piwik no script img

Putins schöne neue digitale Welt

Russlands Internet soll „souverän“ werden, ohne Anbindung an das globale Web. Ausfälle, Zensur und Drosselung treiben das Land in eine digitale Sackgasse

Fahrgäste schauen auf ihre Handys in Moskau Foto: Alexander Zemlianichenko/ap

Aus Moskau Vera Bessonova

Fahrgäste der Moskauer Metro vertreiben sich die Zeit oft mit Lesen eines Buches – in Papierform wohlgemerkt. Auffallend häufig fällt ihre Wahl auf George Orwells dystopischen Roman „1984“. Noch häufiger blicken die Menschen dieser Tage jedoch auf das Display ihres Smartphones, um sich zu vergewissern, dass die Verbindung zur Außenwelt noch funktioniert. Denn Russlands schöne neue digitale Welt driftet mit steigender Geschwindigkeit weg vom World Wide Web direkt in eine nationale Sackgasse.

Innerhalb der ersten drei Märzwochen erlebte die russische Hauptstadt signifikante Störungen des mobilen Internets bis hin zu Totalausfällen, selbst das WLAN war teilweise betroffen. Ein absolutes Novum für Moskau, dessen Bürgermeister Sergej Sobjanin auch nach über vier Jahren vollumfänglicher Kriegsführung gegen die Ukraine darum bemüht ist, den Schein von Normalität zu wahren.

Von Kaliningrad bis Kamtschatka sind solche Internet-Shutdowns längst Usus. Aus Sicherheitsgründen, lautet die dürftige offizielle Erklärung. So ließen sich Drohnenattacken am effektivsten abwehren. Da Regionalregierungen nicht nur in frontnahen Gebieten, sondern landesweit angehalten sind, Maßnahmen zum Schutz von Militärobjekten und existenzieller Infrastruktur zu ergreifen, wird das mobile Internet in ganzen Stadtteilen blockiert.

Die Folgen liegen auf der Hand: Lieferdienste und Taxi-Unternehmen sind per App nicht mehr erreichbar, Läden wechseln notgedrungen zu Barzahlung, kostenpflichtige öffentliche Toiletten können nicht genutzt werden. Gemessen in Zahlen betrugen die Verluste in Moskau nach Angaben der russischen Tageszeitung Kommersant allein innerhalb der ersten fünf Tage des Internet-Shutdowns zwischen 33 und 54 Millionen Euro.

Russlands Internet soll „souverän“ werden. Zielvorgaben legen fest, den gesamten digitalen Datenverkehr autonom abwickeln zu können – ohne Anbindung an das globale Internet. Entsprechende Anpassungen der Telekommunikations- und Mediengesetzgebung erfolgten bereits 2019. Reihenweise erließ die russische Führung seither Verbote gegen ausländische Webdienste und Plattformen wie Facebook und Instagram. Youtube und Whatsapp wurden im Februar aus dem nationalen Domain-Namen-System gestrichen.

Jetzt ist der Instant-Messaging-Dienst Telegram an der Reihe. Schon 2018 lieferte sich die zuständige Aufsichtsbehörde Roskomnadsor ein Kräftemessen mit Telegram-Gründer Pawel Durow. Dieser hatte sich beharrlich geweigert, dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB das Verschlüsselungsprotokoll preiszugeben. Durows Argument lautete, aufgrund der verwendeten Ende-zu-Ende-Verschlüsselung lasse sich dieser Forderung nicht nachkommen. Ein Moskauer Gericht hielt es damals für rechtmäßig, Telegram in Russland zu blockieren.

Dieses Urteil wurde nie aufgehoben, die Blockade schon. Zwei Jahre lang sabotierte Durows Team durch einen ständigen Wechsel genutzter IP-Adressen geschickt alle Versuche von Roskomnadsor, Telegram in die Schranken zu weisen. 2020 gab die Behörde auf, und Telegram entwickelte sich in Russland zum weitaus beliebtesten digitalen Kommunikationsmittel. Alle nutzen Telegram – der Kreml, staatliche Nachrichtenagenturen, Influencer*innen, Oppositionelle und Geschäftsleute.

Damit soll jetzt Schluss sein. Anrufe waren bereits im August 2025 unterbunden worden, am 10. Februar kündigte Roskomnadsor an, die Netz­geschwindigkeit von Telegram schrittweise zu drosseln. Ohne Proxyserver oder VPN-Tunnel (das steht für „Virtual Private Network“ und ermöglicht eine sichere, verschlüsselte Verbindung) lässt sich Telegram seither praktisch nicht mehr nutzen.

Wütende Kommentare von Nut­ze­r*in­nen aller Couleur ließen nicht auf sich warten. Militärblogger befürchten nicht nur herbe Einnahmeverluste bei Geldspenden für die Fortführung des Krieges, sondern verweisen darauf, dass Telegram mangels Alternativen an der Front für die Kommunikation und Standortmitteilungen unersetzlich sei.

Auch Konstantin (Name geändert), Anfang vierzig, wirkt ungehalten. Als Kleinunternehmer aus Moskau habe er ohnehin mit ausufernden bürokratischen Vorgaben zu kämpfen. Totalausfälle bei der Mobilfunkverbindung kosteten ihn Zeit und Nerven. Bei einer Verlangsamung des Internets dauerten banale Kommunikationsabläufe zigmal länger als früher, sagt er.

„Neulich habe ich 40 Minuten gebraucht, um eine dringende Mail mit Anhang zu verschicken“, klagt Konstantin. Stellenweise seien nur Webdienste zugänglich gewesen, die auf einer staatlich genehmigten „weißen Liste“ stehen. Sein kleiner Buchvertrieb sei außerdem auf Onlinewerbung angewiesen. Er fahre deshalb zweigleisig – über Telegram und über das russische soziale Netzwerk VKontakte, dessen CEO Sohn eines hochrangigen Kreml-Offiziellen ist. „Bei Telegram gingen die Aufrufe spürbar zurück, bei VKontakte hat sich nichts geändert“, so Konstantin. Positive Resonanz erhalte er aber lediglich bei Telegram.

Die Alternative zu Telegram heißt Max. Der von VKontakte entwickelte und 2025 gestartete Messengerdienst ist mittlerweile in vielen Bereichen obligatorisch und schafft für den Inlandsgeheimdienst FSB absolute Transparenz in Form des Zugriffs auf alle Daten. Jedoch ist die Funktionsweise von Max äußerst fehlerbehaftet.

Bis Jahresende soll Werbung auf Telegram und Youtube noch straffrei bleiben, auch soll Telegram vorerst an der Front weiterhin uneingeschränkt einsetzbar bleiben. Immerhin 46 Prozent der In­ter­net­nut­ze­r*in­nen sind zumindest gelegentlich per VPN unterwegs. Ihnen soll der Zugang zu Telegram und anderen blockierten Webdiensten durch die maximale Unterbindung von VPN-Tunneln erschwert werden.

95 Prozent des digitalen Datenverkehrs kontrolliert die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor über sogenannte „Technische Mittel zur Abwehr von Bedrohungen“ (TSPU) – also Geräte, die über die letzten Jahre an allen Kommunikationsknotenpunkten russischer Internetanbieter installiert worden waren. Darüber steuert die Behörde nicht nur die Netzgeschwindigkeit. Neben gängigen VPN-Protokollen kann sie inzwischen auch solche erkennen, die sich wie das als sicherer und zensurfester geltende Verschlüsselungsprotokoll VLESS maskieren.

Verbieten will die Regierung VPN-Tunnel vorerst zwar nicht, aber sie lässt entsprechende Dienste blockieren – bislang 469. Und ab Mai fallen für Ver­brau­che­r*in­nen ab 15 Gigabyte ausländischer Datennutzung zusätzliche Kosten an. Bereits ab Mitte April müssen Onlinehandelsplattformen wie Ozon oder Wildberries und Banken diverse Daten wie IP-Adressen und Netzwerkrouten erfassen und an Roskomnadsor übermitteln. Bei Verdacht auf einen VPN-Tunnel wird Nut­ze­r*in­nen der Zugang gesperrt.

Lieferdienste sind per App nicht mehr erreichbar, Läden wechseln notgedrungen zu Barzahlung

Verstoßen Unternehmen gegen­ diese Vorgaben, riskieren sie, aus den „weißen Listen“ von genehmigten Internetseiten gestrichen zu werden. Diese sind ein zentraler Bestandteil des „souveränen“ Internets.

Die Idee dahinter ist simpel und lehnt sich an iranische Pläne zur Installierung eines ­nationalen Internets an: Gesellschaftlich und volks­wirt­schaftlich notwendige Abläufe werden gewährleistet, ohne auf ausländische Infrastruktur oder externe Inhalte zuzugreifen.

Geht man von dem zweck­optimistischen Kalkül aus, dass Russlands Führungsriege grundsätzlich an profitablen weltweiten Handelsbeziehungen interessiert ist, erscheint eine völlige Isolierung vom globalen Internet abwegig. Immer ausgefeiltere Methoden, Internetblockaden zu ­umgehen, dürften bis auf Weiteres für Durchlässigkeit sorgen.

Doch im Ernstfall könnte Russland das Internet komplett abstellen. Was in einem solchen Blackout dann passieren könnte, lässt sich am Beispiel Irans mit der brutalen Repression von Protesten Anfang des Jahres ahnen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen