Possehl-Preis für Doris Salcedo

Alles, was weh tut

Krieg und Gewalt – damit beschäftigt sich die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo. Jetzt wurde sie in Deutschland dafür ausgezeichnet.

Doris Salcedo lächelt. Ihr dunkles, krauses Haar ist mit grauen Strähnen durchzogen.

Die Werke von Doris Salcedo klagen an und sollen helfen, kolumbianische Geschichte zu verarbeiten Foto: David Heald

BOGOTÁ taz | Schmerz, Trauma, Verlust und die Leere, die zurückbleibt – davon handeln Doris Salcedos Plastiken und Installationen. Auch in ihrer Familie sind Dutzende Menschen im bewaffneten Konflikt verschwunden, der über 50 Jahre in Kolumbien wütete. Am Samstag erhielt die 61-Jährige den ersten Possehl-Preis der gleichnamigen Lübecker Stiftung, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Salcedo findet „für politische Herrschaftssysteme, Rassismus und systematische Ungleichbehandlungen poetische Bilder“, begründet die Jury.

Bis 3. November ist mit „Tabula Rasa“ in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck ihre erste Einzelausstellung in Deutschland zu sehen. Salcedo setzt sich darin mit Vergewaltigungen auseinander, die viele Frauen während des Kriegs erlitten haben.

Doris Salcedo ist eine der bedeutendsten Künstler*innen Lateinamerikas. Die Frau mit dem widerspenstigen grauen Lockenkopf ist tief mit ihrem Heimatland verwurzelt. Alle ihre Werke, selbst die für das Guggenheim Museum in New York und den riesigen Riss für die Turbinenhalle der Tate Modern in London, produziert sie mit ihrem Team in Kolumbien.

Das Kollektive im Entstehungsprozess ist typisch für Salcedo – nicht nur, weil die Künstlerin wegen einer Netzhauterkrankung praktisch blind ist. Es ist Teil des Konzepts ihrer Installationen. Wie bei „Quebrantos“ (Brüche), das sie im Juni aus Protest gegen das Morden an Menschenrechtsverteidiger*innen auf der Plaza de Bolivar im Herzen Bogotás schuf. Über 100 Freiwillige aus dem ganzen Land, darunter Menschen, die mit dem Tode bedroht werden, Kriegsopfer und Studierende, zertraten Glasscheiben und legten aus den Scherben die Namen von 125 Ermordeten.

Auf der falschen Seite

In ihrer Heimat gibt es auch Widerstand gegen sie. Als „nicht wirklich weiße“ Frau ohne vornehme Abstammung befinde sie sich in der rassistischen, frauenfeindlichen Klassengesellschaft Kolumbiens auf der falschen Seite, sagte Salcedo der Zeitschrift „Revista Arcadia“.

„Kolumbien wollte einen zweiten Botero“, sagte sie, in Anspielung auf den erfolgreichen Künstler, der für seine farbenfrohen Bilder mit prallen Menschen bekannt ist, „ein Bild, das man sich über den Kamin hängen kann – kein Werk, das an ein Massengrab oder an einen gevierteilten Menschen erinnert. Das wollen wir nicht sehen.“

Doris Salcedo schreitet über den Platz Plaza Bolivar in Botoa. Im Hintergrund sind Aktivistinnen und Aktivisten, die an „Quebrantos“ (Brüche) arbeiten. Sie zerbrechen Glas und tragen Schutzkleidung.

Doris Salcedo bei ihrer Arbeit „Quebrantos“ (Brüche) in Bogotá Foto: ap/Ivan Valencia

Das Rohe, Verletzte spürt man bei ihren Werken instinktiv. Um ihre ganze Tragweite zu erfassen, muss man mehr erfahren. Das wird deutlich bei „Fragmentos“: Im Friedensvertrag zwischen Regierung und Farc-Guerilla wurde 2016 bestimmt, dass aus den abgegebenen Waffen der Kämpfer*innen ein Kunstwerk werden soll. 8.000 Waffen wurden eingeschmolzen.

Aus den 37 Tonnen Metall ließ Salcedo Bodenplatten gießen. Anschließend hämmerten 20 Frauen ihre Wut und ihren Schmerz in diese hinein. Sie waren Opfer sexueller Gewalt geworden – durch die Guerilla, aber auch durch offizielle Sicherheitskräfte und Paramilitärs.

Die Platten liegen seit Dezember als Fußboden der Ruine einer Stadtvilla, wenige Schritte vom Präsidentenpalast entfernt. Die Geschichte von „Fragmentos“ ist dort in einem Dokumentarfilm zu sehen, in dem die Frauen auch vom Verzeihen und Weiterleben sprechen. Danach können die Besucher*innen durch die zerborstenen Mauern in kleine Gärten treten. Manche weinen.

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