Probleme des Wintersports: Olympias feines Gespür für Schnee
Sportarten stehen vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen. Was aber alle nervt, ist dies: Schnee. Braucht’s den wirklich im Winter?
D er Neuschnee gefällt mir eigentlich ganz gut. Ich habe keine größeren Probleme mit den Langlaufskiern, die ich mir ausgeliehen habe, vorwärtszukommen, obwohl von der gespurten Loipe bei Livigno angesichts der Neuschneemassen keine Spur zu sehen ist. Bisweilen sinke ich fast bis zu den Knien ein. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, darüber muss ich mir keine Gedanken machen. Den olympischen Leistungsskifahrern geht es da anders.
Die Alpinen unten in Bormio haben unter dem Neuschnee gelitten wie die Hunde. Es gibt wirklich nichts Schlimmeres für ein Skirennen als Schneefall. Hunderte Helfer haben alles getan, um die frischen Flocken aus der Strecke zu bekommen. Laubbläser sind hier meist das Mittel der Wahl.
Wäre ja auch wirklich schade um die brettharte Piste, die man über Wochen mit Kunstschnee und Salzen präpariert hat. Aber auch die Unterlage, die zum Vorschein kommt, wenn der Neuschnee beiseite geschafft ist, hat jeden Tag andere Eigenschaften. Riesenslalomolympiasieger Lucas Pinheiro Braathen etwa fand den Schnee auf dem Slalomhang zu trocken. Trockenskifahren scheint seine Sache also nicht zu sein.
Slalomolympiasieger Loïc Meillard aus der Schweiz war überrascht, dass der Schnee einfacher war als erwartet. Am Samstag war er nicht so zufrieden. „Der Schnee war tot“, sagte er nach dem Riesenslalom, den er als Dritter beendet hatte. Was das wohl bedeuten mag? Da hilft vielleicht der Norweger Henrik Kristoffersen weiter. Der hatte gesagt, der Schnee habe nichts zurückgegeben. Vielleicht kein Wunder, wenn er doch tot war.
Ich hoffe jedenfalls, dass der Pulverschnee, den ich mit den Skiern plattwalze, nicht lebt. Ich will ihm ja nicht wehtun. Jedenfalls bin ich glücklich, dass ich auf echtem, gerade gefallenem Schnee unterwegs bin. Zumindest oberflächlich betrachtet ist das so. Unter dem Pulver liegt nämlich der Schnee des vergangenen Jahres. In Livigno gibt es ein riesiges Schneedepot, in dem der Schnee des Winters bis zum folgenden Oktober eingelagert wird.
Dann wird er auf die Loipen aufgetragen, damit die Spitzenlangläufer früh in der Höhe, Livigno liegt 1.816 Meter über dem Meeresspiegel, trainieren können. Snowfarming nennt man das auf Schneedeutsch. Da wird ein riesiger Schneehaufen unter Sägespänen und einer Kunststoffplane, die das Sonnenlicht reflektiert, begraben, sodass er den Sommer über nicht taut.
Wie sich der dann wohl anfühlt, frage ich mich und stelle fest, dass man auch als ambitionsloser Hobbylangläufer beim Höhentraining ziemlich viel über Schnee nachdenken kann.
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