■ Querspalte: Cool water boy
Die meisten denken ja, dünn sein ist toll. Und es ist auch nicht schlecht. Das Beste ist eigentlich, daß man selten in die Verlegenheit kommt, sich in zu enge Sachen reinklemmen zu müssen. Aber man friert leicht.
Viele junge dünne Männer, die ihre zarte Figur noch durch körperbetonte Kleidung betonen, machen optisch was her, und wenn auch Gesicht und Frisur hübsch sind, dreht man sich nach ihnen um und guckt noch mal genau hin. Aber was soll man mit denen reden? Sie rauchen Filterzigaretten, laufen monatelang durch die Läden auf der Suche nach der richtigen Wrangler, die, wie mir ein Freund sagte, dünnen Menschen besonders gut stehen, und nippen gerne Sekt. Das ist schön. Gut aussehen wollen wir alle. Manche lassen sich sogar die Zähne richten. Dann stehen sie nächtelang in Clubs und gucken, wie die anderen aussehen.
Dabei ist es, jedenfalls im Heterobereich, doch eben so, daß Männer mit einem gewissen Pub-belly und begrenztem Narzißmus attraktiver sind und mehr Sex- Appeal haben. Sie riechen auch seltener nach den gräßlichen Männerparfüms. Neulich im Kino kam die Werbung mit dem „Cool water boy“, diesem bedauernswerten Geschöpf, das für so ein Stinkewasser von einer aberwitzig-gefährlichen Klippe runterspringen und kraftvoll delphinierend das Meer durchpflügen muß. Er stellt ein anderes Männermodell dar. Er ist nicht der smarte, androgyne Jüngling, sondern der enthaarte Neandertaler mit dem sogenannten Waschbrettbauch.
Angesichts dessen seufzte mein gescheiter und gutaussehender Begleiter mit einem echten Anflug von Verzweiflung, daß ihm solche Überkerle Minderwertigkeitsgefühle einhauchen würden. Dabei kenne ich keine Frau, die vom „Cool water boy“ träumt, wohl aber von dem Mann neben mir im Kino.
So schaut's aus, und das weiß auch jeder, und trotzdem verkörpert die Werbung irgendwie das begehrenswerte andere. Katrin Schings
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen