Rapper Finch Asozial im Interview

„Erfolg ist die beste Rache“

Der einstige Battle-Rapper Finch Asozial über das Ironieverständnis seiner Fans, über sexistische Texte und Brandenburg.

Finch Asozial Foto: Karsten Thielker

Ein Schnellrestaurant am Tempelhofer Damm. Die frittierten Hähnchenteile, die hier serviert werden, sind ebenso halal wie die Burger gegenüber. An der nächsten Ecke ist Woolworth, ein paar Meter weiter eine Filiale des Second-Hand-Kaufhauses Humana. Finch Asozial hat verschlafen, er ist eine halbe Stunde zu spät, weil er erst heute Vormittag gelandet ist von einem Kurztrip nach Mallorca, wo er im Sauf-Tempel Megapark drei Songs gespielt hat. Der Ausflug war ein Test, ob der Chartsstürmer aus Brandenburg auch am Ballermann funktioniert. Finch bestellt ein halbes Hähnchen, Fritten, Hummus und Fladenbrot. Das Gespräch kann losgehen.

taz: Herr Asozial, zum Einstieg ein kleines Quiz zu Ihrer Heimatstadt. Wie heißt der Bürgermeister von Fürstenwalde?

Finch Asozial: Als ich weggezogen bin, hieß der Hengst. Jetzt, wo ich nicht mehr da wohne, weiß ich das nicht mehr. Aber ich habe gehört, es gab Wahlen und es ist ein Jüngerer geworden.

Genau. Auf Hans-Ulrich Hengst folgte 2018 Matthias Rudolph von der BFZ. Das steht für Bündnis Fürstenwalde Zukunft, das extra für diese Wahl gegründet wurde.

Siehste.

Wie viele Einwohner hat die Stadt?

Ich glaube 32.000 oder 33.000.

Sehr gut. Es sind genau 32.098.

Der Nils Nils Wehowsky wird am 13. April 1990 in Frankfurt (Oder) geboren und wächst in Fürstenwalde auf. Er absolviert eine Mechatroniker-Ausbildung, bekommt einen Job in Berlin und verlässt 2013 Fürstenwalde. Nach einem zusätzlichen Fachstudium Elektrotechnik konzentriert er sich 2018 auf seine Musikerkarriere.

Der Finch Ab Mitte der Zehnerjahre macht sich Finch Asozial als Battle-Rapper einen Namen. In den Demütigungs-Duellen mit anderen Rappern entwickelt Finch seine Persona als stolzer Ostler mit Vokuhila und Polyster-Jogginganzügen, der die Beschimpfungen des Gegners ins Positive kehrt: Wir sind arbeitslos und saufen, wir köpfen ein Bier am heimischen Fliesentisch, wir sind die Härteren. Im Video zu seiner ersten Single „Richtig saufen“ schlüpft Finch in die Rolle eines Wendeverlierers, fährt mit dem Trabi in die Dorfkneipe, sampelt Walter Ulbricht („Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“), reimt „dermaßen toll“ auf „sternhagelvoll“ und stellt fest: „Ostdeutschland – wir sind eine Trinkergesellschaft“. Finch, wundert sich Zeit Online, „erklärt die eigene Minderwertigkeit zum neuen Oberstyle“, aber die Bravo präsentiert „10 Facts“ über „den derzeit wohl umstrittensten Rapper Deutschlands“ („Fact #6: Finch hat ein großes Anliegen: Er möchte den Osten wieder nach vorne bringen“) und die B.Z. fragt sich, „was die Mutter von Finch Asozial von seinen derben Texten hält“ („Mutter kann differenzieren: Was ist Kunstfigur und was ist wirklich mein Sohn?“). Die Brachialironie hat Erfolg: Sein erstes Album, „Dorfdisko“, erscheint im März 2019 und steigt bis auf Platz 2 der deutschen Album-Charts. Einer der beiden Berliner Live-Termine (19. und 21. 10. im Astra) ist bereits ausverkauft. (tw)

Es waren mal über 34.000. Wird immer weniger.

Städtepartnerschaft?

Irgendwas mit Reichen. Rein… Reinen…

Reinheim.

Siehste. In NRW.

Ihre Heimat Brandenburg spielt in Ihren Songs immer wieder eine Rolle. Was macht den Brandenburger aus?

Erst mal berlinert er viel stärker als der Berliner selber. Daran erkennt man ihn sofort. Außerdem hat er ein großes Herz, ist loyal, und er ist sehr freundlich.

Ach, das sehen aber nicht viele so.

Bin ich nicht freundlich? Ich bin doch megafreundlich. (imitiert einen bedrohlichen Tonfall) Oder wollen Sie was anderes sagen?

Der Boulevardzeitung B.Z. haben Sie mal gesagt: „Bei mir und meinen Kumpels ging es immer um Fußball, Trinken und nun ja … Brandenburger Leben halt.“ Ist Brandenburg wirklich so?

Ja, ich finde schon, dass die Geselligkeit in Brandenburg eine große Rolle spielt. Die Leute sitzen nicht so gern allein zu Hause und saufen. Und wenn man in der Gruppe unterwegs ist, wird es generell schwierig, nicht mitzutrinken. Was soll man sonst auch machen? Als ich klein war, gab es noch einen Jugendclub. Auf den Dörfern gibt es das alles nicht mehr, erst recht nicht ein Angebot wie in der Stadt – aber immerhin noch einen Fußballverein. Also schrauben sich die jungen Leute jeden Tag nach dem Fußballtraining einen rein. Oder ziehen gleich weg.

Wer hat mehr für das Image Brandenburg getan: Sie oder Rainald Grebe?

Ich weiß leider nicht, wer Rainald Grebe ist. So geschichtsbewandert bin ich nicht, ich hab in der Schule zu wenig aufgepasst.

Der ist keine historische Figur, sondern ein Sänger, und „Brandenburg“ ist eines seiner bekanntesten Lieder: „In Brandenburg ist mal wieder jemand gegen einen Baum gegurkt.“

Ach der. Finde ich jetzt nicht so lustig. Ist der Brandenburger?

Nein, ursprünglich nicht, aber er hat ein Haus in der Uckermark.

Dann sollte er erst recht nicht lästern. Ich mag nicht, dass sich so viele über Brandenburg lustig machen und nur das Hässliche darstellen.

Machen Sie sich nicht auch lustig über Brandenburg?

Nein. Wenn, dann mache ich mich über den Osten lustig. Ich spiele mit gewissen Klischees, die dem Osten immer auferlegt werden. Aber Brandenburg wird von mir immer hochgejubelt. Ich bin nicht wie andere, die nach Berlin kommen und dann nichts mehr von ihrer Herkunft wissen wollen. Ich sage oft und gern, ich bin Fürstenwalder – in Berlin wohne ich nur.

Warum sind Sie dann nach Berlin gekommen?

Damals, als ich herkam, war der Job der Grund. Ich konnte nicht jeden Tag von Fürstenwalde hierher pendeln. Aber ich gebe zu, ich genieße mittlerweile den Luxus, den Berlin bietet. Dass man mitten in der Nacht was Warmes zu essen kriegt, dass man sich in eine Bar setzen kann, wann immer man Lust hat. Du hast hier alle Möglichkeiten: Wenn du deine Ruhe haben willst, fährst du raus nach Köpenick. Willst du Trubel, fährste zur Warschauer Straße.

Was ist Heimat für Sie? Was ist zu Hause?

Zu Hause ist da, wo man wohnt, also in meinem Fall Berlin. Und Heimat ist da, wo man aufgewachsen ist, also Fürstenwalde, Brandenburg.

Verfolgen Sie die Diskussionen um den Heimatbegriff?

Ich habe überhaupt keine Lust, mich damit zu befassen. Denn egal, was man sagt: Man sagt eh immer nur was Falsches. Ich sehe das so: Ich gucke mir den einzelnen Menschen an, und wenn der nett ist und mit mir cool ist, dann bin ich mit dem cool – egal wo der herkommt, welche sexuelle Ausrichtung er hat oder wie er sonst gestrickt ist. Aber was politisch gerade richtig oder falsch läuft, das interessiert mich nicht. Ich guck auf mein Ding, jeder ist seines Glückes Schmied. Man hat viele Möglichkeiten, man muss sie nur nutzen. Und das mache ich gerade.

Klingt ziemlich neoliberal.

Kann sein.

Sehen Sie sich als Botschafter Brandenburgs?

Ich sehe mich als Brandenburger. Und ich habe das auch noch nie verleugnet. Tatsache ist doch, dass es außer mir in der Musikwelt niemanden gibt, der sagt: Yo, Brandenburg, das ist was Cooles. Aber bin ich Botschafter? Nee, dazu ist mein politisches Wissen zu gering. Ich sehe mich eher als Sprachrohr.

Was tun Sie, wenn die Verantwortlichen des Brandenburg-Marketings Humor entwickeln sollten und Sie als Testimonial verpflichten wollen?

Was ist ein Testimonial?

Eine Werbefigur.

Schreiben die mir vor, was ich zu tun habe? Dann mache ich es nämlich nicht. Aber wenn die mit mir werben wollen, so wie ich bin, dann: ja, klar. Wenn ich ein, zwei Leute davon überzeugen kann, dass es doch ganz schön ist in Brandenburg, dann ist das doch prima. Weil wir haben eine schöne Gegend. Aber ich behaupte mal: In zehn Jahren spätestens sind die Leute, die jetzt abgehauen sind aus dem Oder-Spree-Kreis oder aus MOL (Landkreis Märkisch-Oderland, d. Red.), alle wieder zurückgekommen. Wenn ich mir mal ein Haus leisten kann, würde ich auch wieder in die Richtung ziehen, wo ich herkomme.

Wenn Sie sich schon als Sprachrohr fühlen, empfinden Sie da auch eine Verantwortung?

Jeder, der in der Öffentlichkeit unterwegs ist und viele Leute erreichen kann, hat eine Verantwortung. Und mit einer großen Reichweite hat man auch eine große Verantwortung.

Wie nehmen Sie diese Verantwortung wahr?

Ich überlege mir schon, was ich in Interviews sage. Wenn ich persönlich rauche, muss ich ja nicht noch Werbung dafür machen. Und auch wenn meine Texte vielleicht mitunter etwas gröber sind, sage ich ausdrücklich: Hey Leute, dit is Musik, ihr sollt jetzt nicht gleich rausgehen und euch besaufen oder prügeln oder so eine Scheiße. Zugegeben, wenn man sich nur meine Musik anhört als Außenstehender, könnte man leicht denken: Oh, mein Gott.

Was genau könnte man denken, wenn man nur Ihre Songs hört?

Dann könnte man denken, dieser Finch Asozial hat absolut nichts auf der Platte. Der will nur provozieren. Der ist ein frauenfeindlicher, homophober Rassist, der Wessis hasst – also alles, was man jemandem vorwerfen kann.

Aber diese Vorwürfe stimmen nicht?

Es gibt Nils. Und es gibt die Kunstfigur Finch, die ja nicht umsonst Asozial heißt mit Nachnamen.

Was ist asozial an Ihnen?

Ich sage ja nicht, dass mein Benehmen als Nils im Alltag asozial ist. Meine Texte als Finch sind asozial. Und das sind sie doch – oder etwa nicht? Aber dazu muss man auch wissen, dass ich vom Battle-Rap komme. Und da geht es darum, auf der Bühne Sachen zu sagen, die man auf der Straße nicht sagen könnte. In so einem Rap-Battle muss dann aber auch jede zweite Zeile treffen – und das schwappt halt gelegentlich noch rüber.

Was unterscheidet Nils von der Kunstfigur Finch?

Es gibt natürlich einige Parallelen, die Kunstfigur hat ja echte Wurzeln. Das Ostdeutsche, das Saufen, das ist ja alles nicht aus der Luft gegriffen. Einiges von Finch steckt auch in Nils, das ist ja nicht ausgesponnen. Aber es gibt auch einige Punkte, in denen sich die beiden unterscheiden. Dieses dauerhaft Aggressive von Finch zum Beispiel, das ist nicht Nils. Mit mir kann man ganz normal reden.

Ganz konkret: Besitzen Sie wirklich einen Fliesentisch?

Ja, ich besitze einen Fliesentisch.

Wann haben Sie Ihren letzten Pfeffi getrunken?

Vor drei, vier Tagen. Um das abzukürzen: Ich besitze auch tatsächlich eine Schwalbe (in der DDR weit verbreiteter Motorroller, d. Red.), aber die ist nicht zugelassen und steht zu Hause bei meiner Mutter in der Garage, weil sie mir hier in Berlin bloß geklaut werden würde. Aus demselben Grund habe ich auch momentan leider keinen Trabi, aber irgendwann werde ich mir sicher noch einen holen.

Sie haben mal gesagt: „Ich kann zwischen der Realität und der Kunstfigur schon gut unterscheiden.“ Wie viele Ihrer Fans können das auch?

Sehr viele. Ich sehe meine Fans ja auf den Konzerten – und die benehmen sich jetzt nicht, nur weil sie meine Songs hören, wie die letzten Neandertaler. Die allermeisten können ganz gut erkennen, was Ironie ist, was überspitzt ist – und was Wahrheit ist. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber es ist ja auch nicht meine Aufgabe, deren Erziehung zu übernehmen. Da müssen die Eltern ja auch einen Teil zu beitragen, die sind schließlich die Erziehungsberechtigten.

Finden Sie, dass Eltern sich aus ihrer Verantwortung stehlen?

Das würde ich nicht sagen. Aber auf jeden Fall wird auf Leute wie mich gern mal Verantwortung abgewälzt. Wenn wieder ein Anschlag an einer Schule ist, wird erst einmal das Zimmer von demjenigen untersucht, und wenn dann da eine Bushido-CD steht, ist Bushido schuld. Und wenn da Counterstrike steht, dann ist Counterstrike schuld. Aber sich mal mit dem Einzelfall zu befassen, ob der Vater Säufer ist, ob die Mutter ihn geschlagen hat, das findet nicht statt. Es wird immer nach der leichten Erklärung gesucht. Und das ist oft halt der Rapper, dessen Texte angeblich zur Gewalt aufrufen.

Werden Sie oft mit solchen Vorwürfen konfrontiert?

Selten. Aber das mag daran liegen, dass ich momentan noch eher unter dem Radar fliege. Ich bin ja kein Sido oder Bushido, bei denen gleich die Debatten aufgemacht werden.

Sie haben allerdings auch schon gesagt, dass Sie einzelne Ihrer frühen Songs wie „Sex & Gewalt“ und „Richtig saufen“ heute so nicht mehr machen würden …

Ja, die würde ich heute nicht genau so noch einmal schreiben. Man kann bestimmte Sachen heute eben einfach nicht mehr sagen. Heute ändere ich lieber einen Satz, weil ich mir dann zwanzig Stunden Diskussionen erspare. Ich habe „Sex & Gewalt“ und „Richtig saufen“ ja nicht gemacht, weil ich schockieren wollte, sondern weil ich das in dem Moment lustig fand. Für den Satz „Ein echter Mann kommt aus der Kneipe und er schlägt seine Frau“ aus „Richtig saufen“, musste ich mich schon so oft rechtfertigen, da sage ich heute lieber: Ich muss solche Sätze nicht mehr schreiben, ich kann auch mit anderen Texten erfolgreich sein.

Aber waren es nicht genau solche Provokationen, mit denen Sie bekannt wurden?

Ich glaube nicht, dass ich bekannt wurde, weil ich der bin, der aus der Kneipe kommt und seine Frau schlägt. Sondern weil das, was ich mache, überspitzt ist, weil es witzig ist, weil es Humor hat. Ich bin bekannt geworden, weil ich der bin, der nicht vor einem Porsche, sondern vor einem Trabi steht. Ich muss nicht immer provozieren und schocken, das ist nicht mein Ziel.

Was ist dann Ihr Ziel?

Erfolg. Denn Erfolg ist die beste Rache. Ich habe mich früher sehr gern aufgeregt über andere Künstler, ich habe gesagt, deren Musik sei billig und scheiße. Aber dann habe ich mich gefragt: Wie kann das sein, dass die trotzdem so viel erreichen? Heute finde ich diese Musik vielleicht immer noch scheiße, aber es interessiert mich nicht mehr, ich rege mich nicht mehr darüber auf. Denn irgendwann habe ich gemerkt: Ich kann noch mehr Erfolg haben als die. Der Kuchen ist groß genug für alle.

Ich hätte ja gedacht, die Kunstfigur Finch Asozial hat auch eine politische Botschaft.

Inwiefern?

Finch Asozial als Rache der Modernisierungsverlierer.

Das ist mir zu kompliziert.

Finch Asozial als Stimme jener, die sich abgehängt fühlen – vor allem im Osten.

Ja, da könnte was dran sein. Ich glaube schon, dass Finch Asozial gehört wird von Leuten, die sich veräppelt und immer über einen Kamm geschert fühlen. Mich hört das einfache Volk, der kleine Mann. Wenn ich nur über Mercedes, Goldketten und lila Scheine rappen würde, da würde sich der Tom, Malerlehrling, 21 Jahre alt und eben so die Schule geschafft, wohl nicht angesprochen fühlen, weil er ganz genau weiß, dass er das nie erreichen wird. So einer wie Tom findet Finch Asozial gut, weil der sagt, dass der Trabi, den er fährt, geil ist, und auch die alte Jogginghose, die er trägt, und dass seine Haare zwar fettig sind, aber dafür sein Vokuhila cool ist. Solchen Leuten wie Tom, denen gebe ich ein bisschen Selbstbewusstsein und ein bisschen Mut fürs Leben.

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