Psychische Corona-Krise: Mein Leben als Baum

Hypochondrische, dann panische Phasen wechseln sich mit Wut, Gelassenheit und Krisenbewältigung durch Textkonsum ab. Das geht wohl allen so?

Ein Paar im Park mit Mundschutz

Liebkosen mit Mundschutz vielleicht risikofreier? Jeder sieht eben das, was er sehen möchte Foto: Michele Tantussi

Das Leben stand still. Entscheidungen kippten ins Leere. Wurden auf unbekannt verschoben. Immerhin, es war kurz vor Ostern, machten die ersten ranzigen Bars in Berlin-Neukölln wieder auf. Oder, sagen wir, sie verkauften aus dem Fenster heraus Drinks zum Mitnehmen, schön in Weckgläsern und kleinen Fläschchen und Papiertüten verstaut. Woher kommt eigentlich diese Mode, alles wieder in alten Kompottgläsern zu servieren?

Mein ehemaliger Mitbewohner nahm einen Negroni, ich begnügte mich mit einem Jever Fun, weil ich die Gelegenheit des Lockdowns zu einem alkoholfreien Monat benützen wollte. Wir gingen einmal um den Block, das heißt zur Hobrechtbrücke und zurück. Alles schien normal.

Wir hatten zwar untergründig das Gefühl, etwas Illegales zu tun, aber die Polizei, die in ihren blau-weißen Wagen gemütlich im Kiez herumschlich, kümmerte sich weder um uns noch um die Bar, um die sich am frühen Abend einige Leute auf Abstand versammelt hatten. Obwohl; eben nicht versammelt. Die Bar wirkte dabei wie ein Stadionkassenhäuschen zu ganz alten Zeiten. Sie hatte beschränkte Öffnungszeiten, und es schien, dass das, was sie verkaufte, die Leute sehr glücklich machte.

Einige Passanten trugen Mundschutzmasken, die meisten nicht. Manche wirkten gefährlich damit, andere, als ob sie sich freiwillig hatten knebeln lassen. Ja, es sah aus, als stopften sie sich den Mund. Es war eine kranke Zeit. Oder lag es an mir? Schließlich las ich inzwischen „Intensivstation“, wo eigentlich nur „Institution“ stand.

Insgesamt hatte ich die Situation aber angenommen. So, wie PsychologInnen es rieten. Aber die Krise kam und ging. In Wellen. Leichte hypochondrische, dann verstärkt panische Phasen wechselten sich mit Wut, Gelassenheit und Krisenbewältigung durch überzogenen Textkonsum ab. Das Übliche. Es ging wohl allen so.

Paare auf Picknickdecken

In kleinen, zaghaften Schritten näherte sich indes das normale Leben wieder an. An den warmen Ostertagen erblühte es sogar. Blühende Landschaften: Parks voller Paare auf Picknickdecken. Das war jedenfalls besser als das Gefühl, Will Smith in „I am Legend“ zu sein, wenn man mit dem Rad über den Pariser Platz fuhr. Systemrelevant, versteht sich.

Auch mein Lieblingscafé bot wieder Kaffee zum Mitnehmen an. Mit Schlange vor dem Laden. Leute spielten Tischtennis auf den Steinplatten am Weichselpark, dessen Spielplatz rot-weiß zugebunden war. Danach wurde eine Runde Sagrotan spendiert.

In dieser Zeitung postulierte kürzlich der Psychoanalytiker Peter Schneider, dass jeder das sehe, was er sehen möchte. Was bedeutete das für mich? Warum löste die Bedrohung mit Krankheit so eine Angst aus? Ich gehöre nicht zur Risikogruppe. Ich war gesund. Mit fünf hatte ich einmal Windpocken. Eine Kinderkrankheit, die sich wie drei anfühlte, aber ich hatte wirklich nur diese eine, wie meine Mutter auf Nachfrage bestätigte. Gegen die anderen war ich geimpft.

Oder ging es um Todesangst? Klar, das Konzept „sterben“ war schon irgendwie doof. Schon das Konzept „älter werden“ steht ja nicht zu Unrecht häufig in der Kritik. Trotzdem gab es Leute, die von Todestrieben gesteuert von „rauchenden Krematorien“ faselten und in ihren Kommentaren immer wieder die italienischen Militärfahrzeuge heranfahren ließen, nur um das Angstlevel auch schön hoch zu halten. Waren das Sadisten? Oder Masochisten, denen die Maßnahmen einfach nicht streng genug sein konnten? Oder waren sie genauso angstgesteuert, nur irgendwie anders?

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