Populismus und Migration in Holland: Kritik der reinen Toleranz

Der Niederländer und bekennende Sozialdemokrat Paul Scheffer präsentiert auch in seinem neuen Buch "Die Eingewanderten" wieder umstrittene Thesen zu Migration und Multikulti.

Schülerinnen des "Campus Rütli": Vom Brennpunktgebiet zur Vorzeigeschule. Bild: dpa

Der Ruf, der ihm in seiner Heimat anhaftet, ist legendär: Er sei es gewesen, der lange vor dem Populisten Pim Fortuyns die Sicherheit von Migranten unterminiert habe, er, der bekennende Sozialdemokrat, habe sich am Credo seiner Partei - der Solidarität - versündigt. "Das multikulturelle Drama" hieß einer seiner Texte, der ihm dieses Image eintrug. Dabei habe er, so sagte Scheffer am Dienstagabend in der niederländischen Botschaft in Berlin, vor allem helfen wollen, die Migrationsfrage nicht als kulturelle, sondern als soziale Frage zu begreifen.

"Das multikulturelle Drama, das sich abspielt, ist die größte Bedrohung für die Gesellschaft", steht nun auch in seinem neuen Buch "Die Eingewanderten". Damit aus dem Drama keine Tragödie werde, müsste Klartext gesprochen werden. Es komme nicht darauf an, unentwegt die "Bereicherung" durch die Migranten zu betonen, sondern, und das ist Scheffers Pointe, "auf den Verlust" hinzuweisen. Es müsse eingestanden werden, dass traditionelle Niederländer darum bangen, ihr Land nicht wiederzuerkennen, ebenso, dass viele Migranten schockiert seien ob des libertären Lebens in den Niederlanden: Religionsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Individualität.

Scheffer, ein lebhafter, eher kleiner Mann mit vielen grauen Locken auf dem Kopf, ist in den Niederlanden ein heftig gesuchter Gesprächspartner auch für die muslimischen Communities. Es gehe ihm nicht um Ausgrenzung, im Gegenteil: "Ich möchte, dass das Reden in den Kategorien von Diversifikation, von Kulturation oder Multiethnizität aufhört." Alle könnten, da spreche er zunächst für sein Land, Niederländer sein. Aber der Prozess der politischen Assimilation, also des Respekts vor einem liberalen Staat, muss erstritten werden - lasse man die Migranten allein und beruhige sich, aus der Perspektive von "Autochthonen", mit dem Hinweis, dass diese eben eine andere Kultur hätten, sei das echter Rassismus und nicht die Liebe zum Anderen.

In der Botschaft fragte ihn ein Besucher, ob das Problem nicht der Islam sei, "da sind Sie doch einverstanden, oder?" Scheffer schüttelte knapp den Kopf und sagte kühl: "Irische, katholische Migranten hatten es in den USA auch extrem schwer und machten es sich schwer."

Überall, wo Migranten in die Moderne geraten, würde es kompliziert. Aber, nähme ein "offenes Land" seinen Anspruch ernst, so gehe es mit traditionsverhafteten Migranten in den Streit. Das jedenfalls verhindere eher als jedes Sich-in-Ruhe-Lassen, dass Migranten abgehängt werden oder sich so fühlen. "Wir brauchen eine sich einmischende Bürgergesellschaft", sagte Scheffer, der zuvor die Neuköllner Rütlischule mit dem Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky besucht hatte.

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