezettelten Bonusmeilen-Affäre eigentlich ganz aus der Politik aussteigen. Stattdessen bot sich ein Sitz im EU-Parlament.

Hier durfte er die von den Bundesgrünen heutzutage so betonte "Offenheit nach allen Seiten" ausreichend praktizieren. "Im Europäischen Parlament werden täglich neue Allianzen geschmiedet", sagte er zur taz, nachdem er nach einigem Zaudern und Gut-Zureden durch seine Parteifreunde sich Anfang Juni zur Kandidatur durchgerungen hatte.

Ob nun von vornherein und sowieso klar war, dass der populäre, verbindliche Redner Özdemir das Rennen um die Nachfolge Reinhard Bütikofers gemacht hätte, wird unklar bleiben. Die Rückmeldungen von den ersten Werbeauftritten vor der Sommerpause waren gemischt, fielen aber insgesamt eher zugunsten von Özdemir aus. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen, das auf dem Parteitag über ein Fünftel der Stimmen stellt, hatte eher Özdemir als Ratzmann gepunktet. In der Sommerpause war Ratzmann im Urlaub, Özdemir dagegen auf dem einen oder anderen Podium und Talkshow-Sessel zu sehen. Doch sollte das eigentliche Schaulaufen durch die Landesverbände erst nach diesem Wochenende beginnen.

Auch erklärte Gegner der Ratzmann-Kandidatur meinten, Ratzmann habe kein schlechtes Bild abgegeben. "Er hätte auf dem Parteitag sicherlich ein gutes Ergebnis erzielt", sagte etwa der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer, der Özdemir schon früh unterstützt hat.

Ratzmann selbst wollte nicht mehr ausführen, was der Partei verlorengehe, wenn er nun vorläufig Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus bleibe. Er sagte, dass die Grünen in den Wahlkampf 2009 mit mehr Schwung von der Basis zu radikaleren Positionen kommen und "den Reformwillen der Bevölkerung aufgreifen" müssten. "Die Kraft kommt aus den Ländern", betonte er.

Die Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, muss Ratzmanns Rückzug als kleine Niederlage hinnehmen. Künast, Ziehmutter Ratzmanns, hatte dessen Kandidatur im Juni in der Zeitung befürwortet, noch bevor der sie überhaupt erklärte. Sie pressemitteilte am Donnerstag launig: "Der Verzicht ist eine respektable Entscheidung aus persönlich höchst erfreulichen Gründen! Meinen herzlichsten Glückwunsch!! Jetzt gibt es nur noch einen Kandidaten und alle Reformer sind aufgerufen, Cem Oezdemir zu unterstützen."

Doch hätte Künast ihren Anwalts-Freund sehr gern auf dem Parteivorsitz gesehen. Schließlich hat der zweite Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, Jürgen Trittin, mit der gegenwärtigen und vermutlich bleibenden Co-Parteichefin Claudia Roth auch eine Verbündete im Bundesvorstand.

Die "Primaries", Kandidaten-Vorwahlen wie in den USA, sind nun bei den Grünen wieder vorbei, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben. Die Partei bekommt einen Kandidaten, der stets tief ins Realo-Lager eingebettet war, und nicht den ehemaligen Linken Ratzmann. Einige Wochen sah es aus, als wollten die Grünen ihre Flügelstruktur und ihre Kandidatenkürroutine gleich mit aufmischen. Nun bleibt vorläufig alles beim Alten. Doch wel- cher Grüne wollte nörgeln, wenn ein Mann seiner Freundin beim Karrieremachen den Vortritt lässt - wegen eines Kindes ?

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