Platz an der Spree in Berlin wird knapp: Ein gallisches Dorf

Ein Bekenntnis gegen Investorenarchitektur will der Holzmarkt sein. Nun orientiert man sich auch dort dahin, wo in Berlin noch Platz ist: nach oben.

Illustration bei der die Hochhäuser an einem Ufer die Beine von Anzugtragenden Personen darstellen

Investorenlogik: der Trend in Berlin an der Spree geht nach oben Foto: Illustration: Sebastian König

Herrgott, ist diese Holzmarktstraße laut. Es geht vorbei an einem Zaun, der Bau des 70-Meter-Büroturms von Architekt David Chipperfield hat hier begonnen. Zwischen Jannowitzbrücke und Ostbahnhof werden in den nächsten Jahren in bester Spreelage etwa eine weitere halbe Million Quadratmeter Geschossfläche für Berlin entstehen.

Nur wenig weiter von dort, wo der Chipperfield-Turm entsteht, findet sich aber noch etwas Understatement, wenigstens im Ausdruck: „Säälchen“ heißt so der durchaus ausgewachsene Veranstaltungsraum inmitten der kunterbunten, in- und übereinander verschachtelten Holzhütten an der Holzmarktstraße, die so gar nicht mehr in diese Gegend zu passen scheinen.

Der Ort

Lange hat man nichts mehr gehört von Berlins urbanem Dorf Holzmarkt, eine der letzten Oasen an der Spree, wo man noch rund um die Uhr ans Ufer darf, wo gefeiert wird, wo es Ateliers und Artisten gibt, Filmproduktion und Musikschule.

Doch nun geht es wieder los, vor Kurzem wurden die neuen Pläne für das Stückchen Bauland vorgestellt, wo eigentlich der Holzmarkt selbst unter dem Namen Eckwerk hatte bauen wollen.

Einen langen Streit zwischen Holzmarkt und dem Bezirk hat es dabei gegeben, in dem es auch darum ging, ob Freiräume für die Kultur wichtiger sind als möglichst viel bezahlbarer Wohnraum. Schließlich unterlag der Holzmarkt, nun sind wieder die üblichen Investoren an Bord. Statt Holz gibt es Stahlbeton, statt innovativer Wohnkonzepte, wie sie der Holzmarkt im Sinn hatte, Wohnungen für Studierende.

Der Erweiterungsplan

Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Mario Husten und Konstantin Krex von der Holzmarkt Genossenschaft sitzen in ihrem Büro mit Blick auf den lustig gepflasterten Marktplatz und junge Leute, die im Café herumlümmeln. Die beiden stellen ein Modell des Hochhauses vor, das sie nach dem Scheitern ihres Eckwerks nun bauen wollen. „Das sind die Flächen, die wir mindestens brauchen, um das Grundstück langfristig zu finanzieren“, sagt Husten. „Es war von Anfang an klar, dass wir nur so viel Freiraum erhalten können, wenn wir die Kosten für das Grundstück auf mehr Schultern verteilen können“, fügt Krex an.

Was heißt, dass sie auch im Sinne der öffentlichen Nutzung anstelle flächiger Bebauung am Ufer nun selbst lieber kompakt und 60 Meter hoch bauen wollen: ein Hochhaus mehr an der Spree.

Die Gewissensfrage

Aber müssen die Holzmarktleute deshalb ein schlechtes Gewissen haben? Könnten sie. Denn entstanden ist der Holzmarkt aus einer Idee von Kreativen rund um die Gründer des zuletzt auch international renommierten Clubs Bar 25. 2012 gaben sie das höchste Gebot für das Gelände ab. Käufer war eine Schweizer Pensionskasse, die es den Holzmarkt-Leuten in Erbpacht gab.

Nachhaltige Projektentwickler gewinnen ein Bieterverfahren gegen Immobilienhaie: Das war eine gute Headline in einer Zeit, als die Forderungen der Ber­li­ne­r*in­nen, durchgehend öffentlichen Uferweg zu erhalten an der Spree und keine Hochhäuser zu bauen, schon wieder verhallt waren. Das arme Berlin der Neunziger hatte verkauft und Baurecht vergeben, wo es nur ging. Nun konnte die Politik nur noch sanft korrigieren bei dem baulichen Streben nach oben an der Spree.

Trotzdem muss der Holzmarkt sich nicht schämen, dass auch er in die Höhe geht in einem Berlin, in dem sinnvolle Kulturprojekte weiter gesichtslosen Retortenquartieren weichen. Dass da dann Tausende arbeiten und wohnen werden, „es aber kaum Bäume geben wird, unter die man sich mal setzen kann“, sagt Mario Husten. Deswegen soll der Holzmarkt doch ruhig in die Höhe bauen, wenn er so ein bisschen Leben an der Spree erhalten kann. Etwas Besseres als den derzeitigen Stadtumbau machen sie dort jedenfalls allemal.

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Dieser Artikel stammt aus dem stadtland-Teil der taz am Wochenende, der maßgeblich von den Lokalredaktionen der taz in Berlin, Hamburg und Bremen verantwortet wird.

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