Obdachlose in Hamburg: Der Tod in der Kälte
Hamburgs Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ zieht eine dramatische Zwischenbilanz: Im Januar starben schon elf Wohnungslose Menschen in der Stadt.
Eine traurige Bilanz für das noch junge Jahr 2026 zog das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Bis zum 14. Januar waren in der Stadt bereits elf Obdachlose gestorben. Fünf Menschen ohne festen Wohnsitz waren nach Angaben der Polizei in Krankenhäusern oder städtischen Notunterkünften gestorben. Sechs weitere wurden im Freien tot aufgefunden. Zuletzt fand die Polizei am 13. Januar auf der Lombardsbrücke an der Außenalster einen toten Mann in einem Zelt.
„Die plötzliche Häufung der Todesfälle ist ungewöhnlich und alarmierend“, schreibt das Magazin. In früheren Jahren habe es nach offiziellen Angaben der Stadt nie mehr als 70 Todesfälle gegeben. Doch rechne man die Zahl aus den ersten beiden Januarwochen hoch, käme man auf mehr als 260. So schlimm werde es hoffentlich nicht kommen. Aber die Gesundheit der Menschen auf der Straße habe sich dramatisch verschlechtert.
Die Bilanz zog Hinz&Kunzt nach dem Ende der ersten Kältewelle in Norddeutschland. Doch die niedrigen Temperaturen kommen gerade zurück. Laut Wetterprognosen stehen Hamburg Nächte mit minus 4 bis minus 6 Grad bevor. In Hannover wird Obdachlosen ab einer Außentemperatur von minus 3 Grad die Übernachtung in der U-Bahn-Station Kröpke gewährt.
Hinz&Kunzt-Geschäftsführer Jörn Sturm fordert nun, dass dies auch in Hamburg regelhaft bei Kälte ermöglicht werden sollte. „Es ist ein Unding, wenn in Hamburg Menschen auf der Straße erfrieren“, sagt er. Der Staat habe eine Fürsorgepflicht für die Obdachlosen. Deshalb brauche die Stadt im Winter für Menschen, die auf der Straße leben, „warme Orte zu allen Tages- und Nachtzeiten, die auch kurzfristig zur Verfügung stehen“.
Aufenthalt in U-Bahnhöfen gefordert
Dafür benötigten die bestehenden Hilfseinrichtungen zusätzliche Mittel und Personal. „Und wir brauchen einen Schwellenwert, ab dem die U-Bahnhöfe für die Menschen nachts geöffnet sind“, sagt der Hinz&Kunzt-Geschäftsführer. „Zudem brauchen wir eine klare Informationskette, damit auch die Hilfseinrichtungen, die Obdachlosen und die Mitarbeitenden der Hochbahn davon wissen und die Hochbahn nicht die Menschen vertreibt.“
So habe die Hinz&Kunzt-Redaktion vor dem Schneesturm „Elli“ am 8. Januar aus dem Hamburger Rathaus die Information bekommen, dass die Menschen nicht aus U-Bahnhöfen vertrieben werden. „Es dauerte aber zu lange, bis uns auch die Pressestelle der Hochbahn zusicherte, dass das so ist.“ Doch man brauche bei gefährlicher Witterung eine schnelle Redaktion, „damit diese Information auch bei den Sicherheitsmitarbeitern ankommt“.
Die taz fragte am Mittwoch bei der Verkehrsbehörde, bei der Sozialbehörde und bei der Hamburger Hochbahn nach, ob es angesichts der Kälte wieder Obdachlosen erlaubt ist, nachts in U-Bahnhöfen zu schlafen. Und ob so eine Informationskette geplant ist. Bis Redaktionsschluss gab es keine Antwort. Und auch die Frage, ob es seit dem 14. Januar weitere Todesfälle gab, ließ sich am Mittwoch nicht klären.
In Hamburg gibt es im Winter zwei Großunterkünfte mit rund 700 Schlafplätzen. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) forderte angesichts der Todeszahlen, dass Hamburg die Unterbringung von Obdachlosen neu aufstellt. „Ich finde es sehr tragisch, dass die Hilfe, die die Stadt diesen Menschen zukommen lässt, viele offensichtlich gar nicht erreicht“, sagt der Landesvorsitzende Klaus Wicher.
Kritik an Sammelunterkünften
„Immer wieder hören wir, dass nicht nur Frauen, sondern auch viele Männer im Winter nicht in die Sammelunterkunft gehen wollen“, sagt Wicher. Sie fühlten sich dort nicht sicher, weil die Atmosphäre von Alkohol und Gewalt geprägt sei. Es könne aber keine Alternative sein, „in eisiger Kälte auf der Straße zu schlafen und zu riskieren, dabei zu erfrieren“.
Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) solle deshalb das Thema Sammelunterkünfte neu bewerten. „Die Idee, viele Menschen an einem Ort eine Übernachtungsmöglichkeit anzubieten, stammt aus meiner Sicht aus alten Zeiten, wo Obdachlosigkeit vor allem männlich geprägt war“, sagte Wicher. „Diese Sicht auf das Thema ist nicht mehr zeitgemäß.“ Nötig wären mehr Housing-First-Angebote.
Die zuständige Sozialbehörde erklärte dazu gegenüber dem Hamburger Abendblatt, eine pauschale Kritik an Sammelunterkünften greife zu kurz. Die Unterbringung Obdachloser sei deutlich differenzierter als früher. „In den Übernachtungsstätten des Winternotprogramms gelten klare Regeln“, sagte ihr Sprecher Wolfgang Arnhold: „Etwa ein Verbot von Alkohol- und Suchtmittelkonsum, und es ist dauerhaft Sicherheitspersonal präsent.“
Auch habe das Winternotprogramm Zwei- und Dreibettzimmer mit abschließbaren Schränken und für vulnerable Menschen auch Einzelzimmer. Die Änderung der Struktur des Winternotprogramms ist laut Behörde nicht geplant.
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