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„Nichts haben sie uns gesagt“

Die Bevölkerung in der cyanidverseuchten rumänischen Bergbauregion Baia Mare fühlt sich verraten. Schon früher soll es Giftunfälle gegeben haben, ohne dass die Behörden etwas getan hätten

Baia Mare (dpa) – In der rumänischen Bergbauregion Baia Mare ist nahezu alles vergiftet, was nur vergiftet sein kann: Boden, Luft und Wasser sind durch jahrhundertelangen Bergbau und zwei Chemiewerke verseucht. Ein Drittel der Bevölkerung leidet an chronischer Bronchitis, mehr als 500 neue Fälle der hirnschädigenden Bleikrankheit kamen allein im vergangenen Jahr hinzu. Ausgelöst werden die Krankheiten durch zehntausende Tonnen Bleistaub aus den Schloten des Bleiwerks Romplumb und Schwefeldioxid vom Chemiewerk Phoenix, die unentwegt auf die Bevölkerung niederregnen.

Nach der Cyanid-Katastrophe fühlen sich die Menschen einmal mehr verraten und verkauft. „Nichts haben sie uns gesagt“, schimpfen die örtlichen Bauern. „Unsere Kühe sterben auf den Weiden. Und schauen Sie, wie schlechte Zähne wir haben.“

„Todesmaschine“, nennen sie die Bergbauanlage Aurul, deren cyanidhaltige Abwässer vor zwei Wochen die Umweltkatastrophe in den Flüssen Somes, Theiß und Donau ausgelöst haben.

Während die Bauern behaupten, es habe schon im vergangenen Herbst drei Cyanid-Unfälle in der gleichen Anlage gegeben, geben die Behörden nur zu, dass am 21. September Gift ausgeflossen sei. Damals wurde die Rohrleitung repariert, durch die der mit Cyanid behandelte Schlamm in das Klärbecken transportiert wird. Zwei Kühe verendeten auf einer nahe gelegenen Weide. Die Bauern haben dafür 13 Millionen Lei (rund 1.400 Mark) pro Tier als Entschädigung bekommen. Das ist mehr als der doppelte Marktpreis. Mancher verstand daher auch den Betrag als eine Art Schweigegeld.

Fünf Brunnen in der Region gelten offiziell als cyanidvergiftet. Die Bauern aber trauen keinen amtlichen Verlautbarungen mehr. Sie testen ihre Brunnen, indem sie Fische hineinwerfen und warten, ob diese danach mit dem Bauch nach oben wieder auftauchen.

Die Verseuchungen in Baia Mare sind so vielfach und so alt, dass es selbst bei sofortiger Schließung aller Dreckschleudern Jahrzehnte dauern würde, bis sich die Region erholt: Metertief ist die Erde mit Schwermetallen durchsetzt. Das Flüsschen Sasar, in dem alle Bergbauabfälle landen, gräbt sich als braungelbe Brühe seinen Weg durchs Weideland neben Baia Mare und durch die Stadt. Die schmutzige Fracht ergießt sich in den Lapus-Fluss, der zur Somes fließt. Von dort flossen die todbringenden Abwässer in die Theiß und schließlich in die Donau.

Neben der übergeschwappten Unglücks-Kläranlage von Aurul gibt es weitere fünf alte Klärbecken mit Cyanidbehandeltem Restgestein. Der Aurul-Schutzdeich lässt schon beim unkundigen Betrachter Zweifel aufkommen. Körnige Erdmassen aus taubem Bergwerksgestein, ohne Zusätze wie Beton oder Zement, bilden den Beckenrand. Nur wenige Meter trennen den Wasserspiegel vom Deichrand. In der Bevölkerung nennt man die Anlage „angeschlagene Kaffeetasse“. Und man fragt sich, ob das Genehmigungsverfahren für das erst vor einem halben Jahr in Betrieb genommene Klärbecken einwandfrei war.

Nicht nur für sie mysteriös ist, warum der australische Manager von Aurul, Phil Evers, am 28. Januar ohne offizielle Begründung kündigte. Das war zwei Tage vor der Katastrophe. Öffentlich bekannt wurde sein Schritt aber erst Tage danach.

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