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Rambo hat Redebedarf

Unser Autor fragt sich, warum Jugendliche Leute wie Andrew Tate anhimmeln. Aber jetzt mal ehrlich: Wäre er als planloser Teenager nicht vielleicht selbst in die Manosphere abgetaucht?

Von Philipp Brandstädter

Betont bocklos schieben die Jungs aus der achten Klasse eines Berliner Gymnasiums einen Stuhlkreis zusammen. Manche sitzen breitbeinig und mit verschränkten Armen da und dösen, andere kippeln sehenswert um die Wette. Die Schüler brainstormen zur Frage, was der Begriff Männlichkeit für sie bedeutet. Workshopleiter Ziad Assem steht an der Tafel und notiert Klischees: tiefe Stimme, zwei Meter, stabiler Bart. Der 23-Jährige muss schmunzeln, die Schüler beschreiben ihn selbst.

Ziad Assem ist Lehramtsstudent und arbeitet nebenbei für die Jugendhilfeorganisation Beteiligungsfüchse, ein Programm, das vom Jugenddemokratiefonds „Stark gemacht“ unterstützt wird. Auch heute wird Assem wieder den ganzen Tag mit männlichen Jugendlichen über Geschlechterrollen diskutieren. Und ich höre zu. Weil ich wissen will, was die Jungs so denken. Denn als sei die Zeit des Erwachsenwerdens nicht schon verwirrend genug, kommt heute auch noch der Irrsinn der digitalen Welt dazu.

In den sozialen Netzwerken prasselt die Manosphere auf Jungen ein: eine auf Dominanz basierende Internetblase aus Männerrechtlern, Chauvis, Pick-up-Artists, Incels und Nazis, die aus den Fahrersitzen dicker Autos erklären, wie man ihrer Ansicht nach mit Frauen, Geflüchteten oder Vegetariern umgehen soll. Straftäter wie Andrew Tate sind darunter, aber auch Pseudointellektuelle wie Jordan Peterson und Looksmaxxer wie Clavicular, der mit seinen Beauty-Tipps für den perfekten Übermann unzählige Klicks generiert.

Ohne dass sie danach gefragt hätten, bekommen die Jugendlichen ein altbewährtes Narrativ serviert: Männer würden gerade besonders leiden, weil ihre männliche Identität in Frage gestellt wird. Die Lösung für das Dilemma: die Rückkehr zu den guten alten Zeiten mit klar definierten Geschlechterrollen.

In Zimmer 205 wirft Ziad Assem einen Zusammenschnitt von Influencern auf die Leinwand. Kennt ihr diese Leute? Klar, heißt es, die sozialen Medien sind voll davon, Tiktok, Insta, Snapchat Spotlights. „Das bockt nicht“, sagt einer über die Botschaften der Manosphere, und noch einer nickt, aber noch ein paar mehr sagen lieber nichts und starren stattdessen auf ihre Schuhe. Ziad Assem hakt nach: Warum gehen solche Videos viral? Warum glauben so viele Leute daran? „Vielleicht, weil es einfacher ist, Stärke statt Gefühle zu zeigen“, meint einer.

Betretenes Schweigen macht sich breit. Hier geht es offenbar um etwas, das nicht so leicht zu fassen ist. Denn dass die Botschaften aus der Manosphere Quatsch sind, scheint auch den meisten Schülern dieser achten Klasse klar zu sein. Trotzdem geistern sie in diesem Raum herum, in den Kommentaren der Schüler, ihren Werturteilen, und seien sie nur als Scherz gemeint.

Ich frage mich, wer in der Pubertät eigentlich meine Vorbilder waren: Wäre auch ich den Manfluencern auf den Leim gegangen? Oder bin ich es sogar, nur in anderer Form?

Als Kind der achtziger Jahre habe ich meine Jugend zwar nicht mit dem Smartphone, aber dafür mit vielen Videokassetten verbracht. Ständig schaute ich die neuesten Actionfilme, die mein Cousin als Raubkopien aus der Schule mitbrachte. „Stirb langsam“, „Rambo“, „Karate Tiger“, diese ganzen Mehrteiler, in denen ein Muskelpaket mit übermännlichen Kräften den Helden spielt, entweder um eine Frau zu retten oder gleich die ganze Welt.

Haben die wortkargen Filmhelden meine Vorstellung von Männlichkeit so geprägt wie heute die Influencer ihre Follower? Ist John Rambo vielleicht der Vorgänger von Andrew Tate?

Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, wo die echten Männer waren, während ich vor der Glotze hing. Wahrscheinlich auf Arbeit, im Bastelkeller oder so. Ich glaube auch nicht, dass es in jener Zeit mal ein ernstes Männergespräch gab, wie ich es aus Filmen kannte. Papa klopft an die Tür, wirft dem Sohn einen Ball zu und sagt: Junge, wir müssen reden, von Mann zu Mann, du weißt schon.

Mein Vater, mein Opa, meine Onkel, sie alle standen lieber am Grill und erzählten vom Ruderverein, von der Armee, der Uni. Meistens lief es auf eine Trinkeskapade hinaus, deren Pointe im verschwörerischen Gelächter unterging. Gespräche über Sorgen und Wünsche, über Liebe und Verletzlichkeit: Fehlanzeige.

Vergangenen Sommer habe ich das Männergespräch nachgeholt. Ich besuchte meine Eltern, weil mein Vater und ich ein Ritual pflegen: Am 4. Juli schauen wir zusammen „Independence Day“. Ich weiß noch, wie begeistert wir damals aus dem Kino schlenderten und uns später das Video kauften. 30 Jahre später gucken wir den trashigen Actionfilm immer noch, aus Nostalgiegründen. Als Will Smith gerade in seinen Kampfjet steigt, frage ich meinen Vater nach Männerfiguren aus seiner Jugend. Auch ihm fallen zuerst nur Filmhelden ein. „Aber hast du dich an denen orientiert?“ – „Nee, das waren eher die Ruhigen, die Sensiblen, die Nachdenklichen. Romanfiguren wie Holden Caulfield, der Fänger im Roggen vielleicht.“

Ich blättere in alten Fotoalben und schaue in die Gesichter vermeintlich sorgenfreier junger Eltern. Mein Vater ist mal als Koch, mal als Klempner zu sehen, mal sitzt er vor einer alten Schreibmaschine, mal ich auf seinem Schoß. Auch er war Held, Hüter und Ernährer der Familie, sagen die Schwarzweißfotos, nur halt nicht als kantiger, muskelbepackter Hüne. Eher als Hünchen.

Als meine Eltern ihr erstes Kind bekamen, studierten sie noch in Leipzig. In der damaligen DDR erhielt man eher eine eigene Wohnung, wenn man heiratete und eine Familie gründete. Doch kaum waren meine Schwester und ich aus dem Kleinkindalter herausgewachsen, brach das System zusammen und wir zogen ein paar Kilometer über die alte Grenze nach Unterfranken. Ich kann mir nur grob ausmalen, welchen Druck mein Vater gespürt haben muss, in diesen Umbruchs­zeiten eine Familie zu versorgen.

„Was für ein Vater wolltest du denn sein?“, frage ich, während wir weiter durch die Alben blättern. Mein Vater, der längst Opa geworden ist, überlegt. „Für eine klare Rolle hätte ich selbst in mir ruhen, mit mir selbst fertig sein müssen. War ich aber nicht.“ Stattdessen sei er einfach nur gerannt und habe gekämpft, für sich selbst, und natürlich auch für uns.

Mein Vater hat mir beigebracht, wie man Comics malt und eine Forelle entgrätet. Er hat mir Nachhilfe in Geschichte gegeben und erklärt, wie man Auto fährt. Härte, aggressives Verhalten oder Gewalt waren hingegen nie ein Thema. Und trotzdem übte ich Kung-Fu im Kinderzimmer und mopste ein Luftgewehr, mit dem ich zu Zitaten aus „Terminator“ auf Lego-Figuren schoss. Denn die verrohte Männlichkeit war gefragt. Nicht in der Familie, aber in der Schule.

In den Pausen auf dem Hof, nach dem Sportunterricht in der Umkleide: Gerangelt wurde eigentlich immer. Zwar hatte ich auf diese Raufereien nie wirklich Bock, aber als Außenseiter, zu dem ich als Ossi im Grenzland geworden war, musste ich täglich mit dem Schlimmsten rechnen.

Ich blättere weiter, die Fotos nehmen Farbe an. Sie zeigen mich, meine große Schwester und ihre Freunde – die einzigen Kids, vor denen ich damals keinen Schiss hatte. In der Clique meiner Schwester fühlte ich mich sicher. Hier lernte ich, wie stark eine Gruppe sein kann. Hier eiferte ich dem coolen, selbstbewussten, männlichen Verhalten der Jungs nach, die so erwachsen auf mich wirkten. Statt Glitzeraufkleber sammelte ich nun Fußballkarten und tauschte die Bravo Hits gegen Punkrock ein. Und ich machte die Jungssachen, die alle machten: mehr kokeln, mehr klauen, mehr schwänzen, auch in der Hoffnung, damit bei den Mädchen aufzufallen.

Das passierte aber irgendwie nicht. In der Achten brach mein Herz, weil sich meine heimliche Liebe für einen Jungen entschied, der für seine Schulhofschlägereien und lauten Fürze bekannt war. Ob sie damals überhaupt mitbekommen hat, dass ich etwas für sie empfand?

Wir sitzen im ausgebauten Haus ihrer Schwiegereltern am Küchentisch. Wie die meisten Leute aus meiner Schulzeit ist Marie nicht fortgezogen. Nach dem Abi gründete sie bald eine Familie. Unsere alte Schule ist quasi in Sichtweite, doch unsere Erinnerungen könnten nicht weiter voneinander entfernt sein. Denn während ich mich noch lebhaft an unsere gemeinsamen Filmabende auf ihrem Bett erinnere, erinnert sich Marie an nichts. „Mir haben damals die verwegenen Typen imponiert, die Älteren, die Außenseiter“, sagt sie. Und mir ja auch.

Respekt galt denen, die besoffen Verkehrsschilder klauten oder Seitenspiegel abkickten. Ich erinnere mich an zerlegte Wohnzimmer und an Moshpits in Partykellern, an fliehende Menschen vor einer Traube grölender Idioten an irgendeinem Bahnhof, und ich mittendrin. Kann sein, dass ich erst an der Uni begonnen habe selbstständig zu denken. Dort gab es plötzlich andere Blickwinkel und Positionen, über die ich nachdenken konnte. In den Seminarräumen saßen junge Frauen, die reflektiert und konfrontativ waren, die Ideale hatten und mir Fragen stellten. Die mir Bücher empfahlen, wenn ich keine Antworten hatte.

Zurück im Klassenzimmer 205. Dass die Beteiligungsfüchse in die Schule eingeladen wurden, hat Gründe. Es habe Vorfälle gegeben, erzählt ein Lehrer bei der Begrüßung. Sachbeschädigung, homophobe Äußerungen, Sexismus. Ein paar Jungs sollten rechtzeitig etwas Wichtiges lernen. Nur: Die betreffenden Schüler haben sich allesamt krankgemeldet.

Die anwesenden Mitschüler verstehen das Problem nicht. Ja, da ging kurioserweise irgendwie mal ein Besen zu Bruch. Aber der war ohnehin hinüber, und sie hätten ihn sofort ersetzt, gleich am nächsten Tag. Das sei nix im Vergleich zum Zustand der Toiletten mit den Hertha-Stickern in den Pissoirs, wo nach und nach die Fliesen abgeklopft werden oder auch schon mal eine ganze Kabinentür verschwindet.

Diese kleine, gar nicht so selbst­verständliche Selbst­ver­ständ­lich­keit, die mir offenbar damals fehlte, sie rührt mich, weil ich spüre, dass ich sie damals gut hätte gebrauchen können

Und was ist mit den Mädchen in eurer Klasse? Ach, die Mädchen … Die Jungen fangen an zu lästern. Mal kichernd, mal augenrollend werden die jüngsten Episoden aus dem Unterricht und vom Pausenhof zum Besten gegeben. In der Grundschule habe noch die ganze Klasse miteinander gespielt. Doch das sei längst vorbei. „Wir chillen nicht mit denen. Und wenn man mal die Gelegenheit hat, mit so einem Exemplar sprechen zu dürfen, merkt man sofort: keine Gemeinsamkeiten.“ Im Kreise der Jungen könne man sich über Videospiele und Comics unterhalten, auf die letzten Fortsetzungen von „Star Wars“ schimpfen, goofy sein. „Die Mädchen machen da nicht mit, die finden uns bescheuert. Die sind wie eine andere Spezies geworden.“

Kaffeepause, Sauerstoff tanken. Ich spreche mit Ziad Assem darüber, wie er sich in dem Alter verhalten hat, insbesondere den Mädchen gegenüber. Was ihm die Jungs erzählt haben, komme ihm bekannt vor. „Ab der Oberstufe wollte ich nur noch Mädchen beeindrucken“, sagt er. „Ich habe geflirtet und Witze gemacht. Mein Notendurchschnitt rauschte in den Keller.“ Dabei seien er und seine Jungs total schüchtern gewesen. „Wir hatten einfach nur eine große Klappe. Wenn du cool sein wolltest, musstest du pöbeln.“

Kontakt zu Mädchen gab es hingegen kaum, Ziad Assem und seine Kumpels fragten sich, wieso. „Irgendwann hat dann jemand ein Buch darüber mitgebracht, wie man Frauen klärt: mit Selbstbewusstsein, Muskeln und einem teuren Auto. Wir stuften uns selbst auf einer Skala von 1 bis 10 ein, welche Chancen wir mit unserem Aussehen hätten.“

Am Ende habe er dann doch noch die Kurve gekriegt. „Eine Freundin hat mich gerettet. Sie hat mit mir über Feminismus gesprochen. Anfangs habe ich meine eigenen Diskriminierungserfahrungen gegen ihre aufgewogen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, was sie überhaupt meint, und in welchen Rollenbildern ich gefangen war.“ Heute kann er sich aussuchen, was für ein Mann er sein möchte, sagt Ziad Assem. Er muss in keine Schublade passen, kann die Klamotten tragen und die Musik mögen, die er will. Er kann verletzlich sein und seine Gefühle ausdrücken. „Das ist unheimlich erleichternd, es nimmt so viel Druck raus. Genau das will ich den Kids weitergeben.“

Wir kehren ins Klassenzimmer zurück. Ziad Assem reicht eine PET-Flasche mit Cola herum. Noch lässt sich der Kunststoff eindrücken, aber nicht mehr lange. Denn wer in dieser Woche richtig sauer war, soll die Flasche schütteln. Das Videospiel hat sich mitten im Bossfight einfach aufgehängt. Schütteln. Ich habe aus Versehen meinen Lego-Millennium-Falken vom Regal gestoßen. Schütteln. In der Flasche baut sich Druck auf.

„Wie geht ihr mit eurer Wut um?“, fragt Ziad Assem in die Runde. „Vor allen Leuten ausrasten ist vielleicht nicht so clever“, sagt der mit der Cola in der Hand. Jetzt die Flasche öffnen würde eine Riesensauerei geben. Also zurückziehen, allein sein, abreagieren. „Ich schlage in ein Kopfkissen, das tut gut.“ – „Ich lenke mich ab, spiele Gitarre.“ „Ich empfehle Chicken-Burger. Wenn du da rein beißt, Bro, ich sag dir, alle deine Sorgen sind safe vergessen.“

„Mit Freunden reden, das hilft besonders“, sagt schließlich einer, und das macht etwas mit mir. Diese kleine, gar nicht so selbstverständliche Selbstverständlichkeit, die mir offenbar damals fehlte, sie rührt mich, weil ich spüre, dass ich diese Ehrlichkeit, dieses Vertrauen unter Freunden auch damals gut hätte gebrauchen können.

Und dann reden sie. Ein Junge spricht über seinen Ärger, seit der Grundschule gehänselt zu werden. Also müsse man sich eben anpassen, selbst hänseln, anstatt gehänselt zu werden, einfach mitmachen, denn die Gruppe sei zu stark für einen Außenseiter. Und dann sagt einer: Die Gruppe, das sind doch wir. Lauter Freunde, denen man sich anvertrauen könne. Die Gruppe kann sich doch entscheiden: keine Spitznamen, kein Lästern, kein Mobbing.

„Die Gruppe kann Verantwortung übernehmen“, sagt Ziad Assem. „Ihr könnt euch sagen, wenn euch etwas verletzt hat. Ihr könnt ehrlich zueinander sein.“ Dann schrei­ben die Jungs ein paar Regeln auf ein Papier, wie sie künftig miteinander umgehen wollen. Jeder unterschreibt, der Vertrag gilt. Einfach miteinander reden, das hilft.

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