: Lieber gefüllte Weinblätter als gedruckte Blätter
Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Das Schönste an einer Buchmesse ist ja der Augenblick, sozusagen der Höhepunkt des ganzen anstrengenden Tages, dass man nach stundenlangem Umherschwirren durch die riesigen Bücherhallen, endlich in der Messe-Kantine landet und sich mit all den Köstlichkeiten dort den Bauch vollschlagen darf.
Mein Favorit unter den Buchmessen ist die Istanbuler Messe, weil das Angebot dort, im Vergleich zur Frankfurter- oder Leipziger-Buchmesse, unvergleichlich besser ist. Ich meine natürlich, was das kulinarische Angebot betrifft.
Deshalb halte ich mich in der Istanbuler Buchmesse mehr bei den gefüllten Weinblättern auf als bei gedruckten Blättern.
Meine kulinarische Idylle wird jedoch andauernd von vielen Autoren sabotiert, die von morgens bis abends in der Kantine herumlungern und jammern, wie schlecht es ihnen geht und dass kein Mensch mehr ein Buch kauft.
Ein anständiger Beruf wäre besser gewesen
Ich werfe denen natürlich nicht vor, dass sie selbst daran schuld sind – wie mir meine Frau immer vorwirft –, dass sie anstatt zu schreiben, was Anständiges hätten machen sollen. Nach jahrelanger eigener Erfahrung weiß ich, dass man durch Jammern kein einziges Buch mehr verkauft. Ich habe es lange versucht, bevor ich dann in Halle 4 anfing.
Deshalb sage ich nicht „Leute, lasst mich in Ruhe essen und geht was Anständiges arbeiten“, sondern: „Leute, ich weiß, ihr könnt kein Buch verkaufen und seid pleite. Aber seid doch froh, ihr schreibt immerhin in der Türkei. Hier müsst ihr die Inhalte eurer Bücher für die türkischen Reporter nicht selbst übersetzen, so wie ich. In Deutschland können alle türkischen Reporter aus Prinzip kein Wort Deutsch, nur um mich zu nerven.“
„Was meinst du, was ich hier tue?“, ruft jemand, der eifrig am Tippen ist.
„Wieso? Können die Reporter in der Türkei etwa auch kein Türkisch? Toll, dann hat es ja Tradition und ist nicht gegen mich persönlich gerichtet“, sage ich voller Freude.
„Für die Reporter schreibe ich auch wieder nicht“, schmunzelt er.
„Für wen denn sonst? Schreibst du für die Autoren? Bist du etwa die türkische Version von KI?“
„Du kommst nie darauf. Ich schreibe für den Geheimdienst.“
„Wie bitte? Sie sind vom Geheimdienst?“
Osman Engin
ist Satiriker in Bremen. Sein aktuelles Buch ist „Osmans Alltag - Zwischen Köfte und Korinthenkackern“. (WortArt) Er steht für Lesungen zur Verfügung.
„Nein, ich doch nicht. Der Hidayet, der Hauptberuflich mein Telefon abhört, ist vom Geheimdienst. Der arme Kerl, der mich die ganze Zeit ausspionieren und täglich einen langen Bericht für den Geheimdienst verfassen soll, ist ein Analphabet.“
„Ich kapiere gar nichts mehr. Wie macht der Hidayet das dann?“
„Bei Allah, die Deutschlinge sind aber schwer von Begriff. Deshalb schreibe ich doch an seiner Stelle.“
„Sie spionieren sich selbst aus? Warum machen Sie das?“
„Als Schriftsteller hat man doch gewisse Verantwortung dem Volk gegenüber“, sagt er staatsmännisch. „Ich will nicht, dass man Hidayet kündigt. Er muss doch ein Dach über dem Kopf haben und seine Miete bezahlen können.“
„Wooow! Sie sind ja so was von selbstlos! Alle Achtung“, bewundere ich ihn.
„Muss ja“, lacht er. „Hidayet und ich wohnen seit sechs Monaten zusammen.“
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