Querdenken?: Kritik der kritischen Unvernunft

Was ist das eigentlich: Das Querdenken. Eines scheint vorab sicher zu sein: Mit Aufklärung hat das wenig zu tun.

Plakat mit der Aufschrift "Wer liebt, impft"

Protest gegen Coronaleugner in Berlin-Mitte am vergangegen Donnerstag Foto: dpa

„Querdenker“ war immer schon ein seltsamer, unsympathischer Begriff, auch als er noch eine scheinbar unschuldige Vokabel war. Einerseits wurden damit Menschen charakterisiert, die irgendwelche „originellen“ Ideen vertraten, Meinungen also, die so abwegig waren, dass man auf sie erst einmal kommen musste.

Andererseits wurden damit aber einfach Menschen tituliert, die überhaupt dachten und nicht bloß das gängige, angesagte Meinungsstückwerk nachplapperten, weshalb sich stets die Frage aufdrängte, was daran jetzt quer sein soll. Das Gegenteil von nicht denken ist ja nicht querdenken, sondern denken. Jeder, der auch nur einen ­Gedanken äußerte, der einigermaßen durchdacht zu sein schien, wurde in dieser versunkenen Zeit schon als Querdenker geadelt und zugleich ins Lächerliche gezogen. Dass „Querdenker“ jetzt also für vertrottelte Wirrköpfe reserviert ist, ist nicht das schlechteste Resultat des Jahrs 2020.

In der Welt der Wirrköpfe wähnt man sich „kritisch“, weil man nicht mehr an die Wissenschaft, nicht mehr an den Rationalismus glaubt, weil man keinen Nachrichten mehr vertraut und sowieso keinen „Mainstreampolitikern“, dafür aber fix irgendwelchen Websites, die man auf Telegram von Schlagersängern oder veganen Köchen zugeschickt bekommen hat.

Der Begriff „kritisch“ ist also selbst in einer kritischen Lage. Es ist noch nicht ewig her, da wurden „kritisches Denken“ und „Wissenschaft“ als zwei Seiten einer Medaille empfunden.

Aufklärung und Emanzipation

Der herrschenden Ordnung, die sich als gottgegeben wähnte, sich durch Tradition und Religion begründete, wurde die Macht der aufklärerischen Kritik entgegengeschleudert. Die Unterdrückten wähnten die Wissenschaft auf ihrer Seite, die Arbeiterbewegung verkündete: „Wissen ist Macht.“ In der Aufklärung waren Emanzipation, Wissenschaft, Rationalismus und Kritik irgendwie eines, getreu dem Diktum: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Aber es gab immer auch einen wissenschafts- und vernunftfeindlichen Nebenstrang, man denke nur an die deutsche Romantik, aber später auch an mehr linke Einwände, etwa dass die wissenschaftliche Vernunft den Menschen zum eindimensionalen Charakter verkrüpple oder dass im kapitalistischen Rationalismus mit seiner Verdinglichung die Wissenschaft und Technik selbst zur Ideologie werde. So mancher Weg der Post-68er-Wissenschaftskritik führte direkt zu Homöopathie und Esoterik. Sorry to say.

Der medizinische Fortschritt hat uns also mehrere Impfstoffe gegen Covid-19 beschert, und es ist ein Triumph der Wissenschaft. 2020 hat uns zwar gelehrt, dass stets eine Katastrophe lauern kann – aber wenn alles einigermaßen gut läuft, können wir vielleicht in einem halben Jahr unser normales Leben zurückhaben. Es ist grandios, gepriesen seien die genialen Forscher und Spezialisten!

Millionen Hobbyexperten

Apropos Spezialisten: Viele von uns haben sich im vergangenen Jahr zu Hobbyexperten in Virologie und Epidemiologie entwickelt, wir haben uns beträchtliches statistisches Spezialwissen angelesen und auch ein Gefühl für exponentielle Kurven entwickelt. Auch darüber gibt es Hohn, dass jetzt Millionen Deutsche nicht nur die besseren Fußballnationaltrainer seien, sondern auf Epidemiologie und Immunologie umsattelten.

Zu bedenken ist aber, dass dieser zynische Spott selbst eine fragwürdige Sache ist. Medizinische und gesundheitspolitische Fragen sind – gerade in unseren Tagen – Schlüsselthematiken einer Gesellschaft. Die Demokratie zeichnet sich aber dadurch aus, dass alle Bürger und Bürgerinnen mitreden sollen. Sie sollen zumindest beurteilen können, ob die von ihnen gewählten Politiker und Politikerinnen gute oder schlechte Arbeit leisten, ob ein Lockdown begründet ist oder eher nicht. Das schließt aber ein, dass sich interessierte Laien so weit informieren, dass sie die Dinge wenigstens vage beurteilen können. In der Demokratie müssen interessierte Laien bei hochkomplexen Thematiken mitreden können, sonst landen wir in einer Expertokratie.

Alles Grenzgänge natürlich. Aufgeklärte Staatsbürger und Staatsbürgerinnen sollen informiert mitreden können – und brauchen dennoch am Ende Vertrauen in Spe­zia­listinnen und Spezialisten. Das haben wir ja in aller Regel auch.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Nicht nur in der Entwicklung von Impfstoffen gegen die Pandemie müssen wir den Fachleuten vertrauen; wir tun das, wann immer wir in ein Auto, in die U-Bahn oder ins Flugzeug steigen. Letztendlich haben wir ja keine Ahnung, warum dieses Ding bremst, fliegt, landet oder bei Gefahr den Airbag aktiviert; wir vertrauen aber den Experten, dass das Zeug schon funktionstüchtig ist. Ohne dieses Vertrauen kommen wir in einer arbeitsteiligen, modernen Gesellschaft kaum durchs Leben.

Es ist also mal wieder alles sehr komplex.

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Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.

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