: Prinz Else herrschte seltsam über viele Welten
Die überwältigende Vielfalt von Else Lasker-Schülers Schaffen müsste alle Ausstellungsmacher*innen entmutigen. Das Lübecker Grass-Haus traut sich trotzdem an die Dichterin und Multikünstlerin heran – und ermöglicht spannende Einblicke in ihr schillerndes Leben und ihr wildes Werk

Von Friederike Grabitz
Der Ausstellungsraum ist klein für eine Künstlerin wie Else Lasker-Schüler, die so vieles war: Dichterin und Performerin, Malerin und Dramatikerin. Ausdrucksvielfalt ist das Konzept der Ausstellungen im Obergeschoss des Lübecker Günter-Grass-Hauses. Persönlichkeiten wie Goethe und Churchill und Lennon wurden hier gezeigt. Lasker-Schüler ist nach Cornelia Funke erst die zweite Frau in der Reihe.
Auffällig der Titel, unter der die aktuelle Ausstellung firmiert: „Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin“. Ist eine Dichterin nicht auch eine Künstlerin? Was für Welten soll diese Frau gebaut haben? Als Eyecatcher fallen drei prächtige Kostüme auf, die vorn im Raum drapiert sind: Ein androgyner Anzug im 1920er-Jahre-Stil, ein ironischer Tim-Burton-Engel und ein mit Schellen aufgetunter Teufel.
Else Lasker-Schüler changierte zwischen den Geschlechtern
Künstler*innen haben sie im Auftrag der Kuratorin entworfen und genäht, um die Welten dieser Frau zu visualisieren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als „Jussuf, Prinz von Theben“ die Berliner Cafés aufmischte. In exzentrischen Rollen, die sie üppig kostümiert verkörperte, changierte Lasker-Schüler zwischen den Geschlechtern und Kulturen, befeuerte den „Orientalismus“ ihrer Zeit mit Zitaten aus arabischen Kulturen und dem alten Ägypten.
Der knappe Raum ist gut genutzt und dabei nicht überfrachtet. An einer Wand hängen Bilder und Zeichnungen, zum Teil in unterschiedlichen Rahmen, weil es Leihgaben aus Privatsammlungen sind: exotische Wimmelbilder, Zeichnungen mit grober Kreide-Kolorierung, entrückt schauende Figuren, ägyptische Ikonografie, weiße runde Lehmhäuser und ihr Alter Ego Jussuf, mit rotem Topfhut auf einem Elefanten reitend. Sie alle sind, damals wohl aus Kostengründen, kleinformatig.
Ausstellung „Else Lasker-Schüler: Künstlerin, Dichterin, Weltenbauerin“, Günter-Grass-Haus, Lübeck. Bis 9. 11.
Workshop „Normen formen – Gender durch Zines unterwandern“, mit Illustratorin Lena Winkel und Comic-Autorx Noëlle Kröger, für Menschen ab 8 Jahren, 3. 9., 10.30–17 Uhr
Im einem Separee haben Filmemacherinnen Lasker-Schülers Filmskript von 1913 „Plumm-Pascha“ in die Jetztzeit geholt, zum Beispiel mit einer scheiternden Influencerin als Hauptfigur. An einer Audiostation lassen sich Interpretationen ihrer Gedichte von Theodor W. Adorno bis zur Metal-Vertonung von „A Winter Lost“ anhören. Schaukästen zeigen erste und frühe Ausgaben von Büchern der Dichterin, etwa das Drama „Ichundich“, in dem sie den Untergang des Nazi-Regimes prophezeite. Dazu lässt sich eine Lyrik-Auswahl lesen, expressionistische Gedichte wie „O ich möchte aus der Welt“ von 1917: „Dann weinst du um mich. / Blutbuchen schüren / Meine Träume kriegerisch. // Durch finster Gestrüpp / Muß ich / Und Gräben und Wasser // Immer schlägt wilde Welle / An mein Herz, / Irr ich ein Flackerlicht // Um Gottes Grab.“
In ihren Versen tritt am Deutlichsten hervor, dass die Triebfeder dieser oft bunten, üppigen Kunst die Weltflucht aus einer nie einfachen Realität ist. Nach einer Kindheit in Wuppertal sterben die Eltern und der Lieblingsbruder früh. Später wird sie zwei Mal geschieden und ist alleinerziehend mit einem Sohn. Der stirbt mit 28 Jahren an Tuberkulose. Else Lasker-Schüler unterhält Freundschaften mit Künstlerkollegen wie Karl Krauss oder Franz Marc, erfährt aber auch Ablehnung: Franz Kafka und Rainer Maria Rilke äußern sich herablassend über Kunst und Lebenswandel dieser Frau, die sie nicht verstehen wollen.
Zeitlebens hat sie Geldsorgen und muss sich von (meist männlichen) Künstlerkollegen alimentieren lassen. In dem Essay „Ich räume auf“ beklagt sie die mangelhafte Zahlungsmoral von Verlagen. Durch die sieht sie sich immer wieder in Existenznöte getrieben: Unter diesen schwierigen Umständen begründet die Künstlerin mit ihren Gedichten und Romanen den literarischen Expressionismus mit.
Else Lasker-Schüler im Essay „Das Hebräerland“ (1937)
Im unfreiwilligen Exil
Dafür bekommt sie 1932 den Kleist-Preis. Kurz danach kommt Hitler an die Macht: Die Jüdin verlässt das Land und emigriert in die Schweiz. Die aber lässt sie sechs Jahre später von einer Palästina-Reise nicht zurückkehren.
Im unfreiwilligen Exil eckt sie an als Unterstützerin des „Brit Schalom“-Friedensbundes und kritisiert 1937 in „Das Hebräerland“, erschreckend aktuell noch heute, die Siedlungspolitik: „Es ziemt sich nicht, im heiligen Land Zwietracht zu säen“. In Armut stirbt sie 1945 in Jerusalem.
Ihr Freund, der Dichter Gottfried Benn, nannte sie „die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte“ und sagte: „Sie nahm die großartige und rücksichtslose Freiheit, über sich selbst zu verfügen, ohne die es ja Kunst nicht gibt. Ihre Themen waren vielfach jüdisch, ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch, ein üppiges, prunkvolles, zartes Deutsch.“
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen