Peter Unfried Die eine Frage: Steht unser WM-Aus für das ganze Land?
Über die Jahre habe ich schöne Stunden damit verbracht, die Parallelen zwischen Deutschland, dem Land, und Deutschland, dem Fußballteam, zu untersuchen. Hab Norbert Seitz gelesen („Doppelpässe. Fußball und Politik“), Helmut Böttiger („Kein Mann, kein Schuß, kein Tor“) und hab mit Daniel Cohn-Bendit alles rauf- und runterdiskutiert. Und was soll ich sagen? Das ist lustig, aber es bringt inhaltlich null.
Der WM-Titel 1954 wurde in seiner gesellschaftlichen Bedeutung überschätzt. Erst recht die Pässe und Haare von Günter Netzer, die angeblich Brandts Politik und die Freiheitsbewegung der 68er symbolisierten. Die Parallelitäten des dauerbeleidigten Spießerpärchens Kohl–Vogts in den 90ern dito. Die wirklichen Reformen von Jürgen Klinsmann und Joachim Löw brachten ab Mitte der Nullerjahre ein geiles Fußballteam und eine völlig neue Begeisterung für diese, nun „unsere“ Nationalmannschaft, wurden aber von keiner politischen oder gesellschaftlichen Dynamik begleitet.
Wenn man sich nun die – gern auch geheuchelte – Aufregung der vergangenen Woche über das Ausscheiden des DFB-Teams im WM-Sechzehntelfinale anschaut, dann merkt man schnell, dass ein jeder sein Süppchen auf diesem Feuerchen kochen will: Fußballbranche, Parteien, Influencer, die mediale Unterhaltungs- und Politikunterhaltungsbranche (also wir), rechtspopulistische Büchsenspanner.
Im Kern hat sich die Mediengesellschaft mal wieder selbst geschaffen, worüber sie sich dann aufregt: Erst sind wir nach dem Sieg über (sic!) Curaçao fast schon Weltmeister, Undav ist der neue Messi, Nmecha ist Superweltklasse. Dann stellt sich raus, dass die Jungs schon ganz gut sind, aber halt nur gegen Curaçao gut genug. Na ja.
Die Aufarbeitung ist dringend nötig, aber eben fußballfachlich. Den Rest, angeblich fehlende „deutsche Tugenden“ in Team und Gesellschaft, angebliche ethnische, sittliche, charakterliche, patriotische Defizite, Analogien zur „Wirtschaft“, diesen ganzen Scheißdreck kann man sich sparen.
Nun könnte man entgegnen, mit der Nationalmannschaft werde stellvertretend die dringend notwendige Diskussion geführt, wer wir als bundesrepublikanische Gesellschaft sind und was wir eigentlich noch wollen?
Nein, wird sie eben nicht.
Peter Unfried ist Chefreporter der taz.
Sie wird ausgelagert und läuft darauf hinaus, dass „die“ nicht mehr gut genug sind, zu alt, zu langsam, zu lasch, zu satt, zu asozial, zu egoistisch. „Die“ sind immer die anderen, die Fußballer, die Politiker, die Parteien, die Unternehmer, die Arbeiter.
Don’t get me wrong: Ich freue mich wirklich, wenn wir eine großartige Nationalmannschaft haben. Aber deren Probleme zu lösen, ist, als würde man auf der „Titanic“ prioritär die Kapelle quotieren. Wünschenswert, aber das interessiert den Eisberg nicht.
Die Fragen einer notwendigen gesellschaftlichen Diskussion finden sich in zwei Buchtiteln: „Wer sind wir?“ von Joschka Fischer und „Wer wir sein könnten“ von Robert Habeck. „Wir“ meint uns und unsere Milieus, aber als Teil einer liberaldemokratischen Mehrheit. Das ist der entscheidende Paradigmenwechsel des Zeitenbruchs: Wir sind keine Kritiker am Spielfeldrand, wir sind keine „Zivilgesellschaft“, wir sind keine Anti-Dingsbums, keine „System“-Zerstörer, wir liegen nicht in Wackersdorf oder Lützerath im Widerstand.
Wir sind Akteure in der Verantwortung, mit allen Andersdenkenden der liberalen Mitte gemeinsam eine Gesellschaft, Wirtschaft, Politik in Deutschland und Europa hinzubekommen, die es nicht nur mit Paraguay, sondern mit Russland, China und zur Not auch den USA aufnehmen kann. Die Fragen, die wir diskutieren müssen, lauten: Wie kriegen wir das hin und was kann ich dazu beitragen?
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