piwik no script img

Ohne Chance bei zweifachem Triebwerke-Ausfall

■ Nur im Reiseflug kann eine Boeing747 den Ausfall von zwei Motoren verkraften

Die Fragen, die sich nach der Katastrophe von Amsterdam stellen, werden auch von den Fachleuten des Herstellers Boeing, der israelischen Fluggesellschaft El Al und den niederländischen Behörden nicht leicht zu beantworten sein. Vorausgesetzt, der Fracht- Jumbo verlor tatsächlich gleichzeitig zwei Triebwerke — was noch nicht endgültig bestätigt ist —, beziehungsweise zwei der Triebwerke fielen aus, hat die Crew so gut wie keine Möglichkeiten mehr zu einer Notlandung gehabt. Eine vierstrahlige Boeing747 kann zwar im Reiseflug auch beim Ausfall von zwei der vier Triebwerke fast auf gleicher Höhe gehalten werden, aber beim Ausfall von zwei Triebwerken im Steigflug war die rund 320 Tonnen schwere Maschine zu schwer, zumal wahrscheinlich ein ausgefahrenes Fahrgestell und gesetzte Landeklappen zusätzlichen Widerstand erbracht haben.

Bernd Kopf, Sprecher der deutschen Piloten-Vereinigung „Cockpit“, stellt dazu fest: „Wir kennen noch viel zu wenig Details, um uns schon ein Bild von diesem Unglück machen zu können. Aber unter solchen Umständen und in dieser Höhe ist der Ausfall von zwei Triebwerken nicht mehr zu kompensieren. Dann hat die Crew einfach keine Chancen.“

Das Mysterium ist tatsächlich der Ausfall von gleich zwei Triebwerken. Zwar haben schon wiederholt Verkehrsflugzeuge einzelne Triebwerke verloren. Auch hat es wiederholt Triebwerksausfälle gegeben, die allerdings von Jahr zu Jahr erheblich seltener geworden sind. Aber noch nie hat eine Boeing747 — der Jumbo gehört statistisch ohnehin zu den sichersten Jets — ein Triebwerk verloren. Nach bisherigem Erkenntnisstand ist dieser technisch moderne El-Al-Jumbo in New York glänzend gewartet worden. Mehrfach-Ausfälle von Triebwerken hat es in der Vergangenheit lediglich dann gegeben, wenn Vulkanasche in die Aggregate und Schaufeln eingedrungen war. Doch sind derartige Zwischenfälle letztlich glücklich ausgegangen, weil die Triebwerke wieder ansprangen.

Der bereits öffentlich kritisierte Umstand, daß der El-Al-Jumbo über bewohntes Gebiet geflogen ist und somit die eigentliche Katastrophe erst heraufbeschworen hat, läßt sich leicht erklären: Im Notfall ist jede Crew verpflichtet, auf dem kürzesten Weg zum nächsten Flughafen zu fliegen beziehungsweise umzukehren. Bei diesem Verfahren wird für die Piloten oft gar nicht erkennbar, ob sie über bebautes beziehungsweise bewohntes Gelände fliegen. In diesem Fall vervollständigte die Dunkelheit wohl die Misere.

Daß die Crew versucht haben soll, vor der Landung noch Kerosin abzulassen, ist nur logisch: Der Jumbo soll nach bisheriger Erkenntnis 150.000 Liter Kerosin für seinen Weiterflug getankt gehabt haben. Um wieder sicher landen zu können, mußte Treibstoff abgelassen werden, das Flugzeug wäre sonst viel zu schwer gewesen. Das aber ist ein allgemein übliches und verlangtes Verfahren bei vorzeitiger Rückkehr wegen technischer Defekte. dpa

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen