heute in bremen: „Politische Relevanz in der Architektur“
Eberhard Syring, 66, ist Professor für Architekturtheorie und Baugeschichte an der Hochschule Bremen sowie wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Baukultur.
Interview Teresa Wolny
taz: Herr Syring, was hat Bauen mit Leben zu tun?
Eberhard Syring: Die gebaute Umwelt hängt eng mit unserer Lebensumwelt zusammen. Wenn ein Künstler ein Bild malt, muss man in ein Museum oder eine Galerie reingehen, um es sich anzuschauen, das ist bei Architektur nicht der Fall, da ist jeder emotional von betroffen.
Ist es heute noch Avantgarde, wie damals im Bauhaus zu bauen?
Gropius vertrat im Bauhaus eine Haltung der Wirklichkeitszugewandtheit. Er wollte, dass Künstler und Architekten zusammenarbeiten und sich mehr in die Lebenswelt einmischen. Die sogenannte Zweite Moderne heute ist eher formalistisch ausgerichtet, das ist nicht unbedingt Avantgarde. Ein anderes Konzept ist die Reflexive Moderne, die auch die politische Relevanz in der Architektur betont. Dabei geht es weniger um formelle Fragen, sondern eher um Konzepte wie Wohnungsproblematiken und die Frage, wie man in der globalisierten Welt heute noch umweltgerechte Architektur gestalten kann.
Wird in Bremen auch so gebaut?
In der Überseestadt finden wir fast nur stilistische Anklänge an die Moderne der 20er-Jahre und die Nachkriegsmoderne. Inhaltlich müsste man allerdings noch intensiver diskutieren, aber es gibt an anderer Stelle schon gute Ideen, wie etwa modulare Wohneinheiten, die es erlauben, ökologische Standards und soziale Integration zu verwirklichen. Generell stammen vom Bauhaus Ideen, um die man heute nicht mehr herum kommt. Auch der soziale Wohnungsbau hat immer eine Rolle gespielt in der Moderne der 20er-Jahre.
Und später?
Vortrag „Wege aus dem Bauhaus“, 18.30 Uhr, Gerhard-Marcks-Haus
In der Nachkriegszeit ist dieser Ansatz dann oft aus dem Ruder gelaufen, weil die Moderne häufig zu einem Schematismus verflachte.
Wie stünde Walter Gropius zur heutigen Moderne?
Gropius betonte, dass das Bauhaus gerade kein Stil sei. Er würde sich also vermutlich die Haare raufen, wenn er heute von dem inflationären Gebrauch des Begriffs „Bauhaus-Stil“ hörte.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen