"Pro Reli"-Initiative in Berlin: Werte für alle

Die BerlinerInnen sollten den Ethikunterricht als Pflichtfach für alle retten. Er ist Basis für einen Austausch, den die Stadt braucht, der das Wissen über einander vergrößert und das Verständnis füreinander stärkt.

Jetzt hat sie es also geschafft: Die Initiative "Pro Reli", die weitgehend von den beiden christlichen Kirchen getragen wird, hat genug Unterschriften beisammen. In einigen Monaten müssen die wahlberechtigten BerlinerInnen in einem Volksentscheid über die Zukunft des Religionsunterrichts entscheiden. Zu hoffen ist, dass sie den Kirchen eine deutliche Niederlage beibringen.

Diese haben Bischof Huber, Kardinal Sterzinsky und Co. schon allein wegen ihrer Werbekampagne verdient, die nur als eine Mischung aus Irreführung und Arroganz zu beschreiben ist. Denn sie legt nahe, dass SchülerInnen und deren Eltern sich derzeit nicht frei für den Religionsunterricht entscheiden können. Das aber ist schlicht falsch: Zwar müssen seit zwei Jahren alle Berliner SchülerInnen ab der Klasse 7 das Fach Ethik belegen, völlig unabhängig davon aber können sie weiterhin den Religionsunterricht frei wählen. Zumindest, wenn sie Christen sind. Islamischer Religionsunterricht wird an Berliner Oberschulen nämlich nicht angeboten. Schlicht eine Zumutung war der Slogan "Werte brauchen Gott". 60 Prozent der BerlinerInnen gehören keiner Konfession an. Ihnen zu unterstellen, sie hätten keine Werte und könnten ihren Kindern folglich auch keine vermitteln, ist anmaßend - und geht an der gesellschaftlichen Realität nicht nur der Hauptstadt vorbei.

Viel wichtiger als der Ärger über die Kampagne aber ist: Ein Erfolg des Volksentscheids wäre ein riesiger Rückschritt für die Berliner Bildungspolitik. Im Ethikunterricht, den die Kirchen lediglich auf eine Alternative zum Religionsunterricht reduzieren wollen, sollen alle SchülerInnen über Glauben und Werte, Ethik und Philosophie gemeinsam nachdenken. Unabhängig von ihrer Religion. Es ist eben ein solcher Austausch, den die Stadt braucht; einer, der das Wissen über einander vergrößert und im besten Fall das Verständnis füreinander stärkt. Orte für einen solchen Austausch gibt es wenige. Die Schule kann und sollte einer dafür sein.

Das gilt vielerorts, aber vielleicht besonders im einerseits gottfernen andererseits multireligiösen Berlin. Deshalb sollten die BerlinerInnen den Ethikunterricht als Pflichtfach für alle retten.

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Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.

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