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Olympisches EishockeyturnierDas C in Leons Namen

Die DEB-Auswahl setzt stark auf Star Leon Draisaitl. Insgesamt neun deutsche Profis kommen aus der NHL. Doch als Favorit sieht sich das Team nicht.

Muss sich nicht extra groß machen: Leon Draisaitl beim Training der DEB-Auswahl Foto: Kneffel/dpa

Er macht die Ansagen beim letzten Training der deutschen Eishockeymannschaft vor dem Turnierbeginn in der nagelneuen Eishockeyarena am südöstlichen Stadtrand von Mailand. Leon Draisaitl kniet auf dem Eis, gestikuliert und erklärt, wie man den nächsten Übungsangriff am besten angehen soll. Auch wenn man von der Pressetribüne hoch oben in der Halle nicht wirklich beurteilen kann, was da unten auf dem Eis besprochen wird, ist offensichtlich, wer der Chef im Team ist: Leon Draisaitl.

Der hat zum letzten Mal 2019 für die deutsche Auswahl gespielt. Da war er schon fünf Jahre in der National Hockey League bei den Edmonton Oilers und hatte sich gerade daran gemacht, zu einem der besten Angreifer der Liga zu werden, die sich selbst gerne und gewiss zurecht als die beste der Welt bezeichnet. Jetzt ist er als absoluter Superstar seines Teams nach Mailand gereist. 14 Millionen US-Dollar verdient er pro Saison, mehr kassiert keiner in der NHL. Und kaum einer trifft häufiger. 956 Scorerpunkte hat er allein in seinen 790 Spielen der regulären Saison für die Oilers erzielt, 399 Tore hat er geschossen.

Und doch hat es Diskussionen gegeben darüber, ob die Entscheidung von Bundestrainer Harold Kreis richtig war, ihn zum Kapitän zu machen. Das war jahrelang Moritz Müller. Der heute 39-Jährige sei schon dabei gewesen, als Deutschland noch „in den Niederungen des Sports“ unterwegs gewesen sei, meinte Nico Sturm von den Minnesota Wild, einer der neun deutschen Profis, die in Nordamerika ihr Geld verdienen, am Mittwoch in Mailand. Deshalb gebühre ihm Respekt, egal ob das C für Captain auf dem Trikot stehe oder nicht. Zudem sei es naheliegend, Draisaitl zum offiziellen Chef zu machen. „Er gehört zu den zwei, drei besten Spielern der Welt“, so Sturm.

Es gibt Spiele, in denen wir mit Sicherheit nicht der Favorit sind

Bundestrainer Harold Kreis

Bundestrainer Kreis stellte nochmal klar, dass so eine Entscheidung nicht von einer Minute auf die andere falle und dass es durchaus wichtig sei, wer das C trage. Den langen Weg von Müller, der seine liebe, lange Profikarriere in Köln verbracht hat, kennt er. Müller, der im olympischen Auftaktspiel gegen Dänemark am Donnerstagabend sein 114. Länderspiel machen wird, war dabei, als die Deutschen bei der WM 2009 in der Schweiz den 15. Platz belegten, und er stürmte, als Deutschland bei Olympia 2018 in Pyeongchang Silber gewonnen hat.

Da durfte Leon Draisaitl nicht mitmachen. Die NHL fand das Turnier in Südkorea geschäftlich uninteressant und ließ eine Teilnahme an unbezahlbaren Versicherungsgebühren für die edlen Profis scheitern. Bei den Pandemiespielen von Peking kam eine Teilnahme für die NHL ebenfalls nicht infrage. In Mailand feiert Draisaitl nun endlich seine Olympiapremiere.

Die Fahne, ein Traum

Vielleicht war es ja erst seine Rolle als Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier, die den heute 30-Jährigen als deutschen Superstar des Weltsports so richtig in den Fokus der Öffentlichkeit in seiner Heimat gerückt hat. Ein Traum sei das für ihn gewesen, der seine Olympiabegeisterung als kleines Kind vor dem Fernseher entwickelt hat, als er die olympischen Eishockeyturniere verfolgte. So erzählte er es in kleiner Medienrunde am Tag nach der Eröffnungsfeier.

Müde sah er da aus. „Jetlag ist auf jeden Fall ein Thema“, sagte er. Um fünf Uhr morgens sei er aufgewacht. Das ist nun schon ein paar Tage her. Die acht anderen Profis aus Nordamerika sind erst am Sonntag in Italien angekommen. Ob die nicht müde seien. „Die sind es gewohnt, jeden zweiten Tag zu spielen. Die wollen aufs Eis“, sagte dazu der Bundestrainer, dessen Team nur dreimal zusammen trainiert haben wird, wenn es ins erste Spiel geht.

„Die können alle sehr gut mit dem Puck umgehen“, erklärt er. „Und die Übungen, die wir machen, sind auch bekannt.“ Es habe ihm jedenfalls gefallen, was er gesehen habe beim Training. Man habe sich akklimatisieren können, wisse, wie die Kabinen aussehen, und ebenfalls, dass die Eisfläche noch ein wenig kleiner sei als in der NHL, auch daran habe man sich gewöhnt.

Und das Ziel bei diesem Turnier? Seit Pyeongchang sind die Erwartungen ja ganz schön gestiegen. „Auch damals waren wir nicht unbedingt die Favoriten und dann kam der größte Erfolg, den es je im deutschen Eishockey gab.“ Doch dann trat er wieder auf die Bremse. „Es gibt einfach Spiele, in denen wir mit Sicherheit nicht der Favorit sind.“ Die gegen Kanada und die USA zum Beispiel. Oder gegen Schweden oder Finnland. Oder Tschechien. „Aber man weiß nie“, meinte er dann noch.

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