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Rassismus in Brasilien Was Lula nicht sieht

Niklas Franzen

Kommentar von

Niklas Franzen

Der Protest schwarzer Frauen in Rio de Janeiro zeigt: Das Land tut viel zu wenig gegen den tiefsitzenden Rassismus in der Gesellschaft.

E inige hundert Schwarze Frauen zogen am Sonntag über die weltbekannte Promenade des Copacabana-Strandes. Mit dem Marsch in Rio de Janeiro wollten sie auf eine alte Wunde aufmerksam machen: den tiefsitzenden Rassismus.

Brasilien präsentiert sich gern als bunte Nation, als Land der Toleranz. Doch das Erbe der brutalen Sklavenzeit strukturiert weiterhin jeden Bereich der Gesellschaft. Schwarze haben eine geringere Lebenserwartung, schlechtere Bildungschancen, verdienen weniger. In den gut bewachten Vierteln der Mittel- und Oberschicht, auch asphalto genannt, leben fast nur Weiße.

Gerade die letzten Jahren waren für die schwarze und indigene Bevölkerung traumatisch. Denn unter der Ägide von Ex-Präsident Jair Bolsonaro erreichte die tödliche Polizeigewalt immer neue Höchstwerte, Neonazigruppen planten Anschläge und Bagger rollten durch Amazonien.

So war bei vielen die Hoffnung groß, als Luiz Inácio „Lula“ da Silva am 1. Januar 2023 zum Präsidenten vereidigt wurde. Und tatsächlich inszeniert sich der Sozialdemokrat als Staatschef aller Brasilianer*innen. Er legte ein ambitioniertes Regierungsprogramm vor, versprach den Regenwald zu retten und den Hunger auszurotten.

In der Lula-Regierung weht ein anderer Wind, es gibt tatsächlich auch einige schwarze Mi­nis­te­r*in­nen und ein neugeschaffenes Indigenen-Ministerium. Um jedoch effektiv den Rassismus zu bekämpfen, muss man an die Wurzeln der Probleme.

Hier liegt die Krux: Für mehr als ein bisschen Sozialkosmetik fehlt es Lula wahrscheinlich an Mehrheiten. Seine Koalition ist fragil, die Rechte stark. Außerdem hat die Linke bereits vor vielen Jahren einen großen Fehler gemacht – sie hat den Sicherheitsdiskurs den Rechten überlassen.

In Regierungsverantwortung setzt sie nun auf alte Rezepte, wichtige Forderungen wie eine Abschaffung der Militärpolizei oder eine Entkriminalisierung von Drogen wurden hingegen der Bündnisfähigkeit geopfert. Das mag den Frieden der Regierungskoalition bewahren, verhindert aber einen nachhaltigen Kampf gegen den Rassismus.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Niklas Franzen

Niklas Franzen Autor

Niklas Franzen ist Journalist und ehemaliger Brasilien-Korrespondent. Im Mai 2022 erschien sein Buch “Brasilien über alles - Bolsonaro und die rechte Revolte” bei Assoziation A.
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