: Nicaragua nach dem Sturm
■ Präsident Alemán lobt den Katastrophen-Einsatz. Für die Flutopfer hat er nur Zynismus übrig. Die empfingen ihn mit Steinwürfen
San Salvador (taz) – Nicaraguas Präsident Arnoldo Alemán gibt sich im Angesicht der Katastrophe zufrieden. Die Phase des Notstands nach dem tropischen Wirbelsturm „Mitch“ sei so gut wie abgeschlossen, sagte er am Freitag nach einer Rundreise durch den Norden und Osten des Landes. Jetzt müsse man das Land wieder herrichten.
Für die Tausenden von Obdachlosen aus den Überschwemmungs- und Erdrutschgebieten hatte er nur Zynismus übrig: „Viele werden die Lage ausnutzen wollen und als ewige Flüchtlinge um Reis und Bohnen betteln.“ Sie sollten sich statt dessen als Tagelöhner bei der demnächst beginnenden Kaffee- Ernte einfach ein paar Cordobas verdienen.
Lob erhielt dagegen der Katastrophen-Einsatz: Alles habe prima geklappt und sei mit der dafür nötigen Disziplin durchgezogen worden. Claudio Gutierrez, Chef des staatlichen Meteorologischen Instituts, hält die Katastrophe, die mindestens 4.000 Menschenleben in Nicaragua kostete, ausschließlich für „eine Tat Gottes“ – obwohl er schon vier Tage vor dem furchtbaren Erdrutsch am Vulkan Casita wußte, daß es dort zu schütten begonnen hatte.
Die Regierung Alemán wurde dabei selbst vom örtlichen Roten Kreuz der „totalen Unfähigkeit“ geziehen. Bis zum Wochenende sind Hilfsgüter im Wert von 15 Millionen Mark in Nicaragua eingetroffen. Sicherheitshalber beauftragte nun der Präsident die katholische Kirche mit der zentralen Verteilung der Hilfe. Vor Ort aber sind die Bürgermeister zuständig. Aus etlichen Gemeinden wird berichtet, die Hilfs-Laster würden nicht nur mit Reis, Bohnen und Medikamenten bestückt, sondern auch mit der Fahne der Regierungspartei.
Und manchmal werden die Spenden schlicht gehortet. In Santo Tomás in der Provinz Chinandega wurde Ende vergangener Woche das Lager der Gemeinde von 450 hungernden Menschen aufgebrochen und geplündert.
Aus Ciudad Dario wurden bis zum Wochenende mindestens ein Dutzend Cholera-Fälle gemeldet. In Chinandega starben schon zwei Menschen an Leprospirose, die durch Rattenurin übertragen wird.
Angesichts solcher Mißstände erinnert sich mancher an den Wirbelsturm Juana, der 1988 über Nicaragua gefegt war. 99 Prozent der Stadt Bluefields an der Atlantikküste waren danach dem Erdboden gleich. Doch gab es damals nur einen einzigen Toten. Die Sandinisten hatten rechtzeitig evakuiert. Die materiellen Schäden machten aber das Wirtschaftsprogramm der Regierung zunichte und dürften einen Teil zur Wahlniederlage der FSLN beigetragen haben.
Auch jetzt gibt es erste Zeichen des Volkszorns. Alemán mußte die Stadt León nach seinem ersten Besuch nach „Mitch“ fluchtartig verlassen. Aufgebrachte Flutopfer hatten seinen Troß mit einem Hagel aus Steinen und Exkrementen empfangen. Bis zur nächsten Wahl jedoch sind es noch fast vier Jahre hin. Toni Keppeler
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