Poetry Slam: Ein dichterischer Vorwurf

Die "i,Slam-Tour" machte am Freitag Halt in Bremen. Neun muslimische Jugendliche lieferten sich im Kulturzentrum Lagerhaus einen Dichterwettstreit der anderen Art.

Hat es satt, dass alle sich über ihr Kopftuch beschweren: Betül. Bild: Michael Bahlo

BREMEN taz | Das Lagerhaus in Bremen ist nicht zu verfehlen. Immer geradeaus, den Kopftuchmädchen nach, die sich wild schnatternd vor dem Tor sammeln. Am Eingang stehen drei Mädchen mit offenem Haar, die mich mit „Salam“ begrüßen und mir einen Stempel auf die Hand drücken.

Der Raum ist dunkel, fast neblig. Im Hintergrund schnelle Beats. Rote Spots tauchen alles in ein warmes Licht und verleihen dem Ganzen eine zwielichtige Atmosphäre. Von der Seite sprechen mich zwei junge Mädchen an, ebenfalls ohne Kopftuch. Sie heißen mich herzlich willkommen und bieten mir eine Dattel und ein kleines Schälchen Milch an. Der Gast nach mir kippt die Milch mit einem Mal hinunter, als sei es ein Schnapsglas.

Mädchen umschwirren die Bar. Die meisten von ihnen tragen Kopftuch. Einige sogar lange Gewänder. Die Barfrau schenkt ihnen Cocktails ein. „Sind die auch wirklich alkoholfrei?“, fragt eine laut. Die anderen verstummen und lauschen der Antwort. „Ja sicher sind sie das.“ Die Barfrau wirkt fast schon beleidigt. Wenn man etwas über Muslime wisse, dann sei es das Alkoholverbot. Die Initiatoren des i,Slam hätten sie eindringlich darauf hingewiesen, an diesem Abend keinen Alkohol auszuschenken. Das Mädchen nickt ein wenig beschämt und bezahlt wortlos ihren alkoholfreien Cocktail.

Poetry Slam, oder Dichterwettstreit, gibt es in Deutschland seit den 90er Jahren. Die "Slamer" treten mit selbstgeschriebenen Texten innerhalb einer bestimmten Zeit auf. Das Publikum bewertet den Inhalt des Textes und die Art des Vortrags. Am Ende des Abends wird ein Sieger gekürt.

Der erste Poetry Slam fand am 20. Juli 1986 im "The Green Mill" in Chicago statt. Erfinder ist Performance-Poet Marc Kell Smith. Noch heute findet im "The Green Mill" jeden Sonntag Uptown Poetry Slam statt.

Der i,Slam wurde 2011 gegründet und fand zum ersten Mal in Berlin statt. Grundidee dabei ist den sonst so harten und oftmals blasphemischen Poetry Slam in einen islamgerechten Mantel zu hüllen. Beim i,Slam dürfen weder Fäkalworte benutzt, noch andere Gruppen angegriffen werden.

Die i,Slam-Gruppe tourt noch bis Dezember 2012 durch Deutschland. Finale ist in Frankfurt. Der nächste Slam findet voraussichtlich in Halle statt.

Gegenüber der alkoholfreien Bar steht ein riesiges Buffet, mit Törtchen, Kuchen und gefüllten Broten. Kleine Preisschildchen stecken im Gebäck. Ob es für einen guten Zweck ist? Die Verkäuferin mit dem langen, braunen Haar sagt, der Erlös sei für die Veranstaltung. Der Raum sei noch nicht bezahlt. Einiges mussten die Organisatoren aus Berlin und ihre Bremer Helfer aus ihrer eigenen Tasche bezahlen. Außerdem wolle man mit den Einnahmen noch eine weitere Veranstaltung mit finanzieren. Man müsste bei diesen Centpreisen schon eine Menge Küchlein verkaufen, um mit dem Erlös im zweistelligen Bereich zu landen.

Am Buffet steht ein junger Mann, groß, blond, glatt rasiert, mit einem blauen Polohemd. Argwöhnisch betrachtet er die Mädchen mit den bunten Kopftüchern. Er heißt Jonas und ist Student. Er hat ein Plakat für die Veranstaltung in der Mensa gesehen und seinen Mitbewohner überredet, mitzukommen. Wie es ihm gefällt? „Das ist mal was anderes.“ Sie sitzen nicht im Publikum, sondern stehen mit verschränkten Armen an der Bar; mit allen anderen nicht-muslimischen Besuchern, die an einer Hand abzuzählen sind.

Zwei junge Männer mit bedruckten Shirts springen auf die Bühne. Sie tragen enge Jeans, schwarze T-Shirts und Gelfrisuren. Younes Al-Amayra und Youssef Adlah sind die Initiatoren von i,Slam und heizen das Publikum mit flotten Sprüchen auf. „Bei uns bekommt ihr ein Wahlrecht, egal wie alt ihr seid! Und egal, ob ihr einen deutschen Pass habt, oder nicht!“ Gelächter im Publikum.

Es gibt keine Geschlechtertrennung bei den Sitzplätzen. Jeder sitzt dort, wo er Platz findet. Ein Helfer erzählt mir, dass er das so nicht okay fände. Das gehöre sich nicht auf islamischen Veranstaltungen. Auch den Zuschauern scheint bei der Sache unwohl zu sein. Man hört Stuhlgeklapper. Nach zehn Minuten steht keine Reihe mehr gerade und man erkennt deutlich die kleinen Mädchen- und Jungengrüppchen im Dämmerlicht.

Die ersten Slammer werden angekündigt. Die Slams ähneln sich stark. Es geht um Politik, den Alltag als muslimische Jugendliche und den Frust über die Sicht auf sie. „Warum gucken die so? Ich habe nicht meinen Verstand verschleiert, nur meine Haare bedeckt!“, slamt Betül aufgeregt. Im Publikum nicken viele. Betül trägt ein langes, beiges Gewand und ein gemustertes Kopftuch.

Gegen 22 Uhr wird der Sieger gekürt. Es ist eine Siegerin. Yousra slammte als einzige nicht über die Gesellschaft oder die Politik – sondern über ihre Kindheit und die hohen Erwartungen ihrer Eltern, denen sie nicht immer gerecht werden konnte. „Tut mir Leid, dass ich nicht die Mustertochter bin, die ich werden sollte!“ Der Preis ist symbolisch: Yousra bekommt eine Miniversion der Kaaba, dem Pilgerzentrum der Muslime in Mekka.

Jonas und sein Mitbewohner sind nach dem zweiten Slam gegangen. Vielleicht hatten sie noch was vor. Aber vielleicht wollten sie auch nicht mehr auf der Anklagebank sitzen.

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