: Nichts klingt so schrill wie Donald Trump
Uraufführung in Hamburg: In einem Opernlibretto zeichnet Elfriede Jelinek den US-Präsidenten als Wiedergänger von König Ubu. Olga Neuwirth hat schön-verstimmte Musik dazu komponiert
Von Dagmar Penzlin
Der König-Präsident liegt schwer im Magen. Monster Gorgonzilla ächzt. Es hat den gruselig-babyhaften Tyrannen verschlungen und sich selbst gekrönt. Im Monster-Reich flattern wieder Schmetterlinge, Häschen hoppeln heran, ein Reh beäugt zaghaft die grün überwucherten Hochhäuser.
Doch lange währt das Idyll in der Hamburger Staatsoper nicht. Das öko-bewegte Monster könnte für ein Naturparadies und damit einen Wendepunkt im dystopischen Grundsetting von „Monster’s Paradise“ sorgen.
Komponistin Olga Neuwirth und Dramatikerin Elfriede Jelinek lassen ihren neuesten Musiktheater-Wurf hier allerdings nicht enden. Sie schicken stattdessen ihre Alter Egos auf eine dystopische Floßfahrt ins Uferlose, vorbei noch an der versinkenden Elbphilharmonie in Richtung Sonnenuntergang.
Alle Liebe zur Natur und die Vernichtung des König-Präsidenten haben also nicht geholfen, um, wie es gleich zu Beginn erklärt wird, den „Wärmetod des Universums“ zu verhindern. Dieser Prolog im Himmel macht das Publikum bekannt mit den Vampirinnen Vampi und Bampi.
Beide „Vampiretten“ sind doppelt besetzt mit je einer Schauspielerin und einer Sängerin, die in der Uraufführung zugleich erkennbar Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth darstellen: Vampi-Jelinek und Bampi-Neuwirth reisen zu den Krisenherden der Welt. Neben Klimakatastrophen-getriebenen Überschwemmungen, Waldbränden und Kriegen gehört dazu auch der König-Präsident.
Er hockt in seinem ovalen Gold-Office auf einem goldenen Klo und tyrannisiert die Welt, gefeiert von Zombie-Bürger:innen und seinen Untergebenen in aufgerüschten Outfits mit Mickey-Mouse-Anklängen. Die Countertenöre Andrew Watts und Eric Jurenas umschmeicheln ihren menschenverachtenden, im wahrsten Sinne aufgeblasenen Chef – der von Demos bekannte Baby-Trump-Ballon lässt grüßen – mit barock anmutenden Koloraturkaskaden.
Der österreichische Bariton Georg Nigl grunzt, quiekt und schnaubt sich durch die Partie dieser Figur, die direkt von Alfred Jarrys groteskem „Ubu Roi“ aus dem Jahr 1896 abstammt. Vor seinem Ende im Monster-Magen grimassiert Nigl schließlich in Großaufnahme virtuos.
Eine König-Präsidenten-Persiflage, die einem leider allzu bekannt vorkommt und so weit wenig komisch ist. Angekündigt als „Grand Guignol Opéra“, also als musikalisches Kasperletheater für Erwachsene und als „Satire zum Stand der Gegenwart“, gab es bei der Uraufführung an der Staatsoper Hamburg kaum Lacher.
Laut Dramaturg Christopher Warmuth war das Libretto im März 2024 beendet, also noch vor der US-Wahl zu Trump II. Mittlerweile ist das nicht selten arg kalauernde und mit Zitaten gespickte Stück von der Realität im Grunde überholt. Es fehlt der dramaturgische Biss für eine Heldinnenreise, die wirklich fesseln und nachschwingen würde.
Regisseur Tobias Kratzer versucht szenisch die Schwäche auszugleichen, indem er gemeinsam mit seinem Ausstatter Rainer Sellmaier auf der Bühne auffährt, was geht. Etwa wenn es auf die Insel von Monster Gorgonzilla geht; Titelheld der Uraufführung, inspiriert von Godzilla, ein ikonisches Monster aus dem japanischen Kino der 1950er Jahre.
An der Staatsoper Hamburg umwogt das Meer Gorgonzillas Insel mit flatternder Plastikplane im Stil der Augsburger Puppenkiste. Hubschrauber und Flugzeug greift das Monster aus der Luft. Der Mord am König-Präsidenten ist schließlich als trashiges Schattentheater inszeniert. Und immer wieder tanzen Glitzerpuschel-schwingende Cheerleaderinnen durchs Bild.
„Monster’s Paradise“ ist neben frühen Mini-Opern das dritte abendfüllende Musiktheater-Werk von Elfriede Jelinek und Olga Neuwirth nach „Bählamms Fest“ (1998/1999) und „Lost Highway“ (2002/2003). Die österreichische Komponistin spricht mit Blick auf die Literaturnobelpreisträgerin Jelinek von einer „Seelenverwandtschaft“.
Neuwirth hat das Libretto zu „Monster’s Paradise“ gemeinsam mit Jelinek geschrieben und schließlich vertont als vielschichtigen Soundtrack. Der speist Zitate von Johann Sebastian Bach und Alban Berg ebenso ein wie offene Anleihen an Kurt Weills Brecht-Songs und Johann-Strauss-Walzer.
Dazu Pop, Jazz, Schreichöre, auch eine bewusst verstimmte Elektrogitarre, Schlagwerk-Effekte und eine elektroakustisch verzerrte Monster-Stimme. Der Floß-Epilog schließlich wartet mit einer Neuinterpretation von Klaviermusik Franz Schuberts auf.
Das ist alles grundsätzlich spannend anzuhören, ungeachtet mancher Längen. Tobias Kratzer, Intendant seit Spielzeitbeginn, plant jede Saison eine Uraufführung ein. Dieses erste Auftragswerk hatte große Erwartungen geweckt, aber nicht erfüllen können.
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