„Niemand da“ von Ingvar Ambjørnsen: Unter der kranken Sonne
Ingvar Ambjørnsen begegnete Freaks, Hausbesetzern, Süchtigen mit Empathie. Nun gibt es suggestive Erzählungen aus dem Nachlass.
Ein gefeierter Schriftsteller war Ingvar Ambjørnsen in seinem Heimatland Norwegen schon in den Achtzigern, hierzulande kannte man eher „Elling“, den schrulligen Antihelden seiner erfolgreichen Romanreihe, als den Autor selbst. Ambjørnsen beginnt in den späten Siebzigern zu schreiben. Realistische, lakonische, aber alles andere als kunstlose Kurzgeschichten und Romane über Hausbesetzer, Freaks, Kleinkriminelle, Dealer und Süchtlinge, denen er mit großer Ernsthaftigkeit und Empathie begegnet, nicht nur weil er selbst diesem Milieu entstammt.
Seit Mitte der Achtziger lebt er in Hamburg mit seiner Frau und Übersetzerin Gabriele Haefs. Jetzt erscheinen seine Bücher auch auf Deutsch und werden vor allem in linksalternativen Kreisen rezipiert.
Als Szeneautor ist er dem bürgerlichen Literaturbetrieb und damit auch dem großen Lesepublikum eher verdächtig, zumal er nicht die kurrenten literarischen Moden bedient. Mit den formalen Spielereien der Postmoderne kann er ebenso wenig anfangen wie mit dem literarischen Ennui der Kinder aus gutem Haus, der eine Weile als Popliteratur missverstanden wird.
Ingvar Ambjørnsen: „Niemand da“. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Edition Nautilus, Hamburg 2026. 205 Seiten, 24 Euro
Außenseiter und Unangepasste
Er bleibt bei den Außenseitern und Unangepassten, die in der von marktwirtschaftlichen Prinzipien zugerichteten Gesellschaft keinen Platz haben, und somit weiterhin eine Art Geheimtipp. Sogar noch dann, als seine „Elling“-Romane um die Jahrtausendwende zu Bestsellern und sogar verfilmt werden.
Im Sommer 2025 stirbt Ambjørnsen an COPD. Wie die meisten seiner Protagonisten war er zeit seines Lebens ein starker Raucher. Sein letzter Storyband, den er immerhin noch zum Druck befördert hat, erscheint nun in einer mit Erzählungen aus dem Nachlass erweiterten deutschen Übersetzung.
In „Niemand da“ begegnen wir noch einmal, vorerst zum letzten Mal, dieser suggestiven Erzählstimme, die Anteilnahme und Verständnis aufbringt für die Marginalisierten, Misanthropen und Randständigen, sie aber eben auch nicht romantisiert, und die ihnen vor allem sprachlich jederzeit gewachsen ist.
So zeigen diese Geschichten stilistisch durchaus eine gewisse Bandbreite. In der Stimmungs- und Milieuskizze „Ganz unten (Hoheluft)“ etwa beschreibt er die Einsamkeit und Tristesse einer verranzten Einzelsäuferdestille, und plötzlich changiert seine Prosa ins Surreale und macht aus diesem hyperrealistischen Kneipenszenario eine trübe Unterwasserwelt.
Gefangene Zeit
„Wenn der Mann hinter dem Tresen gähnt und sich mit den Fingern durch den Grünbewuchs auf seinem Kopf fährt, können alle, die das wollen, den Aal sehen, der sich dort niedergelassen hat, wo einmal die Zunge dieses Mannes saß … Von meiner Armbanduhr steigen winzig kleine Blasen an die Oberfläche, sie lagern sich in Trauben in der Bakterienhaut unter der kranken Sonne ab. Wie gefangene Zeit.“
Mehrere dieser Storys lesen sich beinahe wie Träume, in denen kalkulierte Leerstellen und Ungereimtheiten die Handlung allmählich in ein bedrohliches Zwielicht tauchen. Dort lauern dann die Katastrophen.
In der Geschichte „Colour Magic“ illuminiert Ambjørnsen polyperspektivisch und mit erzählerischen Schnitten ein sich offenbar anbahnendes Fährunglück. In „Die Nachtwache“ bricht der Ich-Erzähler in ein verlassenes Hotel ein und erinnert sich in Rückblenden an ein traumatisches Kindheitserlebnis, als sein Vater ihn und seine kleine Schwester hier einfach zurückgelassen hat, um sie am folgenden Tag doch wieder einzusammeln.
Die schwebende, fast schon schlafwandlerische Erzählweise dieses typischen Einzelgängers wirkt, als sei er selbst nicht mehr so sicher, ob er seinen Erinnerungen trauen könne.
Verlassene Szenen sind das Leitmotiv
Verlassene Hütten und Häuser, noch dazu umgeben von unwirtlicher Natur, sind ein Leitmotiv in diesen Erzählungen. Ambjørnsens stets männliche Protagonisten verschaffen sich hier widerrechtlich Zutritt, nehmen sie in Beschlag oder inspizieren sie auch nur.
In der Auftakterzählung „Verwüstung“ entdecken zwei Jugendliche ein offen stehendes, aber bewohntes Strandhaus und steigern sich, befeuert vom Alkohol, in einen Rausch der Zerstörung. Einer der beiden entdeckt schließlich die Besitzer, sie liegen tot im Watt. Futter für die Möwen. Die Scham verfolgt die beiden Freunde nun ein Leben lang.
Die vielen usurpierten Domizile in diesen Geschichten sind mehr als nur Chiffren für die seelische Unbehaustheit seiner Charaktere. Sie sind zugleich Großmetaphern für die Arbeit des Schriftstellers. Auch der richtet sich im Leben der anderen häuslich ein, bedient sich ihrer Geschichte, um sie mit der eigenen zu überschreiben – und schließlich weiterzuziehen. Etwas Scham ist womöglich auch im Spiel.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert