Normalzeit: Das Hummelarium

Mit zwölf Jahren wurde Normalzeit-Autor Helmut Höge zum ersten Mal von einer Hummel gestochen. Vor kurzem besuchte er die Hummel-Ausstellung in der NGBK

Als ich zwölf Jahre alt war, bekam ich einen Glasschrank geschenkt, den ich mir mit Topfblumen als Insektarium einrichtete. Einige Tage lang fing ich dafür draußen in den Vorgärten Heuschrecken, Bienen, Hummeln und Wespen - mit der Hand. Einmal kam mir meine Mutter im Treppenhaus entgegen und fragte, was ich da hochtrage. Eine Hummel, sagte ich. Aber die stechen doch! entsetzte sie sich. Ich erschrak - und in dem Moment stach mich die Hummel tatsächlich. Wütend gab ich meiner Mutter die Schuld, wahrscheinlich zurecht.

Jetzt gibt es erneut ein Insektarium mit Hummeln (Bombus), sogar ein begehbares: in der Kreuzberger NGBK-Ausstellung "Der blinde Fleck". Es ist mit blühenden Engelstrompeten (Brugmansia) bepflanzt - nach Art einer Allee, an deren Ende zwei Bienenkästen stehen, die Zuchthummeln beherbergen. Etliche Hummeln hängen jedoch halbtot in irgendwelchen Ecken. Weil es in Kreuzberg inzwischen mindestens ein Dutzend Frauen gibt, die sich auf ihren Hausdächern Bienen halten, war das NGBK-Hummelarium natürlich für diese Honigkunstsammlerinnen und ihre Freundeskreise hochinteressant. In den Cafés am Heinrichplatz wurde einige Tage lang darüber diskutiert.

Ich habe zweimal eine Hummelreise nach Island unternommen, wo es keine Bienen und Wespen gibt, so dass die kälteunempfindlicheren Hummeln dort die Blumen fast allein bestäuben. Einige Biologen behaupten, gemäß ihres Gewichts und ihrer Flügelgröße dürfte die Hummel eigentlich nicht so gut fliegen können, wie sie es kann. Und einige US-Ökonomen behaupten, die nordischen Staaten dürften mit ihrer sausozialen Wirtschaftspolitik gar nicht so erfolgreich sein, wie sie es sind. Das hat diese Staaten, zu denen Island gehört, nun bewogen, die Hummel als ihr Wappentier zu wählen. Auch England könnte sich dem anschließen: Man sagt, es verdanke seinen Reichtum allein den Hummeln. Denn diese bestäuben am liebsten Kleeblüten, Klee ist Nahrungsgrundlage für Schafe - und Schafe sind Ausgangspunkt für die Textilindustrie. Bei der Beziehung zwischen Klee und Hummeln kann man von einer Symbiose sprechen. Die französischen Marxisten Gilles Deleuze und Felix Guattari haben daraus ein ganzes Lebensmodell gemacht: "Werdet wie der Klee und die Hummel!"

In Kreuzberg habe ich einmal eine Imkerin interviewt, die als Neueinsteigerin von der Feuerwehr kostenlos mit einem Schwarm versorgt und vom Neuköllner Imkerverein angelernt worden war. Sie, Hannah, bat mich nun zu recherchieren, ob das in der NGBK-Ausstellung auch keine Hummelquälerei sei - die Künstler würden immer unmenschlicher werden, nur um in die Presse zu kommen. Die NGBK-Chefin Leonie konnte sie dann aber schnell beruhigen: Die Hummeln, die meist für den Einsatz in Gewächshäusern gezüchtet werden, haben an ihren Kästen noch einen Hinterausgang - nach draußen an die frische Luft, so dass sie gar nicht auf die paar Blüten des Nachtschattengewächses Engelstrompete angewiesen sind. Leonie schickte mir dazu noch einen NGBK-Text zum Hummelarium, das sich der Künstler Klaus Weber ausgedacht hatte, um damit angeblich die "Nachtseite der Moderne" zu thematisieren: "Sein idyllisches Setting ermöglicht es, sich in rauschhafter Überschreitung zeitweilig den Regularien der Wirklichkeit mit ihren Kontrollmechanismen und Sicherheitskonzepten und auch der funktionalen Selbstbegrenzung des eignen Ichs zu entziehen."

"Wer - die Hummeln oder die Kunstbetrachter?", fragte mich Hannah. "Die Hummeln natürlich", behauptete ich einfach. "Wie hat der Künstler seine Hummel-Installation eigentlich genannt?" - "Allee der Schaflosigkeit." - "Das macht Sinn, aber dann hätte er doch besser Klee und nicht diese verquasten Engelstrompeten pflanzen sollen", meinte Hannah ungnädig.

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geb. 1947, arbeitet für die taz seit 1980, Regionalrecherchen, ostdeutsche Wirtschaft, seit 1988 kulturkritischer Kolumnist auf den Berliner Lokalseiten, ab 2002 Naturkritik.

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