Protest gegen Tegel-Fluglärm in Pankow

Gebt uns den Himmel zurück

Wenige Tage vor dem Volksentscheid Tegel drehen die Pankower Tegel-Gegner richtig auf: Sie fühlen sich von der Politik verraten und verkauft.

Manchmal fliegen sie auch hier, überm Eingangstor zum Bürgerpark in Pankow, im Minutentakt Foto: dpa

Der tollste Moment ist der, als Jasmin Tabatabai die kleine Bühne neben der Kirche Pankow an der Breiten Straße betritt. Die deutsch-iranische Schauspielerin und Sängerin, die, wie man sich hier erzählt, mit Freund und drei Kindern seit einigen Jahren eine große Villa am schönen Majakowskiring bewohnt, kommt in Springerstiefeln und Bomberjacke – und auch ihre Stimme strotzt vor Kampfgeist. „Sie sagen, wir hätten uns halt verzockt“, ruft sie wütend genau in dem Moment ins Mikrofon, als der Wolkenbruch endlich nachlässt. „Als hätte es das Versprechen, Tegel zu schließen, nie gegeben!“ Tosender Applaus.

Wir befinden uns auf einer Kundgebung, zu der Pankower Bürgerinitiativen und der BUND geladen haben, es geht um den Volksentscheid Tegel am Tag der Wahl, dem kommenden Sonntag. Bei den Pankowern kocht es seit dem Ende der Sommerferien noch einmal richtig hoch.

Überall in diesem gutbürgerlichen Bezirk sieht man durchgestrichene Flugzeuge auf den Umhängetaschen und den Heckscheiben der Autos – Banner mit den Worten „Gebt uns den Himmel zurück“ und „Bye Bye Tegel“ hängen von Fenster zu Fenster.

Es gibt Berliner, die nicht wissen, was es bedeutet, in der Einflugschneise zu leben. Doch hier berichten Schulkinder, dass sie im Unterricht kurz Pause machen, wenn wieder ein Flugzeug über die Schule fliegt. Pfarrerin Ruth Misselwitz erzählt bei der Kundgebung von Kleinkindern, die sich im Garten ihrer Kirche auf den Boden warfen.

Selbstverständliche Redepausen

Am heutigen Dienstag ab 17 Uhr startet unter dem Motto „Wir bringen den Fluglärm auf den Ku’damm“ direkt vorm Café Kranzler am Kurfürstendamm 22. Die Abschlusskundgebung findet vor der Urania statt, An der Urania 17. Hier diskutieren ab 19 Uhr Bürgermeister Michael Müller (SPD), Sebastian Czaja (FDP), Ramona Pop (Grüne) und andere über „Eine Zukunft für Tegel“. Der Eintritt zu dieser Diskussion ist frei, um Anmeldung wird gebeten. (sm)

Und andere berichten von Besuch aus anderen Bezirken, der es ganz erstaunlich fand, wie hier die Gespräche im Park oder auf dem Balkon wie selbstverständlich versiegen, wenn ein Flieger kommt – und kommentarlos wieder aufgenommen werden, wenn er vorbei ist.

Offiziell geht der Flugverkehr in Tegel von 6 bis 23 Uhr, aufgrund von Sondergenehmigungen landen und starten aber auch in der Zwischenzeit Flieger. Insgesamt gibt es laut Flughafengesellschaft in Tegel täglich um die 600 Flugbewegungen, davon geht laut Tegel-Gegnern die Hälfte bei Flughöhen von unter 200 Metern über Pankow. Wenn der Wind schlecht steht, haben Menschen in diesem Bezirk bis zu 100 Dezibel gemessen – schlimmer hat es nur, wer noch näher am Flughafen wohnt.

Zum Vergleich: An einer der lautesten Straßen Berlins, der Leipziger Straße in Mitte, waren es höchstens 80 Dezibel. Tegel-Gegner haben errechnet, dass mehr als 300.000 Menschen vom Fluglärm um Tegel herum betroffen sind. Nach Unterlagen der Flugsicherung für die Fluglärmkommission Schönefeld werden beim BER weniger als 40.000 Menschen einem Fluglärm von maximal 50 Dezibel ausgesetzt sein.

Der Flughafen sollte schon 2012 schließen

Fluglärm ist etwas anderes als Kneipenlärm. Er gehört nicht in die Stadt

Ein paar Tage später, in einer lichten Wohnküche mit Gartenzugang in einem Neubau im Pankower Florakiez. Es war kein Kunststück, auf der Kundgebung mit der Ärztin Miriam Wiese-Posselt (45) und ihrem Nachbarn, dem Stadtplaner Jens Aesche (44), ins Gespräch zu kommen. Beide haben sich 2011 entschieden, hier gemeinsam mit einer Gruppe zu bauen – damals hieß es noch, der Flughafen Tegel würde 2012 schließen.

Nun verteilen sie mit weiteren Nachbarn und ohne sich in einer Bürgerinitiative organisiert zu haben, seit zwei Wochen in der ganzen Stadt und in jeder freien Minute Flugblätter. Sie versuchen, mit Tegel-Fans in Friedrichshain, Charlottenburg und Steglitz ins Gespräch zu kommen. Was sie am meisten ärgert: Die notorisch erfolglose Berliner FDP, die den Volksentscheid lanciert hat, spalte „aus purem Populismus“ die Stadtgesellschaft, so Aesche. „Diese Partei tritt den Rechtsstaat mit Füßen, um wieder ins Gespräch zu kommen.“

Viele Tegel-Fans, die er getroffen hat, halten aus Nostalgie oder purer Bequemlichkeit an ihrem Flughafen fest. Oder sie wollen aus einem Bauchgefühl heraus für Tegel stimmen, um der großen Politik, die für die BER-Blamage verantwortlich ist, ein Schnippchen zu schlagen. „Kaum einer von ihnen war je in Pankow und weiß, was es heißt, in der Einflugschneise zu leben“, sagt Wiese-Posselt.

Die Pankower haben mitunter keinen guten Ruf in dieser Stadt. Viele von ihnen, so auch Aesche und Wiese-Posselt, sind bereits vor Jahren aus Prenzlauer Berg vertrieben worden, weil es dort keine bezahlbaren Wohnungen für kinderreiche Familien mehr gab. Nun heißt es, die Pankower suchten die Ruhe der Dörfer in der deutschen Provinz, aus der sie kamen – so wie jene Familien, die in Prenzlauer Berg noch eine Wohnung erstehen konnten, um dann Spielstraßen einzufordern und durch ihre Lärmklagen die Clubs in den Ruin zu treiben.

Fluglärm gehört nicht in die Stadt

Was übersehen wird: Fluglärm ist etwas anderes als Verkehrs- oder Kneipenlärm. Er gehört nicht in die Stadt. Tegel wurde nicht gebaut für das wachsende Berlin, das steigende Touristenzahlen schmücken.

Ein paar Stunden nach dem Treffen in der Wohnküche, im Café Nord um die Ecke: Auch die ehemalige taz-Kollegin Katharina Koufen (46) kann ein Lied davon singen, wie sie mit Westberliner Vorurteilen und Egoismen zu kämpfen hatte, als sie etwa beim Weinfest am Rüdesheimer Platz Flugblätter verteilte. Oft hat sie den Menschen erklärt, dass es eben nicht so einfach ist wegzuziehen, wenn man Kinder hat, die im Bezirk aufgewachsen sind und dort nach wie vor zur Schule gehen. Und apropos Schule: „Für das, was die Sanierung des alten Flughafens mit allem Drum und Dran kosten würde, könnte man fast 100 Schulen bauen“, sagt sie.

Im Augenblick ist Katharina Koufen vor und nach der Arbeit zusammen mit Nachbarn mit der Organisation einer Demonstration befasst, die heute am Café Kranzler startet und bei der Urania endet, wo unter anderen Berlins Regierender Michael Müller (SPD) und „Volksentscheider“ Sebastian Czaja (FDP) über Tegels Zukunft diskutieren werden.

Auf der Demo wird ein Wagen mitfahren, auf dem Jugendliche den Fluglärm simulieren werden. In Originallautstärke.

Einmal zahlen
.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben