Präsidentschaftskandidatin vor Ort: Gesine Schwan begeistert türkische Gemeinde

Bei einem Besuch der Türkischen Gemeinde Deutschland liefert die sozialdemokratische Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan so fortschrittliche integrationspolitische Ansichten, dass mancher ihrer Genossen zittern dürfte.

Ihr Lächeln betört auch die Türkische Gemeinde. Bild: AP

Genau zwanzig Minuten Zeit hatte Gesine Schwan nach ihrem einstündigen Besuch bei der Türkischen Gemeinde Deutschland (TGD) gestern für die Presse. Dann musste die SPD-Kandidatin für das Bundespräsidentinnenamt zum nächsten Termin. Doch die kurze Pressekonferenz war ein Paradebeispiel dafür, was in wenig Zeit alles gesagt werden kann. Klar und knapp gab die Kandidatin ihre Ansichten zu Fragen wie Bildung und Integrationspolitik zum Besten - und zauberte damit dem TGD-Vorsitzenden Kenan Kolat ein geradezu entrücktes Lächeln ins Gesicht.

Es müsse Schluss sein mit der Phrase von "Fordern und Fördern", hatte der eingangs gesagt: Man solle den Migranten einfach etwas mehr zutrauen, statt nur Zwang und Kontrolle auszuüben. Und überhaupt, so Kolat, sei es an der Zeit, weniger von Integration und stattdessen mehr von Partizipation zu sprechen.

Was Schwan dem hinzufügt, lässt die Forderungen des wichtigsten Sprechers der türkischen Einwanderer in Deutschland beinahe ein wenig altbacken wirken: Man solle, schlägt sie vor, den Begriff "Migrant" doch am besten ganz vergessen und den der "Zuwanderung" gleich mit: Ein Migrant, so Schwan, sei jemand, der von Ort zu Ort wandere, mal hier sei und dann weiterziehe: "In dem Wort steckt doch immer die Hoffnung drin: Vielleicht geht das Übel noch an uns vorbei." Und "Zuwanderung" sei nichts weiter als ein "politischer Kompromissbegriff": "Er dient dazu, Einwanderung faktisch zu akzeptieren, sie aber nicht als solche zu benennen."

Und überhaupt, meint die Präsidentschaftskandidatin, sei die Vorstellung, unsere Gesellschaft bestehe aus einer homogenen Mehrheit und ein paar kleinen Minderheiten, "altmodisch": "Menschen fühlen sich nicht nur einer gesellschaftlichen Gruppe zugehörig." Sie hätten verschiedene Loyalitäten, und das sei gut so. Denn "sonst bestünde unsere Gesellschaft aus einzelnen Säulen ohne verbindende Brücken. Und das ist nicht stabil." Deshalb sei auch die doppelte Staatsbürgerschaft für sie "überhaupt kein Problem", im Gegenteil: "Dahinter, diese abzulehnen, steckt doch häufig nur der Versuch, eine bestimmte Gruppe ganz draußen zu halten." Man solle aber, findet Schwan, den Einwanderern doch "endlich die Chance geben, hier anzukommen."

Bei der Türkischen Gemeinde stoßen solche Sätze auf Begeisterung. In der SPD jedoch, die integrationspolitisch gerne zwei Schritte vor- und anderthalb zurückgeht, dürften Schwans klare Ansagen manchem Genossen kalte Schauder über den Rücken jagen. Kurz nach der Pressekonferenz veröffentlicht der Stern eine Umfrage: Nur 12 Prozent der Bundesbürger würden Gesine Schwan zur Bundespräsidentin wählen. Unter den SPD-Wählern sind es 17 Prozent.

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