Pfusch mit krebeserregendem Straßenbelag

Baufirmen verstreuen Giftmüll

Beim Ausbau der A 7 haben Baufirmen krebserregenden Schutt kurzerhand in der Umwelt verteilt. Unklar ist, wer die Entsorgung zahlt.

Ausbau der A 7: Giftiger Bauschutt wurde in Vorgärten entsorgt. Foto: Patrick Seeger/dpa

HANNOVER taz | Im südlichen Niedersachsen wurde offenbar giftiges Baumaterial weiträumig verteilt. Allein im Kreis Hildesheim gelten 82 Privatgrundstücke als kontaminiert, bestätigte Ordnungsdezernent Helfried Basse der taz. Zwei weitere „Verdachtsflächen“ lägen im Landkreis Goslar, eine andere im Kreis Wolfenbüttel.

Der mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) belastete Bauschutt stammt ursprünglich von Baustellen der Autobahn 7, die zwischen 2011 und 2014 sechsspurig ausgebaut wurde. Im Unterbau der in den Fünfzigerjahren errichteten Straße fand sich eine Teersandschicht mit hoher PAK-Kontamination. Auch Teile des Asphalts waren von dem Gift belastet. Die ringförmigen Kohlenwasserstoffe sind krebserregend, ihre Verwendung im Straßenbau ist deshalb seit den Siebzigern verboten.

Privatgrundstücke als „kostenlose Müllkippe“

Beim Ausbau der A7 sollten die krebserregenden Stoffe deshalb „mit Zement verfestigt“ werden, heißt es aus dem niedersächsischen Verkehrsministerium in Hannover. Diese Bauweise sei „üblich“ und entspreche dem „Stand der Technik“. Allerdings leisteten sich die beteiligten Baufirmen massiven Pfusch: Sie verteilten das giftige Baumaterial nicht nur im Umkreis der Autobahn, sondern nutzten auch Privatgrundstücke als kostenlose Müllkippe. Nichtsahnend ließen sich Anwohner den Bauschutt anliefern – und verwandten ihn als „Unterbaumaterial für Gehwege, Carports und Garagen“, sagt Ordnungsdezernent Basse.

Baufirmen lieferten den giftigen Schutt an Anwohner anstatt ihn zu entsorgen

Zwar sind die dringendsten Umweltschäden im Umfeld der ursprünglichen Autobahnbaustelle im Süden der Landeshauptstadt Hannover mittlerweile beseitigt: „Im Umfeld von Regenrückhaltebecken finden sich keine PAK mehr“, sagt Stefan Wittke, Sprecher des niedersächsischen Wirtschafts- und Verkehrsministers Olf Lies (SPD). Nicht saniert seien dagegen „der Mittel- und der Seitenstreifen“ – an einem entsprechenden Konzept werde „noch gearbeitet“.

Spielplätze sind abgesperrt

Unklar ist bisher, wer die Kosten des Umweltskandals trägt: Das Land hat Strafanzeige erstattet, doch die Baufirmen weisen sich offenbar gegenseitig die Schuld zu. Sicher ist aber, dass auch die Privatgrundstücke aufwendig saniert werden müssen: „Das Schadstoffpotenzial ist erhöht“, sagt ein Sprecher des grünen Umweltministers Stefan Wenzel. „Flächen, auf denen Kinder spielen, sind bereits abgesperrt.“ Ziel sei, „das belastete Baumaterial ausbauen zu lassen“.

Doch dazu müssen Pflaster von Einfahrten und Wegen aufgenommen, das darunterliegende Baumaterial ausgebaggert und fachgerecht entsorgt werden. Den privaten Grundstückseigner drohen damit Kosten im vier- bis fünfstelligen Bereich. Die will der Kreis Hildesheim mit einem Fonds abmildern – vor Ort ist von einem Volumen von rund 1,5 Millionen Euro die Rede.

„In den nächsten Wochen“ seien dazu „zahlreiche Termine verabredet“, sagt Dezernent Basse. „Eigenmittel“ werde der Landkreis dazu nicht einsetzen, versichert er. Zahlen sollen offenbar die Baufirmen – oder das Land: Schließlich, wird in Hildesheim argumentiert, habe auch die Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr bei der Kontrolle der Bauarbeiten auf der A 7 versagt.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben