■ Was macht ein Volk aus?: Noten und Tänze
Nicht zufällig ist die Volksmusik- und Volkstanzbewegung in Osteuropa und besonders in Ungarn so populär. Osteuropa befindet sich noch immer im Zeitalter der nationalen Bewußtseinsbildung. Als eines der wichtigsten Mittel, eine nationale Identität zu schaffen, dient die Kreierung und Verbreitung einer Ordnung von Symbolen. Um die Nation zu legitimieren, suchen die „Traditionsschöpfer“ gerne nach solchen Kulturprodukten, denen Spuren des Altertümlichen anhaften. Denn die Vorstellung, nach der eine festgefügte Gemeinschaft, wie es die nationale sein soll, im Verlauf der Geschichte kulturelle Werte kontinuierlich bewahrt hat, sichert den sich als nationale Gemeinschaft begreifenden Individuen einen außerordentlich großen Zusammenhalt.
Die herausragendste Stellung und vielleicht stärkste Mobilisierungskraft unter den nationalen Symbolen besitzen solche nonverbalen Sinnzeichen wie die Nationaltracht, der Nationaltanz und die Nationalmusik. Die nonverbalen Symbolordnungen „sagen nichts aus“ – wenigstens nicht in Worten. Sie sind nur dazu geeignet, das Gemeinschaftsgefühl großer Massen zu verkörpern. Im gemeinsamen Singen und Tanzen kommt eine Art „saubere“ Übereinstimmung zum Ausdruck.
Die „Nationalmusik“ und die „Nationaltänze“ werden allerdings nicht auf spontanem Wege Teil des „Nationalreichtums“. Welche Musik und welche Tänze es wert sind, entscheiden die jeweiligen „Traditionsschöpfer“: die Experten. Zu Anfang dieses Jahrhunderts begann jener Diskurs über die „musikalische Muttersprache“ – ein ungarischer Begriff, der besagt, daß eine Nation analog zu ihrer Muttersprache auch eine musikalische Sprache haben müsse. Einen großen Einfluß auf die Debatte über ungarische Volksmusik und die „musikalische Muttersprache“ hatten Zoltán Kodály und Béla Bartók. Als sie im Zuge ihrer Volksliedsammlungen eine Typologie aufstellten, bildete die Urtümlichkeit eines Liedes den Hauptgesichtspunkt. Diese Konzeption beeinflußte den gesamten musikalischen Bildungsbereich.
Die Debatten der „Traditionsschöpfer“ sind bis heute voller ungeklärter Begriffe und unbereinigter Widersprüche. Der größte Widerspruch liegt gerade in der Vorstellung einer „musikalischen Muttersprache“: ihre Muttersprache eignen sich Menschen spontan und informell an, die als nationale deklarierte „musikalische Muttersprache“ wird dagegen an Schulen gelehrt. Hinter all dem verbergen sich die Fragen: Worin besteht das Volkstümliche? Wer oder was macht überhaupt das Volk aus? Csilla Könczei
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