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Olympischer KosmosVöllig losgelöst

Bei den Spielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo soll die heile Welt des Sports gefeiert werden – allen zunehmenden irdischen Verwerfungen zum Trotz.

Kirsty Coventry möchte mit irdischen belangen in Ruhe gelassen werden Foto: Luca Bruno/ap

An großen Worten fehlt es nie, wenn es um Olympia geht. Von den olympischen Werten ist dann die Rede, vom Erbe, das die Spiele in den Gastgeberorten hinterlassen, auf dass sie Generationen von jungen Menschen auf der ganzen Welt inspirieren mögen. Der Weltfrieden wird auch beschworen.

Das geschieht nicht in Lausanne, dem Sitz des Internationalen Olympischen Komitees, nein, in New York, bei den Vereinten Nationen, wird immer dann zum olympischen Waffenstillstand aufgerufen, wenn wieder Spiele anstehen. Alle Länder der Erde mögen für die Zeit der Wettbewerbe die Waffen ruhen lassen, wünschte sich die Vollversammlung im vergangenen November auch für die Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo.

Es war der erste Auftritt von Kirsty Coventry auf großer diplomatischer Bühne. Seit Juni amtiert die zweifache Schwimmolympiasiegerin aus Simbabwe als Präsidentin des IOC. Brav bedankte sie sich bei den Gesandten Italiens, des Gastgeberlands der Spiele. Auch Monaco und Katar bedachte sie mit Dankesworten. Wieso das denn, mag man sich da fragen. Die beiden Staaten teilen sich den Vorsitz in der informellen „Group of Friends of Sports for Develpoment and Peace“ bei der UN. Coventry weiß natürlich, dass es gerade nicht allzu gut steht um den Weltfrieden. Nun möchte sie den in ihren Augen unschuldigen Sport losgelöst sehen von dieser kriegerischen Welt.

„Wenn Athleten zusammenkommen, sehen sie keine Nationalität, Religion oder Herkunft. Sie sehen einander als Sportler. Sie zeigen uns, was menschliches Miteinander im besten Sinne sein kann“, sagte sie in bestem olympischen Friedenssingsang. Dann führte sie aus, wie schlimm es doch für einen Sportler sein muss, trotz nachgewiesener Leistung von den Spielen ausgeschlossen zu werden. Sportlerinnen und Sportler dürften nicht für etwas verantwortlich gemacht werden, was Regierungen anrichten. Seitdem öffnen sich für Sportlerinnen aus Russland und Belarus bei etlichen Verbänden wieder die Türen.

Bei den Paralympics wieder mit russischer Fahne

Nachdem Russland 2022 die Ukraine überfallen hatte, hatte das IOC vorgegeben, dass nur Sportlerinnen und Sportler aus den kriegstreibenden Nationen an internationalen Wettkämpfen teilnehmen dürfen, die keiner militärischen Organisation angehören und sich nicht für Kriegspropaganda haben einspannen lassen. Zudem durften sie nur unter neutraler Fahne ohne Hoheitszeichen und Hymne auftreten. Bei den anstehenden Winterspielen gilt das für 20 Athletinnen und Athleten aus Russland und Belarus.

Für den Jugendsport sind all diese Regeln schon gefallen. Auch bei den Paralympics, den Weltspielen für Menschen mit Behinderung, die am 6. März in Mailand beginnen, wird die russische Fahne wieder gehisst werden. Dass das dem Weltfrieden dient, wird auch im IOC nicht wirklich jemand denken. Aber die Entscheidung passt zu dem Bild der zwei Welten, das im IOC seit Jahrzehnten gezeichnet wird. Da gibt es die eine Welt, die in der alle Menschen leben, eine in der es auch mal kriegerisch zugehen kann. Und da gibt es die heile Sportwelt, die völlig unabhängig davon existieren soll.

An diesem Weltbild hält das IOC fest wie ein trotziges Kind, obwohl die großen Konflikte bis jetzt noch bei allen Spielen in die Sportwelt eingedrungen sind. Die Regeln, mit denen das IOC dafür sorgen möchte, dass die Politik den Sport nicht tangiert, können das nicht verhindern. Eine dieser Regeln besagt, dass politische Botschaften an den Wettkampfstätten nicht gezeigt werden dürfen. Bei den Sommerspielen vor anderthalb Jahren in Paris wurde die afghanische Breakdance-Artistin Manizha Talash aus dem Wettbewerb genommen, weil sie ein Tuch mit der Aufschrift „Free Afghan Women“ getragen hat. Es wurde dann nur noch mehr über die Situation von Frauen in Afghanistan gesprochen und über das IOC, das gern so stolz vor sich herträgt, dass ebenso viele Frauen wie Männer an den Spielen von Paris teilgenommen haben.

Auch die Kulturkämpfe der Gegenwart dringen nur allzu schnell in die Welt der Spiele ein. Nachdem die Eröffnungsfeier der Spiele von Paris als Weihefest der Diversität gefeiert worden sind, musste sich das IOC aus der rechten Ecke als woke beschimpfen lassen. Auch die Debatte um die Boxerin Imane Khelif, die von notorischen Anti-Trans-Aktivistinnen unverhohlen als Mann bezeichnet wurde, nachdem ein korrupter Boxverband behauptet hatte, ein Geschlechtertest habe ergeben, dass sie keine Frau sei, konnte das IOC nicht einfangen.

Sportler als Propagandawerkzeuge

Und die Spiele von Mailand und Cortina hatten noch lange nicht begonnen, da entspann sich bereits eine heftige Debatte um den Einsatz von Donald Trumps ICE-Schergen zum Schutz der US-Delegation in Italien. Dass das US-Team nun als Repräsentant eines Staates in Italien auftritt, der sich in Richtung Autoritarismus entwickelt, macht seine Sportlerinnen und Sportler zu Propagandawerkzeugen, ob diese das nun wollen oder nicht. Die Propagandaschlammschlacht gegen den Westen, die Russland um die jugendliche Eiskunstläuferin Kamila Walijewa inszeniert hat, deren positiver Dopingtests bei den letzten Olympischen Winterspielen in Peking öffentlich wurde, wird so schnell nicht vergessen, wer sie verfolgt hat.

Wenn Coventry in zwei Jahren die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles von Donald Trump eröffnen lässt, wird man gewiss an die zahlreichen männerfreundschaftlichen Handshakes ihres Amtsvorgängers Thomas Bach mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin oder dessen chinesischen Kollegen Xi Jinping denken. Nichts deutet darauf hin, dass das IOC sich in dieser Hinsicht ändern wird. So wie sie die Spiele seit Jahrzehnten nach dem immer gleichen Muster ablaufen.

Auch in Mailand, Cortina und den anderen italienischen Alpenorten, in denen die Wettbewerbe stattfinden, läuft alles so, wie man es von vergangenen Spielen kennt. Intensive Debatten auch innerhalb des IOC über Klimawandel und Nachhaltigkeit haben nicht zu einem zurückhaltenden Umgang mit den Alpen geführt. Der Neubau einer Bob- und Rodelbahn in Cortina d’Ampezzo steht beispielhaft dafür. Ein olympischer Waffenstillstand im Kampf gegen den verantwortungslosen Naturverbrauch ist beinahe ebenso wenig in Sicht wie der Weltfrieden.

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